Literatur

Für Katja Lange-Müller ist Berlin wie ein „Durchgangsbahnshof“

Kaum jemand hat so viel Berlin-Expertise wie Katja Lange-Müller. Wir sprachen mit der Schriftstellerin über die rasanten Veränderungen der Stadt, was sie vermisst und die Orte, die sie meidet.

Foto: Amin Akhtar

Katja Lange-Müller, Jahrgang 1951, kennt alle Seiten. Im Osten lebte sie bis 1984, danach in West-Berlin und auch das vereinte Berlin hat sie nicht verlassen. Die Autorin hat nahezu alle Preise abgeräumt, vom Bachmann-Preis über den Döblin-Preis bis zum Kleist-Preis. Ihr letzter Roman „Böse Schafe“ spielt 1987 in West-Berlin. Mehr Berlin-Expertise geht nicht.

Berliner Morgenpost: In Ihrem Roman „Böse Schafe“ nennen Sie die Ur-Berliner, egal ob West oder Ost, „Aborigines“, die sich damals fühlten wie Asseln, denen die Steine, unter denen sie lebten, weggenommen wurden. Sie wünschten sich die Ruhe, die Dunkelheit zurück, das, was sie kannten.

Katja Lange-Müller: Das war die Situation damals. Es hatte sich alles so schön eingeschaukelt. Ich meine, der große Katzenjammer im ehemaligen Osten, das ist schwer zu verstehen und dann doch wieder ganz gut. Es ist der Ort, der dich hervorgebracht hat, es sind die Gerüche, es ist mehr das Sinnliche, Dinge, die gar nicht politisch sind. Es ist ja doch ein frühhistorischer Roman, er beschreibt West-Berlin als ein Vineta, das eigentlich unglaublich schnell verschwand. Einen Monat nach Unterzeichnung des Vertrages über den Beitritt, entfiel die Berlin-Zulage, entfielen all diese Vergünstigen. Das war ja alles von heute auf morgen weg. West-Berlin hing total am Tropf der Bundesrepublik. Es gab kaum Wirtschaft, und mittlerweile ist der letzte Industriebetrieb kein Berliner Betrieb mehr, Schering gehört jetzt Bayer. Die größte Produktionsstätte in Berlin ist eine Filiale der türkischen Bäckerei Ülker. Sonst gibt es nur noch Touristen, Künstler, Kellner.

Ist das einzig Beständige an Berlin die permanente Veränderung?

Berlin ist ja nur ein anderes Wort für Metamorphose. Diese Stadt hat sich immer verändert. Das hängt mit der geographischen Lage zusammen. Berlin ist halt die westlichste Stadt im Osten und die östlichste Stadt im Westen. Und ist so ne Art Durchgangsbahnhof. West-Berlin hatte was ungemein Provisorisches. Du hast jedem angemerkt, dass sein Aufenthalt in dieser Stadt nur ein vorübergehender sein sollte. Die wenigsten Menschen kamen nach Berlin, mit der Absicht, den Rest ihres Lebens da zu verbringen. Manchmal denke ich auch, dieses West-Berlin habe ich nur geträumt. War natürlich eine andere Zeit. Eine Zeit, in der meine Wahrnehmung hochgradig geschärft war. Ich kam ja woanders her. Es war schon echt bizarr, dass man ein System wechseln konnte, ohne die Stadt zu verlassen. Das war in sich grotesk. Und das Erstaunliche war eben, wie schnell dieses West-Berlin aufhörte zu existieren, als es keine Insel mehr war. Wie da im Osten mit kartoffelkeimartiger Geschwindigkeit die Szenekneipen aus den Ruinen sprossen, das hatte schon was Atemberaubendes. Alle wichtigen Theater, alle Orte, an denen etwas stattzufinden hatte, befanden sich nun im Osten. Und West-Berlin war plötzlich der uninteressanteste Ort der Welt. Wenn du damals mit der S-Bahn fuhrst, hattest du Gulliver-Visionen, sahst so Riesenmaulwürfe, die die Stadt umgruben. Du hattest das Gefühl, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Mit so etwas hatte überhaupt niemand gerechnet, vor allem nicht mit dieser Geschwindigkeit, und auch nicht mit den Folgen. Die Folgen spüren wir heute noch. Es gibt fast keinen sozialen Wohnungsbau mehr. Es gibt noch WBS-Scheine, damit kannst du mittlerweile dein Klo pflastern. Das interessiert ja keinen mehr.

Es ziehen immer mehr Menschen nach Berlin. Haben Sie eine Idee, warum?

Ich glaube, die Menschen, die heute Berlin bevölkern, es sind ja auch sehr viele junge, die haben das quasi schon mit der Muttermilch eingesogen, dass es Stabilität nicht mehr gibt, denen ist Heimat die Abkürzung für Heiliger Matsch. Die leben ja längst in der Zentrifuge, also ohne Schwerpunkt. Berlin ist eine Transitstadt geblieben. So ein Ort, wo man sich niederlässt wie eine Nachtmotte, eine Weile herumsitzt, mal von der Blume kostet und mal von der. Und dann macht man die Flatter. Was sollen die Leute hier auch tun? Hier studiert man. Und dann? Damals haben sie sich vor der Bundeswehr gedrückt. Man war auch ein bisschen unerreichbar für die Eltern aus Wessi-Land, die ja dachten, wenn sie nach West-Berlin fahren, dann sind sie gleich bei den Kommunisten. Man hatte hier schön seine Ruhe, die schickten Geld, kamen aber nicht zu Besuch.

Sie leben seit 17 Jahren im Wedding. Wie sicher vor Veränderungen ist man hier noch?

Die Karawane zieht ja auf seltsamen Pfaden immer weiter durch diese Stadt. Wir hatten gehofft, der Wedding bleibe außen vor, als der sogenannte Osten des Westens. Aber auch den Wedding hat es jetzt erwischt. Berlin erinnert mich an Paris vor zehn Jahren. Überall die gleichen, seltsamen Lokale. Das hat alles was Pseudo-Improvisiertes, ist aber gar nicht improvisiert, soll bloß so aussehen. Fürs Tägliche gibt es nur noch diese Netto-Baracken und Lidl-Tankstellen. Aber alles andere, was mal Spaß gemacht hat, einschließlich der Eckkneipen, ist weg. Wer hat denn schon Lust alle fünf Meter einen Milchkaffee zu trinken? Das ist doch albern. Das ist auch alles so ähnlich. Du gehst da rein und fragst dich, wo ist das jetzt, in London, in Paris oder in Barcelona. Es ist austauschbar, es sind Bausteine. Die ganze Stadt ist zersplittert, zerbröckelt in so Universalelemente.

Ist das auch in Ihrer Nachbarschaft zu spüren?

Hier gibt es viele junge Franzosen, die es ganz toll finden, in der Malplaquetstraße zu wohnen, übersetzt heißt das einfach „schlechter Belag“, die Schlechter-Belag-Straße. Aber wie lange ist das lustig? Es kommt die erste Mieterhöhung, die zweite, die dritte, und dann ist es schon weniger lustig. Und nach der vierten kommt das Heimweh. Nebenan wohnen Kanadier und Amerikaner, aber die sind auch unter sich. Es entstehen überall so kleine Diaspora-Grüppchen, mit bestimmten Lokalen, die besuchen sie eben und andere nicht. Sie wachsen nicht richtig ein. Als ich von Splittern sprach, meinte ich auch diese Splittergruppen von Menschen.

Gibt es Orte, die Sie vermissen?

Woran mein Herz wirklich hängt, das ist der alte Westhafen. Doch der war natürlich auch anders. Da gab’s so Kneipen, das Weiße Ferkel und die Faule Biene. Im Weißen Ferkel gab es prima Königsberger Klopse. Man kommt nicht mehr rauf auf den Westhafen, aber noch ist er da.

Wohin können Sie gar nicht gehen?

Friedrichshain halte ich nicht aus oder den Kollwitz-Platz. Da kann man nicht hin. Das ist eine Beleidigung für jeden Aborigine. Unerträglich. Dazu kann man wirklich nur Karikaturen von OL angucken, „Die Mütter vom Kollwitz-Platz“. Aber ohne mich.

Aus dem Treppenhaus dringt Baulärm in die Wohnung. Wir sitzen uns am Tisch gegenüber und nicken einfach nur.

Wird ja überall gebohrt, gesägt, gehämmert, doch irgendwie hast du auch das Gefühl, das Alte geht nie richtig kaputt und das Neue wird nie richtig fertig. An allem wird so ein bisschen rumgefummelt, aber nichts ist richtig. Und das Neue? Dieser Marlene-Dietrich-Platz, was für ein unsäglicher Quatsch. Was für grässliche Architektur. Und wie jetzt schon vorgestrig wirkt das, wie verbraucht und trotzdem unbrauchbar.

Ist das eine gefährliche Entwicklung?

Im Moment, glaube ich, ist so ein Stadium erreicht, in dem Berlin wiedermal eine schwierige Stadt ist. Also eine Stadt, von der man das Gefühl hat, dass sie immer anonymer wird, dass sie sich entgleitet. Dieser ganze Hype ist vollkommen unbegreiflich. Es ist ein potemkinsches Dorf. Es ist alles gelogen. Die Stadt kommt mir so verlogen vor im Moment, so unwahr. Nicht unwirklich, sondern unwahr. Die eigentlichen Probleme der Stadt sind ja nicht geklärt. Was fängt man mit so einer Stadt wie Berlin an? Was muss man hier machen? Hier muss man in Bildung investieren, in Universitäten, in Kunst, das muss man fördern. Dafür muss man auch viel Geld in die Hand nehmen, denn das ist das Potential dieser Stadt, und wenn man es nicht macht, dann bleibt nur dieses Pseudo übrig. In Wien zum Beispiel ist das Beisel ein geschütztes Kulturgut. Die kriegen Zuschüsse dafür, dass sie offenen Wein ausschenken, regionale Gerichte anbieten, doch die Berliner Eckkneipe hat keine Sau interessiert. Dabei gehört das alles zum Begriff Kultur. Aber wenn du mit Verantwortlichen sprichst, dann ist immer nur von Filmfestivals die Rede, nie von Eckkneipen. Wenn sich einer um sowas kümmert, wird für einen Witzbold gehalten, dabei ist der Kern ein tief ernster. Man muss solche Dinge mal ernst nehmen. Wenn eine Stadt oder ein Ort das letzte Unverwechselbare verloren hat, dann hört er auf, zu existieren, dann hat er nur noch ein Etikett.

Sonntag, 16 Uhr: West-Berlin – literarisch: Katja Lange-Müller im Märkischen Museum, am Köllnischen Park 5