„Wow!“, entfährt es der Frau mit den kurzen schwarzen Haaren, als die Band beginnt. Sie sitzt an einem kleinen Tisch im Musikraum des Badenschen Hofs. Ganz vorn ist ihr Platz, am Rand der Bühne, wo man die Musiker aus der Nähe erlebt. Ihre rot geschminkten Lippen sind leicht geöffnet, an zwei Fingern balanciert sie ein Weinglas.
Sie wirkt fast benommen von dieser Musik, die um sie herum tobt, fast berauscht vom wuchtigen Klang des Saxophons und dem Hämmern der Drums. „Die Crème de la Crème der Berliner Black Music Szene“, so steht es auf dem Flyer, der vor ihr auf dem Tisch liegt, trete heute in der Wilmersdorfer Jazzkneipe auf.
Der Star der Show ist eine Frau. Die in Berlin lebende Amerikanerin Dorrey Lin Lyles tritt erst beim dritten Song auf die Bühne. Sie lächelt, begrüßt das Publikum und fängt an zu singen. „At last“, heißt das Stück, mit dem schon die große Sängerin Etta James vor einem halben Jahrhundert berühmt wurde.
Am liebsten die Platten des Vaters gehört
Musik schwappt durch den Club wie eine Welle. Füße wippen im Takt und Finger trommeln auf dem Holztresen mit. Jeder im Publikum lässt sich widerstandslos von Song, Rhythmus und Sängerin mitreißen. Ganz egal, ob man Soul-Kenner ist oder zu jenen Gästen gehört, die einfach mal auf ein Glas erleben wollen, wie es in einem solchen Laden abends zugeht.
Es sind Auftritte wie dieser, die es Hans-Hugo Rieck unmöglich machen, ein Lieblingskonzert zu benennen. „Das geht einfach nicht“, sagt er und zupft an dem schwarzen Hut, den er scheinbar Tag und Nacht trägt. Er zögert, schaut zu Boden und fährt dann fort: „Aber es passiert mir immer wieder, dass ich hier sitze und denke: Das ist wirklich der beste Abend. So gut haben sie hier noch nie gespielt.“
Rieck liebt den Jazz, den Blues, den Soul. Er ist Inhaber des Badenschen Hofs, da sollte das selbstverständlich sein. Doch ihn verbindet mehr mit seiner Musik und den Bands, die bei ihm auftreten, als rein berufliches Interesse.
Er ist ein Jazz-Gläubiger, ein echter Fan. Spricht er über die Musik, lebt er auf. Redet er von den Bands, die er schon sah, hört man in der Stimme des ansonsten schüchtern wirkenden Mannes deutlich Stolz. Schon als Kind hörte der heute 66-jährige Club-Macher am liebsten die Schallplatten seines Vaters, eines Jazz-Gitarristen, der nach dem Krieg sein Geld damit verdiente, in amerikanischen Bars aufzutreten.
Nachbarn beschwerten sich über Lärmbelästigung
Es ist Riecks Faible für die Musik zu verdanken, dass es den Badenschen Hof überhaupt noch gibt. Die beiden Freunde, mit denen er die Kneipe 1985 übernahm, hatten bald bemerkt, dass diese Musik-Bar in Wilmersdorf nie sehr lukrativ sein würde und lösten sich von dem Projekt.
Reich ist der Berliner mit seinem Club bis heute nicht geworden. So arbeitete er weiter als Grafiker, machte Werbung und verhalf dem Hof mit viel Arbeit zu einem Ruf, den ein Jazz-Club zum Überleben braucht. „Natürlich gibt es da Hochs und Tiefs“, kommentiert er das auf erstaunlich entspannte Art.
„Manchmal kommt es auch vor, dass Konzerte schlecht besucht sind, dann muss der Laden beim nächsten Mal eben brummen.“ Einmal lud er eine skandinavische Band ein, die ihm gut gefiel – seinem Publikum dagegen nicht. Abgesehen von Rieck und seinem Team blieb der Zuschauerraum leer. „Da saß ich dann eben in der Ecke und habe Zigarette auf Zigarette geraucht“, sagt er. Es gibt eben solche und solche Zeiten.
Hart waren vor allem die späten 90er-Jahre für den Badenschen Hof. Die geplagten Nachbarn lagen im Streit mit der Bar, da „durch Decke und Wände gefiltert auch von der schönsten Musik nur Lärm übrig bleibt“, sagt Rieck. Daraufhin griff glücklicherweise die Senatskulturverwaltung Berlins ein und bezahlte dem Jazzclub die notwendigen Schallisolierungsmaßnahmen.
Jazz-Größen hängen an der Wand
„Diese neue Decke über uns“, sagt Rieck und lässt seinen Blick durch die Bar wandern, „ist wohl das einzige, was sich seit 1985 hier verändert hat.“ Ansonsten ist alles beim Alten geblieben. Immer noch klingen die selben Rhythmen durch den Hof, über den Holztresen wandern die Getränke seit fast 30 Jahren.
Lampen, Tische und Stühle befanden sich schon am Eröffnungstag in der Bar. Ein wahrer Traditionsort also. Konzerthallen, in denen die Art Musik gespielt wird, wie man sie im Badenschen Hof hört, brauchen kein Chrom, keinen modernen Look. Das ist in der ganzen Welt so.
An den braunen Wänden hängen Bilder verschiedener Jazz-Größen, die diese Räume mit ihrer Musik gefüllt haben. Dunkle Gesichter, geschürzte Lippen und glänzende Instrumente. „Manchmal stirbt einer von ihnen“, sagt Rieck. „Dann hängen wir ihn ab.“
Zeitloser Jazz: Jede Mode überstanden
Und obwohl alles im Badenschen Hof fast unverändert bleibt, obwohl der Berliner Kneipier da eine Art eigenes Museum geschaffen hat, ist der Club alles andere als ein Relikt alter Zeiten. Jazz wird hier nicht konserviert oder in staubigen Vitrinen ausgestellt.
Schon bevor um 22 Uhr die Konzerte beginnen, wird im Hof gegessen und getrunken. Gäste drängen sich an der Bar. Weiches Licht liegt über ihnen. Manche lesen in den ausgelegten Zeitungen, in der Luft liegt der Duft von warmem Essen, mit jedem Öffnen der Eingangstür ziehen die Kälte und der Geruch von Zigarettenrauch ins Ladeninnere.
Hans-Hugo Rieck steht vor der Bar, um frische Luft zu schnappen. Er hat ein Wort für das, was ihm half, seinen Club durch die guten und schlechten Zeiten zu bringen. Ein großes Wort: Idealismus. Er glaubt an seine Musik. „Jazz ist keine Mode“, sagt er.
„Jazz kommt immer wieder. Für jede Generation.“ Dann geht die Tür auf und Licht und Musik dringen hinaus auf den kühlen Gehweg. Dorrey Lin Lyles legt gerade wieder los. „Let the good times roll“, singt sie mit ihrer Gospelstimme.: Die guten Zeiten können beginnen. „All night long.“




