Klassik

Zum Saison-Start beißt das Konzerthaus in den sauren Apfel

Das Haus am Gendarmenmarkt orientiert sich an seiner Ost-Berliner Geschichte: mit einem sehr russischen Programm. Und Schostakowitschs Vierter Sinfonie, die aus gutem Grund selten gespielt wird.

Foto: Ali Schafler,Ali Schafler / ALI SCHAFLER

Der erste Auftritt gehört dem russischen Pianisten Arcadi Volodos. Der 1972 geborene Solist firmiert am Gendarmenmarkt als Artist in Residence der neuen Saison. Gewiss, im Laufe der Spielzeit sind dezidierte Themen-Schwerpunkte geplant, die sich eher am internationalen Publikum orientieren: eine Reihe zu Ehren von Nikolaus Harnoncourt, ein Mozart-Marathon sowie ein Festival „Berlin der 20er Jahre“.

Mit dem B-moll-Klavierkonzert von Peter Tschaikowski, gespielt von Volodos, sowie mit der Vierten Symphonie von Dmitri Schostakowitsch orientiert sich das Konzerthausorchester jedoch deutlich an seiner eigenen, seiner Ost-Berliner Geschichte, seinen Gründungsjahren unter dem Sowjetunion-Remigranten Kurt Sanderling.

Volodos bringt den Steinway zum Dröhnen

Arcadi Volodos etwa repräsentiert die russische Klavierschule an diesem Abend im Tschaikowski-Konzert mit einer altmodischen und gerade deshalb faszinierenden Kraft. Der beleibte Mann kann den Steinway mühelos zum Dröhnen bringen. Doch man spürt die archaische – und, ja, wohltuende – Männlichkeit seines Musizierens eher dann, wenn er mit den Pranken eines Bären umsichtig und sensibel die schnellen, leisen Arpeggien transparent ausspielt.

Es ist eine Art des Musizierens mit Orchester, die einem Svjatoslaw Richter vergleichbar ist. Der verlor im Dickicht des virtuosen Passagenwerks durchaus mal die eine oder andere Note, schärfte aber den Sinn des Zuhörers um so mehr dafür, wie wichtig das große Ganze ist. Dies sind sowohl die Liga als auch die künstlerische Haltung, in der Arkadi Volodos zu Hause ist.

Jenseits des Standardrepertoires

Der Dirigent Andrey Boreyko wurde wohl wegen der Leitung von Schostakowitschs Vierter verpflichtet. Die großbesetzte Symphonie, ein rekordhaft unfreundliches, unwirtliches musikalisches Gleichnis von Unfreiheit, Zwang und Gewalt, wollen auch heutzutage nicht viele Orchester spielen, und entsprechend gibt es nur wenige Pultstars, die Erfahrung damit haben. Bemerkenswert in Zeiten, in denen die Symphonien von Schostakowitsch Standardrepertoire sind.

Das Konzerthausorchester, vom Schostakowitsch-Adepten Sanderling gegründet, will zeigen, dass es Schostakowitsch etwas näher ist als andere. Es muss also in den ganz sauren Apfel beißen und die Vierte spielen, die wegen ihres krassen Widerspruchs zur stalinistischen Doktrin der Volksnähe von Musik kurz vor der geplanten Uraufführung 1936 verboten wurde. Schon allein deshalb hat der Komponist nie wieder Musik dieser Art geschrieben.

Boreyko und das Konzerthausorchester zeigen in den brutalen Märschen, der gespenstisch flirrenden Streicherfuge des ersten Satzes, den nackt plärrenden Bläsersoli und dem immer wieder hereinbrechenden Schlagzeuglärm eine Souveränität, die keineswegs zu erwarten ist. Unerwartbar ist jedoch auch, dass sich die Interpreten eigentlich auf die leisen Stellen des Stücks konzentrieren. Hoffnung und Glück gibt es nicht in der Vierten, und doch hat Schostakowitsch dafür gesorgt, dass man die Erinnerung an diese Momente des Lebens behält. Boreyko und das Konzerthausorchester sind gemeinsam in der Lage, dies zu zeigen. Matthias Nöther