Schlager

Hit auf Hit bei der Starparade in der Waldbühne

Das Herz schlägt im Vier-Viertel-Takt. Vor allem in der Berliner Waldbühne. Hier geben sich sechs Stunden lang Ikonen wie Roland Kaiser, Andrea Berg und Matthias Reim das Mikro in die Hand. Und die Fans sind begeistert.

Foto: ag/jl / Getty Images

Wer Schlager nicht mag, der mag auch Deutschland nicht. Denn das deutsche Herz, es schlägt im Vier-Viertel-Takt. Und deswegen ist es auch ganz richtig, dass das erste Bild, auf das der Besucher der 150. Schlager-Starparade in der Waldbühne guckt, eine Deutschlandkarte ist. Der Bund-Umriss vibriert im Takt eines Countdowns, von 60 runter auf eins, während das dänische Safri Duo aus der Konserve klingt, mit „Played-A-Live“. Bei Null schreitet dann der Gastgeber des Abends die weiße Waldbühnen-Showtreppe hinunter, Alexander Dieck, Moderator von Antenne Brandenburg. Mit „Seid ihr wahnsinnig!“ zündet er die sechsstündige Wochenend-Schlager-Wunderkerze, die alle halbe Stunde einen neuen Schlagerstar auf der Bühne abbrennt. Applaus. Vorfreude. Sonnenschein.

Und dann singt Roland Kaiser. Der Dandy der Schlagerszene im dunkelblauen Gilet mit passendem Sakko und blau-weißem Einstecktuch zu blauer Hose: „Weil du mich liebst ist der Tag wieder Leben für mich/Weil du mich brauchst ist die Nacht wieder Lieben für mich.“ Hinfort getragen von der Sorglos-Poetik und des Kaisers sonoren Stimmen schwingen Röcke und Turnschuhe über den staubigen Boden. Im Schlager, da tanzt man noch richtig. Disco-Fox.

Im Schlager, da tanzt man noch richtig

Schlager ist der Anti-Alltag. Und das muss man sehen, deswegen cremt man sein Dekolleté mit Glitzer ein oder setzt die rosa-beglaste Sonnenbrille auf, bevor es auf der Roland-Kaiser-Cruise nach „Santa Maria“ geht.

„Du brauchst das Gefühl, frei zu sein, niemand, sagst du, fängt dich ein“, singt die Königin der Nacht, mehr als 13 Millionen verkaufte Tonträger, Andrea Berg später. Und diese Zeile gilt allen. Allen die hier ihre Kurven betonen, die sich ihre Landesfarben als Stoffblumenketten um die Hälse hängen, denn wie bei der WM darf man das hier, das ist situationsbezogener Nationalstolz, der ist okay. Im Schlager wie im Fußball hat die deutsche Seele ein Eiland, auf dem sie sich selbst feiern darf. Und bieder? Hier ist der Deutsche verspielt, hier tragen Brillen tragende Mütter die Fotos ihres ebenfalls Brillen tragenden Nachwuchses auf den Brillengestellen, hier tragen Männer Krachlederne und rufen „Küss mich doch, Andrea“. Und es ist kein bisschen frivol, kein bisschen feist, es ist einfach das höchste Maß der deutschen, freizeitlichen Freude.

Zeit für eine Erdbeerbowle

Und dann singt Matthias Reim, ganz in schwarz, ganz dünne Beine, „Verdammt ich lieb dich“. Und es gibt niemanden, der das nicht mitsingen kann, und deswegen wird es sehr warm in der um die Bühne versammelten Steh- und Tanzgesellschaft. Röcke werden gerafft, ein Schritt vor, ein Schritt zur Seite, wie bei „Enorm in Form“, der Aerobic-Sendung aus den Achtzigern, damals, als Fernsehsendungen noch deutsche Titel hatten. „Verdammt ich brauch dich. Ich brauch dich nicht“ Es riecht nach sonnenerhitzter Haut, Schweiß, Camping-Urlaub und Glück. Es wird Zeit für eine Erdbeerbowle.

Während dem leicht überengagierten, als Newcomer angepriesen jungen Peter Michael ist dafür Zeit. Senioren-Paare machen sich jetzt auf, um sich eine Bratwurst zu gönnen, und die vierköpfige Familie packt das Fußball-Quartett aus. Manche wandern ziellos in der bunten Schlager-Freizeit umher, die zurück gelassenen Sitzplätze werden mit Gartenkissen reserviert. Peter Michael hat gerade sein Debüt-Album veröffentlicht –„Keine halben Sachen“ – und ist zwischen seinen Songs einfach gerührt, dass er vor 22.000 Menschen auftreten kann, egal ob sie ihn ansehen oder ein Kreuzworträtsel lösen: „Ihr seid hammermäßig scharf-spitz drauf“, ruft er. Und alle wissen, dass er das dankbar meint.

Auch Michelle ist dabei

„Preußen“, moderiert Alexander Dieck dann: „Preußen beginnt mit einem P wie Partyland. Und deswegen kommt er immer wieder gerne her, der DJ Ötzi.“ Der Österreicher Ötzi ist das Kasperl des deutschen Schlagertheaters. Sein Gipfel ist stets mit einem weißen Häubchen bedeckt, und auch bei 26 Grad Außentemperatur trägt er einen Schal. Und wie es sich für einen Kasperl gehört, fragt er das Publikum sehr viele Fragen. „Seid ihr noch alle da?“, „Habt ihr noch Zeit?“ Und wenn das Kollektiv ein „Jaaaa“ widerhallt, das ihm laut genug erscheint, dann schenkt der Ötzi aus Tirol ihnen zur Belohnung „Einen Stern, der deinen Namen trägt“. Nur eine Gruppe ganz rechts neben der Bühne ergeht es noch besser, sie haben Michelle im Backstagebereich entdeckt und die hat sich nicht lang bitten lassen. Ein Foto mit der hellblonden Heliumstimme.

„Wer lebt gerne?“, fragt Ötzi auf der Bühne und bittet um Handzeichen. Und was er dann sieht, das findet er „geil“. Denn alle Hände gehen gen Himmel, das ist Lebensfreunde, das ist Wahnsinn, das ist aber auch nur logisch, denn wenn es im Leben nur Schlager-Starparade und Waldbühne und Erdbeerbowle gäbe, dann gäbe es auch keine Sorgen.