Ein Anzug versteckt den massiven Körperbau. Der Händedruck freilich verrät den wohl widerstandsfähigsten Actionstar der Kinogeschichte. Doch als Sylvester Stallone das Gespräch im Hotel Eden in Rom beginnt, wirkt er eher sanft und knuddelig wie ein Teddybär. Die einzige Bedrohung geht von seiner PR-Betreuerin aus, die keine persönlichen Fragen hören möchte. Nur hindert das Stallone nicht, diese mit verblüffender Offenheit zu beantworten.
Berliner Morgenpost: Als Sie 64 waren, begründeten Sie mit „Expendables“ eine Franchise, in der die Veteranen des Genres aufmarschieren. Jetzt präsentieren Sie mit 68 den dritten Teil (Starttermin 21. August) Hatten Sie diesen Erfolg erwartet?
Sylvester Stallone: Mir war jedenfalls klar, dass ein Publikum dafür existiert, auch wenn das natürlich nicht die 18-Jährigen sind. Aber selbst wenn deine Knochen dir wehtun, kann deine Seele und dein Herz noch jung bleiben. In deinem Kopf bist du erst 25. Auch wenn es ältere Kollegen gibt, denen inzwischen alles scheißegal ist, aber andere, die haben noch Feuer. Ich gehöre dazu, Arnold gehört dazu oder genauso Bruce. Und es gibt eben auch viele Zuschauer, die ähnlich denken. Und für die machen wir diese Filme.
Sie und Schwarzenegger waren in den 80-ern die großen Rivalen. Können Sie sich noch daran erinnern?
Aber klar. Vor uns gab es keine richtigen Actionfilme; wir verkörperten die ersten Helden, bei denen sich alles ums Körperliche drehte. Ich schaute mir dieses Monster an und dachte mir: „Du musst besser in Form kommen.“ Und er dachte sich: „Ich muss meinen Akzent verlieren.“ Ab und zu haben wir uns dann gegenseitig aufgezogen: „Ich hab gehört, dein letzter Film ist nicht gut gelaufen.“ – „Oh, ist nicht dein ‚Junior’ gefloppt?“ Aber er hat das Karrierespiel besser als ich beherrscht, denn er hat immer Beziehungen zu guten Regisseuren gepflegt.
So ging es bei Ihnen steil abwärts, bis Sie Ihrer Laufbahn 2006 mit dem sechsten „Rocky“ noch einmal Schub verpassten.
Ich machte die klassischen Fehler – bin schlechten Ratschlägen gefolgt, war nur aufs Geld aus. Beim fünften „Rocky“ gab ich mir keine Mühe mehr. Ich hätte den selbst inszenieren sollen, aber ich dachte nur: „Das ist eine sichere Nummer. Da kann nichts schief gehen.“ Es war, als hätte ich einen Weltmeisterschaftskampf gehabt und mich in der Nacht davor besoffen. Die ganze Zeit dachte ich mir: „Wenn ich im Leben noch eine Chance bekomme, dann möchte ich einen sechsten ‚Rocky’ drehen.“ Als ich dann die Gelegenheit hatte, machten sich alle über mich lustig. Aber ich dachte mir, dass der funktionieren würde – und es hat geklappt. Denn es ging nicht mehr um das Körperliche, sondern um Emotionen.
Aber für Ihre Actionfilme strapazieren Sie Ihren Körper ganz schön. Wie gut sind Sie noch in Schuss?
Bei den Drehs merke ich mein Alter schon sehr. Kaum mache ich eine falsche Bewegung, schon hab ich mir was gerissen oder gebrochen. Bei „Expendables 3“ hab ich mir den Rücken verletzt. Aber es ist mir lieber, als wenn ich irgendwelche Choreographien beachten muss, weil die Bilder mit Computeraufnahmen ergänzt werden. Da kann ich nicht ich selbst sein. Und es bringt Glück. Jedes Mal, wenn ich drehe und mich nicht verletze, kommt ein furchtbarer Film dabei heraus.
Sind Sie eigentlich auch außerhalb des Filmsets ein so harter Kerl?
Ich hatte nie die Situation, wo ich mich verteidigen musste. All die gefährlichen Sachen, die ich erlebt habe, geschahen bei Drehs. Und zu Hause habe ich nichts zu sagen. Da herrschen nur die Frauen – meine Frau und meine drei Töchter. Wir haben auch drei Haushälterinnen. Und unsere Hunde sind kastriert.
Wie überleben Sie in so einer Welt?
Wer sagt, dass ich das tue? Es gibt da einen großen Falken in der Nähe unseres Hauses. Jedes Mal, wenn er sich einem Krähennest nähert, stürzen sich 100 von denen mit Geschrei auf ihn. Und prompt haut er ab. Denn die Krähen gewinnen jedes Mal. So geht es mir.
Weshalb gewinnen die Frauen in Ihrem Haus?
Wenn ein Mann etwas erreichen will, dann erkämpft er sich das mit purer Willenskraft. Eine Frau dagegen setzt auf Können. Du kannst sie nie in einer Diskussion besiegen. Denn sie wird dich mit ihrer Logik begraben. Und mit ihrer Energie. Ich habe das Gefühl, dass die ihnen niemals ausgeht.
Aber fänden Sie ein braves Weibchen attraktiver?
Unwahrscheinlich. Es dauerte, bis ich mich daran gewöhnt hatte, die Kontrolle aufzugeben. Aber es hat seine Vorteile. Du kannst dich faul unter einen Baum setzen und deine Frau die ganze Arbeit machen lassen. Natürlich beklagt sie sich ständig: „Du tust nie was.“ – Und ich sage: „Du willst es doch gar nicht anders. Du bist diejenige, die die Mädchen in die Schule fahren möchte.“ – „Du bist verrückt“, heißt es dann. Meine Antwort: „Du bist ein Kontrollfreak, du lässt mich nichts tun, weil du’s machen willst.“ Das ist die perfekte Situation. Natürlich ist sie sauer auf mich, aber dafür muss ich nicht hart arbeiten.
Zumindest sind Sie körperlich ein richtiges Mannsbild. Was würde Ihre Frau sagen, wenn Sie keine Muskeln mehr hätten?
Sie meint, sie würde mich immer noch attraktiv finden. Aber das kaufe ich ich ihr nicht ab. Sie sagt: „Pack mehr Fett drauf, dann gibt es noch mehr von dir.“ Ich finde eher, dass sie ein paar Pfunde mehr vertragen könnte, sie ist zu dünn. Ich dagegen würde es nicht vertragen. Als ich für „Copland“ ein paar Pfunde drauflegte, bekam ich Rückenschmerzen und Sodbrennen.
Glauben Sie nicht, dass für Ihre Frau innere Werte mehr zählen?
Wenn ich’s recht bedenke, dann vermutlich ja. Sie ist vermutlich netter als ich. Ich fragte sie mal: „Was wäre, wenn ich im Rollstuhl sitze? Würdest du ihn von der Klippe stoßen, wenn ich es will?“ Aber sie war ganz entgeistert: „Wie kannst du nur so etwas sagen?“
Würden Sie wirklich sterben wollen, wenn Ihr Körper lahmgelegt wäre?
Das würden doch die meisten in so einer Situation. In den ersten paar Monaten denkst du an Selbstmord. Wer will schon so leben?
Das tun doch unzählige Menschen.
Genau. Und deshalb würde sich ein anderer Teil meines Bewusstseins einschalten und ich würde mich an die Situation anpassen. Das ist ganz logisch so. Allerdings, sollte ich vom Hals abwärts gelähmt sein, da würde ich vielleicht schon den Stecker ziehen lassen.
Zum Glück strotzen Sie trotz Ihrer Blessuren weiterhin vor Gesundheit. Sind Ihre drei Töchter auf den großen Actionstar stolz?
Das ist denen egal. Sie sind die Königinnen zuhause. Oder vielmehr: Sie sind die Könige und ich die Königin. Sobald deine Töchter ins Teenageralter kommen – meine sind 17, 16 und 12 – bist du abgeschrieben. Sie wollen ja nicht mal mehr, dass ich sie direkt zur Schule bringe. Ich muss sie einen Block vorher aus dem Wagen lassen. Ich sage ihnen: „Eure Mitschüler lieben mich alle, und ihr findet mich peinlich. Ihr habt Rocky und Rambo als Vater, das ist doch toll.“ Aber sie ziehen nur eine Schnute. Deshalb habe ich es aufgegeben. Wenn ich mal lautstark werde, dann schreien sie noch lauter. Sie haben keine Angst vor mir – vor gar niemand. Die Jungs, die mit ihnen ausgehen, haben jetzt schon mein Mitgefühl.
Aber angeblich schüchtern Sie die Verehrer Ihrer Töchter ein, indem Sie zur Begrüßung wie Rambo auftreten.
Nein, nein. Ich sage gar nichts. Die Jungs trauen sich gar nicht erst zu uns nach Hause. Sie glauben, dass ich sie wie Rambo mit Pfeilen durchlöchern würde. Behaupten zumindest meine Töchter. Irgendwie scheinen die nicht zu begreifen, dass das alles nur ein Film war.
Was für Jungs würden Sie sich als Partner Ihrer Töchter wünschen?
Am besten welche, die ihr Gehirn einsetzen. Ein paar nette Nerds. Denn die Muskeltypen scheitern meistens im Leben.
Sie aber nicht.
Ich halte mich aber eher für einen Nerd. Ich rase nicht auf dem Motorrad durch die Gegend, ich halte mich nicht an der Bierdose fest, trete niemand in den Arsch. Lieber sitze ich in meiner großen Bibliothek zuhause und und schreibe. Oder ich male.
Warum drehen Sie dann immer diese testosteronlastigen Filme, die ein ganz anderes Bild Ihrer Person vermitteln? Sie haben sich doch auch in ernsthafteren Rollen versucht...
Wenn ich Dramen wie „Copland“ drehen dürfte, würde ich nur so etwas machen. Aber das funktioniert nicht. Das frustriert mich auch, denn ich bin ein viel besserer Schauspieler als früher. Aber ich bin Realist. Mit solchen Rollen kann ich mir nichts zum Essen kaufen.
Ein bisschen was werden Sie doch wohl noch auf der Bank haben. Wollen Sie es nicht mal versuchen?
Das tue ich auch. Demnächst kommt ein kleines Drama namens „Reach Me“ heraus, in dem ich vier Szenen habe – das war ganz, ganz seriöse Schauspielarbeit. Aber das ist ein Ausnahmefall. Sobald ich eine Rolle spiele, die mehr auf Dialogen aufbaut, mögen das die Leute nicht. Jedes Mal, wenn ich etwas anderes ausprobiere, ist das ein Fehler. Deshalb waren ja auch meine Komödienrollen Reinfälle. Ich muss gegenüber meinen Fans loyal bleiben. Ich habe nicht mehr so viele Kugeln in meiner Kanone. Mit 20 hatte ich vielleicht noch tausend, jetzt muss ich besser aufpassen, worauf ich ziele. Will ich mit einem wunderbaren europäischen Regisseur einen Film drehen, der aber nie ins Kino kommt? Will ich ich etwas für meine Seele tun oder lieber für die Menschen, die loyal zu mir sind? Wenn Sie in ein chinesisches Restaurant gehen, dann wollen Sie schließlich auch nicht, dass man Ihnen russische Küche vorsetzt. Wenn Sie ein Gemälde suchen, dann sagen sie: Ich will Gerhard Richter, nicht Cy Twombly. Diese harte Realität gilt eben auch im Schauspielberuf. Wenn du ein Ford bist, kannst du eben kein Chevrolet sein.

