Film

Schauspielerin Idil Üner will nicht immer nur die Türkin sein

Die Männerversteherin: Die Berlinerin hat das andere Geschlecht erkundet. Im Film „Einmal Hans mit scharfer Soße“. Und auf der Bühne, in „Süpermänner“. Die 42-Jährige über Rollenklischees und Schubladendenken.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Fragen Sie Frau Üner. Wenn Sie nicht so ganz checken, warum die Männer so sind, wie sie sind – Idil Üner muss es wissen. Die hat nämlich gerade Feldforschung betrieben. In doppeltem Sinn. Für ihr Theaterprojekt „Süpermänner“, das im April im Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg Premiere hatte, hat sie eine aufwendige Recherche betrieben. Und lässt nun in ihrem Stück sieben Türken aus drei Generationen über sich selber sprechen.

Und ab nächste Woche ist sie im Kino in der Komödie „Einmal Hans mit scharfer Soße“ zu sehen. Da spielt Idil Üner eine Deutschtürkin, die sich auf die Suche nach einem Mann macht. Aber nur, weil ihre jüngere Schwester unbedingt heiraten will. Ihr Vater aber darauf besteht, dass die Ältere zuerst unter die Haube muss. Der Mann muss ihr gefallen und deshalb eigentlich deutsch sein. Aber auch ihre sehr auf Tradition bestehenden Eltern müssen ihn akzeptieren können. Es muss also ein Hans auf scharf sein.

Perfekte Ergänzung

Wie die Schauspielerin uns so gegenübersitzt, barfuß, im Schneidersitz auf dem Gartenstuhl in dem von ihr gewählten, sehr einladenden Straßencafé am Südwestkorso, da mag man wirklich den Eindruck haben, eine sympathische Therapeutin lade zur Sitzung. Auf unsere Frage, ob sie denn eine Männerversteherin ist, muss sie aber schallend lachen. Nein, als solche würde sie sich nicht sehen. „Ich will Männer auch gar nicht verstehen“, meint die 42-Jährige. Und schiebt gleich hinterher: „Frauen übrigens auch nicht.“ Sie wolle nur „ganz normal“ mit Leuten umgehen.

Dass die beiden Projekte so kurz hintereinander kommen, sei reiner Zufall, sagt sie. Aber irgendwie trifft sich das doch ganz gut. Hier die Filmkomödie, die auf einem Blog von Hatice Akyün beruht und von Buket Alakus verfilmt wurde, beides ebenfalls Deutschtürkinnen. Ein Film, der die Klischees vom echten Mann herrlich durch den Kakao zieht, ohne trivial zu werden. Da die Introspektion von sieben türkischen Männern, die ihre eigene Geschichte erzählen.

Niemanden mit der Brechstange knacken

Über ein halbes Jahr hat Idil Üner dafür Männer befragt. Sie wollte die typischen Klischees vom Türken-Macho und vom Pascha-Papa hinterfragen. Natürlich gab es Männer, an die sie nicht herangekommen ist, die dicht gemacht haben. Aber die meisten hätten ihr vertraut und erstaunliche Einblicke gegeben. „Ich wollte auch niemanden zwingen, niemanden mit der Brechstange ‚knacken‘. Das sollte ganz aus ihnen herauskommen.“

Vielleicht sollte man sich die beiden Werke kurz hintereinander ansehen. Das Bühnenstück, das noch einmal vom 17. bis 20. Juni zu sehen ist, und den Film. Mal die eigene Sicht der Männer, mal die der Frauen auf den perfekten oder doch perfekt herzeigbaren Mann. Eine perfekte Ergänzung.

Immer wieder auf den Migrationshintergrund geworfen

Idil Üner, das betont sie gleich, kommt nicht aus einem Haushalt wie ihre Figur im „Hans“. Religion und Tradition spielten bei ihren Eltern keine Rolle. Da müsse auch nicht die Ältere zuerst, da müsse gar nicht geheiratet werden. Idil Üner ist eine waschechte Berlinerin, aber nicht in Kreuzberg oder Wedding aufgewachsen, was wieder so ein Klischee wäre, sondern in Steglitz. Heute lebt sie, auch eher spießig als multikulti, in Friedenau. Eigentlich ist sie durch und durch deutsch. Und wird doch immer wieder auf ihren Migrationshintergrund gestoßen.

Vor allem durch ihren Beruf. Hier wird die sonst so offene Aktrice ein wenig schmallippig. Nervt es sie, immer als Spezialistin für Deutschtürkisches angesprochen zu werden? „Das kommt auf meine Tagesform an“, gib sie zu. „Wenn ich gut drauf bin, versuche ich, dahinter eine Haltung zu sehen, dass es jemand wirklich wissen will.“ Lange Pause. „Wenn es mir nicht so gut geht, denke ich mir, ich rede seit 20 Jahren darüber. Wie lange muss ich das noch tun?“ Aber, setzt sie sofort nach, meistens sei sie gut drauf. Und lacht dabei.

Idil Üner hat an der Hochschule der Künste studiert und arbeitet seit 1994 als Schauspielerin. Sie hat früh mit Fatih Akin zusammen gespielt und auch in fast allen seinen Filmen mitgewirkt. Auch sonst ist sie sehr gefragt. Sie freut sich, wenn sie mal eine Rolle ohne Migrationshintergrund erhält. „Ich bin ja Schauspielerin von Beruf, nicht Türkin.“ Aber das, gibt sie zu, ist die Ausnahme. Und mit jeder Rolle, die sie annimmt, verfestigt sich das. Das wird auch nach der „scharfen Soße“ nicht anders sein. „Das ist schon so ein Schubladendenken. Da gibt es die Rolle einer türkischstämmigen Frau. Wen gibt’s denn da? Na, die Idil Üner.“

Ganz archaische Geschichten

Sie sagt bei solchen Offerten nicht prinzipiell Nein. Aber sie liest sich die Drehbücher sehr genau durch. „Wenn die zu oberflächlich oder klischeebeladen sind, lehne ich ab.“ Sie verweist dabei gern auf Akins „Gegen die Wand“. Der wurde auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, von einer Internationalen Jury, die von der Türken-Thematik in Deutschland keine Ahnung hatte. „Die haben einfach eine Liebesgeschichte gesehen, eine im Grunde archaische Geschichte.“

So ähnlich sei es auch bei „Einmal Hans“: „Das ist vorrangig eine Vater-Tochter-Geschichte. Im Grunde seines Herzens wünscht sich der Baba für seine Tochter jemanden, der ihr ‚die Füße wärmt’. Insofern habe ich mit dem Film überhaupt keine Probleme.“ Bevor sie aber nur zuhause auf neue Angebote wartet, denkt sie sich lieber selber Projekte aus. Wie die „Süpermänner“ im Ballhaus. Die sollen allerdings erst mal die letzte Theaterarbeit sein. „Ich bin fix und fertig“, lacht sie. „Die haben mich fertig gemacht, die Männer.“