The Reflektors

Arcade Fire liefern Berlin im Astra eine Rollenspiel-Show

The Reflektors sollten am Abend in Berlin spielen – sofort war Fans klar, dass dahinter Arcade Fire stecken. Entsprechend schnell war das Konzert ausverkauft – das dann eigentlich kein Konzert war.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Das Wort „Show“ wird auch für ganz normale Konzerte benutzt, bei denen die Musiker nur ihre Instrumente spielen, auf einer Bühne stehen und sonst gar nichts tun. Aber wenn die kanadische Band Arcade Fire unter dem Namen The Reflektors im Astra auftritt, dann ist die Bezeichnung Show gar nicht unangebracht.

Vor zwei Wochen wurde ein Konzert der Band The Reflektors aus Montreal angekündigt. Arcade Fire kommen aus Montreal und das gerade erschiene Album heißt „Reflektor“. Schnell wusste die ganze Stadt, dass nicht irgendeine Band da spielen wird, sondern eben Arcade Fire. Was als Geheimkonzert verkauft wurde, war letztendlich eine Start-Konzert mit geschickter Ticket-Verkaufsstrategie. Was als geheim und exklusiv vermarktet wird, ist noch zehn Mal begehrlicher.

Nur 1500 Leute passen etwa ins Astra, die Karten für das Konzert waren entsprechend schnell verkauft. Auf Ebay wurden Angebote von vierhundert Euro eingestellt für eine Karte. Das ist das Zehnfache des ursprünglichen Preises. Die Tickets wurden personalisiert verkauft, konnten aber letztendlich umgeschrieben werden. Vierhundert Euro sind mehr als der Hartz-IV-Regelsatz, aber andererseits zeigt dies, wie wichtig Menschen Musik ist, zumindest wenn sie live gespielt wird.

Saal wirkt wie die Kulisse zu einer Orgie in den Zwanzigern

Man sollte in Abendgarderobe kommen, oder in Verkleidung. Was bei vielen auf dasselbe hinausläuft. Recht hat Sänger Win Butler aber schon, wenn er sagt, dass es ihm schmeichelt auf so viele schöne Menschen zu blicken. Denn mal ehrlich, wer schaut nicht lieber auf größtenteils junge Menschen in Anzügen und Kleidern als auf speckige Lederwesten, Trainingshosen und Schlappen.

Überall hängt Glitzer an den Wänden. Lametta hier und da. Das Astra, sonst eher studentisch heruntergekommen, wirkt wie die Kulisse zu einer Orgie in den Zwanzigern. Irgendwo zwischen der amerikanischen Prohibition und der Weimarer Republik. Masken wie im venezianischen Karneval werden getragen. Die Atmosphäre liegt zwischen irgendwie sexy und ganz schön gewollt obszön.

Den neuen Sound von Arcade Fire trifft das ganz gut. Gleich der erste Song „Reflektor“ ist die klangliche Übersetzung einer schwitzigen Diskonacht. Win Butler in seinem goldbestickten Jackett wirkt wie Disco-Stu aus den Simpsons, als eine Karikatur der Tanzmusik. Inzwischen hat er ein kleines Bäuchlein und wir hören Bongos, ein Sax irgendwo im Hintergrund anschwellen, und diesen Bass, so funky, fast schon anzüglich.

Und er singt also mit hoher Stimme „It's just a reflection of a reflection/ of a reflection of a reflection/ But I see you on the other side“ und seine Frau, die spielt mit ihm in der Band, sie hören wir noch höher mitsingen. Es ist ein sich drehender Chor, der die Frage aufwirft, was ist das da vorne, was sich dort auf der Bühne abspielt. Ist es ein Konzert, oder die Projektion einer Projektion einer Projektion eines Konzertes? Ist da tatsächlich was dahinter, hinter diesem unsichtbaren Zaubervorhang, hinter dem dünnen Glas der glitzernden Konfetti-Lametta-Linse?

Konzertbesucher fühlen sich wie beim Krimi-Dinner

Die Songs von Arcade Fire auf „Reflektor“ sind groß. Über fünf Minuten dauernde Meisterwerke. Sie spielen gut an diesem Abend. Das grungige „Joan Of Arc“ mit dem schönen Französisch, das na-na-na-lastige „We Exist“. Sogar vom Vorgängeralbum „The Suburbs“ holen sie ein Stück hervor und ein herrliches Devo-Cover noch, zu dem sich Win Butler einen Plastikkopf aufsetzt und seine Frau Régine Chassagne macht mit bunten Bändern an den Händen eine Art gymnastischen Tanz.

Ein Konzert ist das freilich nicht mehr. Die kostümierten Gäste – wer trägt schon Anzug in Berlin, in einer Stadt, in der bunte Turnschuhe als ästhetisch gelten? – sie fühlen sich wie beim Krimi-Dinner in einer Art Rollenspiel. Hinter Masken verschwindet das eigene ich. Und die Agentur-, Medien- und Sonstwas-Kreativ-Gesellschaft gemischt mit dem normal zahlenden Publikum, sie fühlt sich an diesem Abend besonders, kultiviert, wohlinszeniert geschmackvoll. Am nächsten Tag tragen sie dann wieder neongelbe Nikes. Aber das war ja auch nur eine Show.