Literatur

Wolfgang Herrndorf und die verwirrende Schönheit der Welt

Verzweiflung, Therapien und Kinder, die Hagelkörner sammeln: Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf führte im Internet ein ergreifendes Tagebuch über seine Krebserkrankung. Nun ist der Text als Buch erschienen.

Foto: Holm Friebe

Was für ein seltsames Gefühl, dieses Buch in der Hand zu halten. Seltsam vor allem, weil sie nun einen Anfang und ein Ende hat, diese Geschichte, weil es eine letzte Seite gibt. Als Wolfgang Herrndorf noch lebte und seinen Blog im Internet schrieb, da nährte schon allein die Form die Illusion, in der wir alle leben: Dass es schon immer irgendwie weitergehen wird. Dass es natürlich ein Ende gibt, eines Tages. Aber nicht heute. Heute noch nicht. Bis dann im Sommer dieses Jahres ein Satz im Blog die Illusion mit einem lauten Knall zerreißt: "Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen."

Bei Herrndorf, der 1965 in Hamburg geboren wurde, fanden die Ärzte im Februar 2010 ein Glioblastom, einen bösartigen Hirntumor mit katastrophaler Diagnose. Die mittlere Überlebenszeit der Patienten liegt im Bereich von Monaten, nur wenige schaffen es mehrere Jahre. Für ihn, den einzigartig talentierten Maler und Schriftsteller, der in einer schlichten Einzimmerwohnung im Romantikerviertel lebte und sich vorwiegend von Westerntöpfen und Döner Kebap ernährte; für ihn, der sich auf diese Weise kompromisslos allein auf seine Kunst konzentrieren konnte, war dieses Todesurteil auch ein kategorischer Imperativ: Arbeite. Werde fertig.

Romane im Rekordtempo

Zwei Projekte trieben ihn seit Jahren um: Ein Jugendroman mit dem Titel "Tschick" und ein in der Wüste spielender Agententhriller namens "Sand". "Herrndorf entwickelte eine Produktivität, die man vorher an ihm nicht gekannt hatte", schreiben Kathrin Passig und Marcus Gärtner im Nachwort des Buches. "Binnen weniger Monate war 'Tschick' vollendet, ein weiteres Jahr später der fast 500 Seiten umfassende Roman 'Sand'. Diese Leistung ist nur zu einem kleinen Teil den im Blog beschriebenen manischen Phasen zu verdanken. Herrndorfs Schreiben beschleunigte sich vor allem, weil er schnellere Entscheidungen traf, anstatt wie früher monatelang Varianten jedes Satzes durchzuprobieren."

Seinem Schaffen verdanken wir zwei der erstaunlichsten und literarisch wertvollsten Bücher der letzten Jahre. Wer sie beide gelesen hat, wird sich schwer tun mit dem Wissen, dass sie von ein und demselben Schriftsteller stammen. Denn sie könnten verschiedener nicht sein: "Tschick" auf der einen Seite ist das Roadmovie zweier Vierzehnjähriger, die mit einem geklauten Lada auf der Suche nach der Walachei allerlei Abenteuer erleben, geschrieben in einer Sprache, die uns direkt in die Seele dieser jungen Menschen blicken lässt. "Sand" dagegen handelt in seiner wunderbar verschachtelten und dennoch zwingend logischen Komposition von dem, was den Mensch zum Wolf des Menschen macht: Irgendwo in der nordafrikanischen Wüste kämpfen Agenten, Kidnapper und andere zwielichtige Charaktere gegeneinander, jeder will nur seinen Vorteil und jeder ist jedem egal. "Alle handelnden Personen sind Trottel", hat Herrndorf einmal gesagt. "Die Araber sind dumm, faul und stinken, die Europäer sind ausnahmslos arrogante Rassisten und Päderasten, die Amerikaner foltern alles, was ihnen in den Weg kommt, und hinter allem stecken – selbstverständlich – die Juden." All diese Klischees sind in einer solch spannenden und irrsinnig lustigen Geschichte miteinander verwoben, dass man gar nicht mehr aus ihr auftauchen möchte. "Sand" erhielt denn auch mit Recht 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse, während "Tschick" nicht nur in 16 Sprachen übersetzt wurde, Preise in Reihe abräumte und sich allein in Deutschland über 750.000 Mal verkaufte, sondern auch in adaptierter Fassung die Theaterbühnen des Landes eroberte.

Anschwellender Applaus

In früheren Jahren hatte Herrndorf, der in Nürnberg Malerei studiert hatte, zwar mit seinen wunderbaren und technisch anspruchsvollen Gemälden auf der Titelseite der "Titanic", mit seinem Roman "In Plüschgewittern" oder Erzählungen wie der beim Bachmannpreis prämierten Geschichte "Diesseits des van-Allen-Gürtels" schon eine kleinere, auch stetig wachsende Fangemeinde hinter sich versammelt. Nun aber schwoll der Applaus zu einem Donner an, der nicht mehr aufhören wollte und fast etwas Beängstigendes hatte, zumal für einen sozial so dünnhäutigen Menschen, wie er es war.

In diese Zeit fällt sein Leidensweg der epileptischen Anfälle, der Hirnoperationen und nächtlichen Verzweiflungsattacken, der Behandlungsfortschritte und -rückschläge, der unsicheren Prophezeiungen und chemischen Keulenhiebe. Über all dies begann Herrndorf in seinem Blog zu berichten, zunächst nur für seinen Freundeskreis, mit all der literarischen Kraft, die er hatte. Es dauerte nicht lange, bis er sich überreden ließ, dies auch öffentlich zu tun. So entstand der Blog "Arbeit und Struktur", benannt nach der Nichtverzweiflungs-Strategie seines Autors für dessen letzte Lebensmonate. So entstand ein Text, dessen existenzielle Wucht und sprachliche Schönheit immer mehr Leser in seinen Bann zog.

Es gibt keinen Gott, der auf ihn wartet

Wolfgang Herrndorf ist von größter formaler Strenge nicht nur seinen Texten, sondern auch sich selbst gegenüber. So wie er sich keine sprachliche Schwurbelei verzeihen würde, so wenig liegt ihm der Habitus des geschwächten Kranken, der unter Tränen seines Zustandes gedenkt. Und er gönnt sich auch nicht den gedanklichen Trost eines Gottes, der auf ihn warten würde. Denn er ist sicher: Es gibt keinen. Und umso sinnloser ist das, was wir auf Erden tun. "Der Versuch, sich selbst zu verwalten", beschreibt Herrndorf am 5. Juli 2011 unser Leben, "sich fortzuschreiben, der Kampf gegen die Zeit, der Kampf gegen den Tod, der sinnlose Kampf gegen die Sinnlosigkeit eines idiotischen, bewusstlosen Kosmos, und mit einem Faustkeil in der erhobenen Hand steht man da auf der Spitze des Berges, um dem herabstürzenden Asteroiden noch mal richtig die Meinung zu sagen."

Die Kälte seines Blicks auf alles vermeintlich Metaphysische ist die Kälte eines leeren, gottlosen Universums. Aber es ist nicht so, dass Sinn und Trost in Herrndorfs Leben keinen Platz hätten, im Gegenteil. Er findet sie in der reinen Gegenwart, die ihm noch bleibt, in der Schönheit der Natur und in der Freundlichkeit der Welt, wie er es selbst nennt. Herrndorf saugt sie ein wie ein Verdurstender das Wasser und beschreibt sie in wunderbaren Wendungen. "Rudern auf dem See mit Freunden", schreibt er am 23. Oktober 2011. "Leider kann man mit den morschen Riemen nicht durchziehen. Aber schön ist der Dunst am Ufer am Abend."

Er bezieht eine Wohnung unweit des Plötzensees, in dem er nun baden geht, sobald es die Umstände nur zulassen. Wer ihn dort trifft, sei es im Sommer oder auch um Herbst, der sieht auch immer seine Freunde und freut sich für ihn, dass es sie gibt. "Mit Ines am Kanal weiter durch die Natur", schreibt er am 24. April 2013. "Mond im Osten, Sonne im Westen, Brombeeren, wilde Johannisbeeren, Himbeere. Bei der Himbeere sind wir nicht sicher, müsste man später noch mal nachgucken. Ja, sagt Ines."

Kinder sammeln Hagelkörner

Später noch mal nachgucken. Die Gewöhnung daran, dass es ein Später gibt. Zu uns spricht ein trauriger Romantiker, der sich begeistert für das Schöne und Gute in der Welt und doch auch verwirrt ist, dass es existiert. Und der den flüchtigen Moment des Schönen in präzisester Sprache festzuhalten vermag. Ein Sommergewitter im August: "Donner, Sturm und Blitz, Hagelkörner so groß, dass sie in der Straße der Reihe nach die Autoalarmanlagen anschalten. Wir setzen uns raus, wir setzen uns rein. Kinder, die noch nie Hagel gesehen haben, sammeln die Klumpen ein, die über die Schwelle des Lindengartens springen und hüpfen und schießen. Ein Mädchen streckt die Hand aus und schlägt vor zu tauschen." Ein anderes Mal geht der Wind über seinen Balkon: "Trockenes Laub weht auf meiner Terrasse im Kreis, was mich beim Arbeiten immer zum Aufschauen zwingt, weil ich jedesmal denke, es sei die Maus, die sich schon seit zwei Tagen nicht mehr blicken ließ. Terrasse gefegt." Herrndorf stellt sich den Wecker, um keinen Sonnenaufgang zu verpassen.

Und dazwischen dann immer wieder: der Irrsinn. Der Irrsinn des Kulturbetriebes mit seinen Günter-Grass-Gedichten und Martin-Mosebach-Pamphleten. Der Irrsinn der oft verstörenden Anteilnahme der Mitmenschen, die unangemeldet mit dampfenden Kaffeebechern vor Herrndorfs Tür auftauchen, ihm wirre Mails schreiben oder Blütentherapien empfehlen wollen. Der Irrsinn auch einer medizinischen Begleitung, die selbst so schwer und untherapierbar erkrankten Menschen wie Wolfgang Herrndorf den Weg in den selbst gewählten Freitod verweigern muss. Als wenige Tage nach seinem Selbstmord in den Medien über die Gefahr von Nachahmungstätern diskutiert wurde, meldete sich Kathrin Passig, eine Freundin Herrndorfs, über Twitter mit einem "unverbindlichen Vorschlag" zu Wort: "Etwas weniger über den Werther-Effekt nachdenken, etwas mehr über das Fehlen von Sterbehilfe in Deutschland."

"Es ist in meiner Hand", schrieb Herrndorf. Dem Schriftsteller blieb es selbst überlassen, und er tat es an einem der letzten Tage, an denen er dazu in der Lage war. "Wenn es nicht vermessen ist", hatte er am 17. Juni dieses Jahres geschrieben, "Wenn es nicht vermessen ist, vielleicht ein ganz kleines, aus zwei T-Schienen stümperhaft zusammengeschweißtes Metallkreuz mit Blick aufs Wasser, dort, wo ich starb."

Jetzt gibt dieses Kreuz und diesen Ort, und wer beides finden will, dem wird es gelingen. Wolfgang Herrndorf lebt nicht mehr. Aber welches Glück, dass es ihn gab. Wer sich davon überzeugen möchte, der lese seine Bücher.

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