Film

Andrew Garfield bringt Spider-Man bis nach Marzahn

Der Filmstar stellt am Potsdamer Platz den zweiten Teil von „Amazing Spider-Man“ vor. Und nutzt die Zeit in Berlin auch dazu, einen Verein für Straßenkinder zu besuchen.

Foto: TIZIANA FABI / AFP

„The Amazing Spider-Man“ machte Andrew Garfield über Nacht populär. Er hatte auch schon in „Social Network“ und Robert Refords „Von Löwen und Lämmern“ mitgespielt. Aber plötzlich war er selbst ein Star. Und musste einen 18-Jährigen spielen. Obwohl er inzwischen 30 ist.

Kein Wunder also, dass uns im Hotel Adlon in Berlin-Mitte ein viel reiferer und nachdenklicherer Mensch begegnet, als man das aus den Spider-Man-Filmen erwarten würde.

Berliner Morgenpost: Herr Garfield: Hand aufs Herz, wissen Sie, in welcher Stadt Sie gerade sind?

Andrew Garfield: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in Berlin bin. Oder? (schaut aus dem Fenster, sieht das Brandenburger Tor). Ja, stimmt.

Sie sehen aber vermutlich nicht viel von den Metropolen, durch die Sie touren?

Nein. Wir sind heute Nacht um eins gelandet, jetzt mach ich Interviews und dann geht es zur Premiere. Das ist ein Horrortrip. Berlin ist eine Stadt, die mich wirklich fasziniert, aber dafür bleibt keine Zeit. Du hast irgendwie das Gefühl, nur auf einem Fließband zu stehen. Aber man muss versuchen, das Beste daraus zu machen. Zumindest einmal komme ich raus, wir werden nachher noch eine Organisation von benachteiligten Jugendlichen besuchen ( Straßenkinder e.V. in Marzahn, die Red.). Mit denen werde ich ein bisschen herumhängen. Das mache ich in jeder Stadt. So fühle ich mich nicht als Trottel, sondern kann etwas tun, was Bedeutung hat.

Ist das der Peter Parker, der Spider-Man, in Ihnen?

In gewisser Weise. Ich bringe Spider-Man zu denen, die ihn brauchen. Spider-Man ist ja ein Symbol des Beschützens. Ganz besonders für die Unterdrückten, Unterprivilegierten. Ich suche die Organisationen aus, die wir besuchen. Und es sollen gerade nicht die großen Vereine sein. Und das wird auch nicht öffentlich gemacht, es geht nicht darum, da irgendwelche PR zu machen. Ich habe ein komisches Verhältnis zu meinem Ruhm und der Tatsache, eine öffentliche Figur zu sein. Das ist für mich eine Möglichkeit, einen Ausgleich zu schaffen.

Und worüber reden Sie mit den Kindern?

Meist wollen sie, dass ich die Wände hochkrabble. Ich sag ihnen dann immer: „Ich kann das gerade nicht. Ich kann meine Superkräfte nur dann einsetzen, wenn Bösewichter in der Nähe sind.“ Natürlich sagt fast immer jemand: „Ich bin ein Böser.“ Aber ich sehe ihm dann immer in die Augen und sage: „Tief in Deinem Innern, das weiß ich, bist Du das nicht.“ Meist komme ich damit durch. Und die Illusion bleibt erhalten. Das ist ein bisschen, wie wenn man den Weihnachtsmann spielt.

Wie war das, ins Spider-Man-Universum zurückzukehren?

Schon ein bisschen seltsam. Ich bin jetzt 30, ich sollte mich langsam wie ein Erwachsener verhalten. Aber jetzt muss ich noch mal einen 18-Jährigen spielen. Ich muss also immer so tun, als ob ich noch ein Teenie wäre. Als ob ich mich durch Häuserschluchten schwingen könnte.

Wie bereitet man sich darauf vor? Krafttraining, Joggen, Yoga?

Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Das ist ein CGI-Film voller Computer-Effekte. Schön, dass Sie es nicht gemerkt haben. Aber das ist dann das Verdienst der Effekte-Künstler. Was ich gemacht habe: Ich habe viele Cartoons geguckt. Und Charlie Chaplin. Um so etwas in die Bewegung zu bekommen. Es war also eher mehr Recherche.

Gar kein Sport?

Tanzen. Ich habe mit einem Tanzlehrer trainiert. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, den Spider-Man im Körper zu spüren. Letzten Endes ist alles Choreografie.

Haben Sie Angst, jetzt auf Spider-Man, auf 18-Jährige, reduziert zu werden?

Eingeengt fühle ich mich nicht. Ich habe gerade erst eine Figur in meinem Alter gespielt, einen jungen Vater. In einem Film, der erst noch herauskommen wird, „99 Homes“. Alles, was ich mir wünsche, wäre, dass ich nicht so im Vordergrund stehe. Dass die Leute nicht mich sehen wollen, sondern den Film. Am liebsten würde ich ganz hinter der Geschichte verschwinden.

Sie wirken sehr schüchtern. Kann es sein, dass Sie sich ein wenig schuldig fühlen, all die Privilegien eines Stars zu genießen.

Ja, ich tue mich schwer damit. Ich habe vielleicht ein etwas ungesundes Schuldgefühl. Aber man muss wohl einfach verantwortungsvoll damit umgehen. Als wir den ersten Teil gedreht haben, habe ich mich einfach daran erfreut, den Film zu machen. Alles drum herum war mir nicht wichtig. Jetzt überlege ich mir viel mehr, was ich in Interviews sage. Und wie ich meine Popularität nutzen kann, um auch etwas Sinnvolles zu tun.

Was verbindet Sie mit Spider-Man?

Im Grunde ist er ein Jedermann. Nicht in dem Sinne, dass in jedem ein Superheld steckt. Aber in dem Sinn, dass jeder dazu bestimmt ist, etwas Besonderes zu sein. Das ist die Metapher dieser Figur. Du hast einen Durchschnittsjungen, der unsicher ist, der an sich selbst zweifelt, der auch mal scheitert. Aber er hat eine Gabe, um anderen zu helfen. Das ist schon die ganze Botschaft: Jeder kann etwas tun. Das macht dich besonders.

Peter Parker führt ein Doppelleben. Haben Sie manchmal als Filmstar ein ähnliches Gefühl?

Die Wahrheit ist doch, dass wir alle multiple Leben haben. Ich verhalte mich in meiner Familie anders als bei Freunden, erst recht vor Journalisten. Ich bin ständig ein anderer. Das hat nichts mit Startum zu tun, das tun Sie auch die ganze Zeit.

Als Ihnen damals die Rolle angetragen wurde, haben Sie je gezögert, das anzunehmen? Haben Sie das mit Ihren Freunden diskutiert?

Oh weh, das geht jetzt ans Eingemachte. Ja, natürlich. Durfte ich das überhaupt übernehmen? Ich kannte die Comics, ich kannte die Filme mit Tobey Maguire. Aber letztlich war ich ein dreijähriges Kind, das nichts sehnlicher wollte, als Spider-Man zu sein. Das nur schreien konnte vor Freude. Wie hätte ich im Ernst auch nur wagen können, das abzulehnen? Es kam dann eher später die Frage, wie man damit umgeht, plötzlich eine öffentliche Person zu sein. Das will ich nicht bezweifeln. Aber das alles ist ein Traum, das ist dann halt der Preis dafür. Ich schlafe nach wie vor gut.