„Frau Ella“

Warum bei Kubitschek und Schweighöfer die Chemie stimmt

Ruth-Maria Kubitschek und Matthias Schweighöfer sind in „Frau Ella“ das Filmpaar des Jahres. Ein Gespräch übers Älterwerden und Jungbleiben und was Generationen von einander lernen können.

Foto: Reto Klar

Sie trennen 50 Jahre, und doch sind sie das Filmpaar des Jahres: Ruth Maria Kubitschek und Matthias Schweighöfer sind die Stars der Tragikomödie „Frau Ella“, in der der Jüngere die Ältere aus einem Krankenhaus entführt und beide eine lange Reise antreten, auf der sie viel voneinander lernen.

Zu unserem Gespräch im Hotel de Rome ist Frau Kubitschek, ganz alte Schule, überpünktlich. Der 32-Jährige dagegen kommt eine halbe Stunde zu spät. Naja, sagt die 82-Jährige, als wäre es nicht das erste Mal, dass das passiert, „der Matthias tanzt halt auf allen Hochzeiten. Und dann hat er noch ein Kind.“ Schweighöfer kommt schließlich angehetzt, entschuldigt sich tausend Mal. Seine Tochter hat Magen-Darm-Grippe und konnte nicht in die Kita.

Berliner Illustrirte Zeitung: Frau Kubitschek, welches war der erste Film, bei dem Ihnen Matthias Schweighöfer aufgefallen ist?

Ruth-Maria Kubitschek: Das war „Mein Leben“, Matthias als Marcel Reich-Ranicki. Das war sehr beeindruckend. Und dann dieser Film, in dem du eine Frau gespielt hast. „Rubbeldiekatz“. Ich fand dich so toll als Frau! Wenn ich nicht schon so alt wäre, müsste ich mich in dich verlieben.

Matthias Schweighöfer: Wir könnten Freundinnen werden! (beide lachen)

Und Sie, Herr Schweighöfer, in welchem Film haben Sie zum ersten Mal Ruth Maria Kubitschek gesehen?

Schweighöfer: Meine Laufbahn mit Frau Kubitschek oder Ruthilein, wie ich sie jetzt seit „Wetten, dass..?“ nennen darf, ist etwas länger. Ruthilein habe ich mit meiner Oma oft gesehen. „Kir Royal“ war meine erste prägende Erfahrung. Das war sicher schon die Wiederholung. Von da an gehörte Ruth immer dazu. Du warst ja dauernd im Fernsehen. Bist es ja immer noch.

Sie beide sind mit „Frau Ella“ die spannendste Filmpaarung des Jahres. Für Sie, Frau Kubitschek, ist das die erste Filmrolle seit Jahrzehnten. Sie haben ja sonst nur Fernsehen gemacht.

Kubitschek: Ja, das ist etwas Wunderbares, dass ich am Ende meiner Karriere nochmal so einen Auftritt bekommen habe. Eigentlich habe ich überhaupt nur drei große Kinofilme gemacht. Einen mit Heinz Rühmann, einen mit Otto Waalkes und jetzt mit Matthias.

Obwohl der Sie zunächst gar nicht wollte: Sie waren zu jung für die Rolle.

Kubitschek: Hübsch, nicht? Ich bin jetzt 82, da passiert einem das selten. Ich habe ein Dreivierteljahr gar nicht mehr gespielt und mich schon darauf eingestellt, mich aufs Malen und Schreiben zu konzentrieren. Aber als ich das Drehbuch gelesen hatte, wollte ich die Rolle unbedingt.

Schweighöfer: Wir hatten Ruth durchaus auf dem Schirm. Aber ich konnte sie mir für die Rolle nicht recht vorstellen. Ruth ist ja, auch wenn das ausgelutscht klingen mag, eine Grande Dame. Und sie wirkte einfach viel zu jung für diese 87-Jährige. Ehrlich, du siehst so klasse aus. Wenn ich dir jetzt auf der Straße begegnen und dich nicht kennen würde, ich würde dich höchstens auf 62 schätzen.

Kubitschek: Danke. Ich habe mir für das Casting einfach eine weiße Perücke aufgesetzt. Und dann hat Matthias gesagt: Die ist es! Da habe ich alle Eitelkeit fahren lassen. Die durften mit mir machen, was sie für richtig hielten.

Schweighöfer: Das haben wir dann auch gemacht. Und sie richtig auf alt getrimmt. Wir hätten nie gedacht, dass sie das alles mit sich anstellen würde. Das hat mir wahnsinnig imponiert.

Und wie ging es Ihnen damit?

Kubitschek: Als ich mich das erste Mal gesehen habe, bin ich so erschrocken, dass ich heulend nach Hause gefahren bin. Danach habe ich alle Spiegel gemieden und nur noch tapfer gespielt. Ich sah eben in der gesamten Drehzeit so aus, auch nach der Arbeit. Am letzten Drehtag musste ich mir die Haare sofort wieder färben. Dann war ich wieder ich.

Sie beide haben sich erst beim Dreh wirklich kennengelernt. Hat die Chemie sofort funktioniert? Oder mussten Sie sich erst warmspielen?

Schweighöfer: Für Ruth war es anfangs sicher nicht ganz leicht. Sie ist sehr konzentriert und strukturiert. Ich bin wohl etwas... hm... flippiger. Und es ist sicher nicht einfach, wenn der Filmpartner auch Produzent ist und am Drehbuch mitschreibt. Da war ich bestimmt manchmal anstrengend. Und ich war auch oft am Telefon.

Kubitschek: (nickt stumm)

Muss denn die Chemie stimmen am Set?

Kubitschek: Ja, unbedingt. Mit einem Partner zu spielen, mit dem man nicht unbedingt kann, das hatte ich öfter im Leben. War immer furchtbar. Walter Felsenstein hat gesagt, man muss sich den Partner dann schön denken. Ich nenne da keine Namen, aber das hat geholfen. Dich musste ich mir nicht schön denken, Matthias.

Schweighöfer: Ich mir dich auch nicht. Mir geht das ähnlich. Ich kann das nur schwer verbergen, wenn ich mit jemandem nicht gut kann. Das ist dann schwierig, da muss man dann durch.

Bei Ihrer Lebenserfahrung: Haben Sie dem Jüngeren auch mal einen Rat gegeben?

Kubitschek: Nein. Wissen Sie, der Matthias ist ein so erfahrener Schauspieler, der braucht keinen Rat von mir. Wir haben nur mal morgens in der Maske ein bisschen geschnackt.

Ihr Filmpartner hat ja auch schon selbst Regie geführt. Hat er Ihnen auch mal reingeredet?

Kubitschek: Nein. Doch. Aber er hat dann auch recht gehabt. Er musste mich betäubt im Rollstuhl gegen eine Stange rammen. Da durfte ich eigentlich nicht reagieren, ich hab mich aber sehr erschrocken. Da sagte er: Wenn du das noch einmal verpatzt, schicke ich dich heim in die Schweiz. Aber ich war nicht beleidigt. Das bin ich nie. Ich war ja nie das, was man so Star nennt. Deshalb habe ich auch nie solche Allüren gehabt. Ich war immer – ich. Und zwischendurch Ruthilein. Naja, eigentlich hat der Dietl ja Ruthlein zu mir gesagt. Der Markus Lanz hat das ein bisschen verhauen.

Herr Schweighöfer, wie ist das, mit einer, wie Sie sagen, Grand Dame zu spielen. Schüchtert das ein?

Schweighöfer: Ich nenn jetzt keine Namen, aber es gab mal eine Auseinandersetzung am Set. Wenn man das, was Ruth kann, nicht respektiert, kann sie schon mal austeilen. Aber was mich fasziniert – übrigens auch an meinen Eltern, ich komm ja aus einer Schauspielerfamilie: Die haben so Schubladen, die sie aufziehen können, wenn sie müde sind. Und was die für Anekdoten erzählen können! So habe ich Ruth lieben gelernt. Ich jogge etwa bei den Dreharbeiten in Frankreich an einem Austernverkäufer vorbei, erzählte ihr das und dann kommt sie mit dieser wunderschönen Anekdote. Bitte, erzähl das doch mal.

Kubitschek: Naja. Ich habe früher beim Theater in Hamburg immer unheimlich Lampenfieber gehabt. Und habe das mit Austern bekämpft. Ich bin jeden Tag ins Hotel Vier Jahreszeiten und habe mir zwölf Austern bestellt. In der Hoffnung, dass eine davon vergiftet ist und ich eine Ausrede habe, nicht spielen zu müssen.

Schweighöfer: Wir haben daraufhin in Frankreich sofort Austern gegessen. Und ich hatte danach als Produzent Schiss, dass da jetzt eine schlechte darunter ist und mir die Ruth ausfällt.

Sie waren die Älteste am Set. War das manchmal befremdlich?

Kubitschek: Das war wie immer. Sind ja alle Profis. Man merkt allerdings, dass man eine andere Sprache spricht. Ich sage „schön“ oder „toll“, Matthias „krass“ und „geil“. Ich habe immer „Ach du lieber Johnny“ gesagt. Und Matthias meinte, dass muss doch „Scholli“ heißen.

Schweighöfer: Das haben wir dann natürlich sofort für den Film übernommen.

Kubitschek: Es gab auch Dialoge, wo ich dachte, das stimmt nicht für die alte Frau. Das durfte ich dann umschreiben. Das war neu für mich.

Könnte „Frau Ella“ dazu animieren, dass Jung und Alt mehr miteinander reden, aufeinander zugehen?

Schweighöfer: Das wäre schön. Alte Leute haben so viel zu erzählen, aber man hört einfach nicht genug hin. Man hat heute so wenig zu tun mit ihnen, die sind gar nicht mehr in unser Leben integriert.

Kubitschek: Ich finde ganz wichtig, dass der Film das anspricht: wie einsam diese alte Frau ist, wie ausgeschlossen sie sich fühlt. Und dass sie erst durch die Bekanntschaft mit diesen jungen Menschen wieder Lust aufs Leben hat. Alte Leute werden ja wirklich mit ihren Buchsbäumen und Fernsehern allein gelassen. Das ist heute beinahe ein Makel, alt zu sein. Wir haben da vielleicht auch eine falsche Lebensphilosophie. Die Leute gehen zu früh in Rente. Jeder sollte solange arbeiten, wie er kann. Wer in Rente geht, ist ja irgendwie aus der Gesellschaft raus. Und es ist ja auch so, dass viele nur noch darauf warten, dass sie sterben.

Wenn Sie sich mehr Austausch zwischen den Generationen wünschen, Herr Schweighöfer, wie ist denn die Verbindung zu Ihrer Großmutter?

Schweighöfer: Ich bin da leider kein gutes Beispiel, was Familiensinn angeht. Ich bin immer viel zu weit weg und fahr da auch nie hin.

Wie ist das bei Ihnen, Frau Kubitschek?

Kubitschek: Wenn ich mir den Matthias so anschaue, denke ich manchmal schon, ich hätte mich mehr um meinen Sohn kümmern müssen. Aber ich habe damals halt immer gearbeitet... Sie müssen entschuldigen, aber mich holt gerade meine ganze Vergangenheit ein.

Inwiefern?

Kubitschek: Wenn ich sonst in Berlin bin, wohne ich immer im Kempinski. Nicht wie jetzt im Hotel de Rome. Ich habe eine ganze Weile hier gewohnt. Ost-Berlin war meine Jugend. Ich war ja auch mal jung. Ist lange her. Aber das kommt jetzt alles hoch. Ich habe damals im Maxim Gorki Theater gespielt und war mit Götz Friedrich verheiratet. Der Name sagt dir wahrscheinlich gar nichts mehr.

Schweighöfer: Nee, den kenn ich nicht.

Kubitschek: Ja, siehst du. Der war ein ganz toller Opernregisseur, damals noch Assistent von Walter Felsenstein an der Komischen Oper. Ich bin da jeden Abend ins Gorki und danach rüber in die Oper. Die Straße unseres Hotels ist für mich die Straße der Felsensteinoper. Das war mein Leben hier, diese Ecke.

Schweighöfer: Schau mal, meine auch. Meine Stiefmutter war an der Komischen Oper zehn Jahre lang Tänzerin und mein Vater spielte immer am Gorki oder im Deutschen Theater. Ich bin auch in dieser Ecke groß geworden.

Kubitschek: Für mich ist das auch immer noch ein Erlebnis, dass das jetzt alles offen ist. Was sich hier getan hat, ist unbeschreiblich. Die ganze DDR-Zeit war für mich relativ schwer, oder ich habe sie schwer genommen. Ich bin damals ja wirklich nur mit dem Kind und einer Handtasche in den Westen gegangen und habe neu angefangen. Aber so bin ich zuvor ja auch aus Böhmen gekommen. ..

Schweighöfer: Auch wenn das jetzt gar nicht passt, Ruthilein, aber darf ich dich mal was fragen? Wie pflegst du eigentlich deine Haut?

Kubitschek: Ich nehme immer nur Feuchtigkeiten. Keine dicken Cremes, da kann die Haut nachts nicht atmen. Du darfst sie nicht zukleistern.

Schweighöfer: Ich frage nur, weil ich gerade für eine Szene meines nächsten Films „Vaterfreuden“ fotoshop-technisch verjüngt wurde auf noch mal 20. Da hat mir meine Filmpartnerin geraten: Du musst jetzt mal anfangen mit dem Eincremen.

Kubitschek: Mein Geheimnis ist Öl. Damit massiere ich jeden Morgen mein Gesicht. Damit aktiviert man seine Muskeln. Das mache ich jetzt seit 20 Jahren. Im Gesicht haben wir die tollsten Muskeln überhaupt und wenn du die hier und hier und hier aktivierst (sie markiert es an Schweighöfers Stirn und Augenhöhlen), dann fällt dir dein Gesicht nicht runter. Das ist im Grunde schon alles. Die Japaner sagen: Du klopfst das Leben in dich hinein. Mehr nicht. Keine teuren Cremes, Feuchtigkeit. Feuchtigkeit. .

Schweighöfer: Da fange ich noch heute mit an.

Kubitschek: Das ist mein Buch. „Anmutig älter werden.“ Du musst dich nicht spritzen und liften, all die merkwürdigen Dinge, die junge Menschen mit sich anstellen lassen, um jung zu bleiben. Du musst innerlich jung bleiben. Ich find’s gut, dass ich nicht so alt aussehe. Aber ich habe keine Probleme mit dem Alter.

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