Eigentlich würde man den Mann ja 200 Meter weiter verorten. In der Philharmonie. Denn Alfred Brendel ist einer der ganz ganz großen Pianisten. Oder war es doch. Bis er vor sechs Jahren, mit 77 Jahren, sein letztes Konzert gab. Man könnte ihn auch zwei Kilometer weiter verorten, im Kulturkaufhaus Dussmann. Der Mann schreibt ja auch ein Buch nach dem anderen, Essays über Musik, Lesebücher für Klavierliebende und Lyrisches.

Aber nein, Brendel ist nicht in Berlin, um ein neues Buch vorzustellen. Er steht hier im Arsenal-Kino am Potsdamer Platz, um eine Filmreihe zu eröffnen. Keine über Musikfilme, wie man meinen könnte. Sondern über so unterschiedliche Werke wie den britischen Skandalfilm „If“ oder Chaplins „Lichter der Großstadt“. Es ist eine ganz eigene, ganz persönliche Reihe. Mit dem schönen Titel „Zwischen Grauen und Gelächter“. Und dem noch schöneren Untertitel „Alfred Brendel geht ins Kino“.

Von klein auf in Papas Kino

Da steht er, die lebende Legende, mit jetzt 83 Jahren. Und wirkt so agil und verschmitzt wie eh und je mit seinem Spitzbubenlächeln. Nur die wilde Mähne ist ein wenig lichter geworden. Er sei weder Filmkritiker noch Filmhistoriker, gibt er gleich zu. Aber ein begeisterter Kinogänger.

Und das schon von früh auf. Sein Vater sei ja Kinodirektor gewesen. So genoss der Spross eine ganz besondere Film-Sozialisation. „Ich durfte als Kind Hans Albers sehen“, schwärmt er noch heute. „Oder Hans Holt, wie er als Mozart starb. Wenn ich mich recht erinnere, waren seine letzten Worte: ‚Die Posaunen, wo bleiben die Posaunen?“

Bis 10. Juni ist der Weltstar in Berlin

Alfred Brendel hat sich denn auch nicht lange bitten lassen, als die Anfrage kam, eine eigene Reihe zu erstellen. Da gibt es nun keinen Albers, auch keinen sterbenden Mozart. Aber viele Klassiker auf dem schmalen Grat zwischen Humor und Groteske, was ihn besonders fasziniert. Eröffnet wird die Reihe am Dienstag mit „Steamboat Bill Jr.“, dem Klassiker, in dem Buster Keaton in einem Orkan eine ganze Stadt um die Ohren fliegt. Vorab flicht Brendel einen dicken Lorbeerkranz für den Komiker. Aber natürlich setzt er sich an kein Klavier, um den Stummfilm zu begleiten. Auch wenn das mancher Fan vielleicht erhofft hat.

Dafür wird der Weltstar, der heute in London lebt, auch in die weiteren 13 Filme bis 10. Juni 2014 einführen. Und am letzten Tag ein Gespräch mit Rainer Rother, dem Direktor des Filmmuseums im selben Haus, führen. Brendel, das beweist schon der erste Abend, ist ein charmanter Kino-Plauderer. Sein erster Vortrag endet gallig: „Ich wünsche Ihnen Grauen und Gelächter.“