Konzert

Annett Louisan begibt sich auf die Spuren von Édith Piaf

| Lesedauer: 7 Minuten
Frédéric Schwilden

Foto: Jim Rakete

Annett Louisan ist auch nicht viel größer als der Spatz von Paris. Nun singt sie im Wintergarten Varieté. Dabei will sie nicht in Versuchung geraten, Piaf zu kopieren. Aus Respekt, wie sie sagt.

Eigentlich ist das ein perfekter Tag, um sich zu einem ersten Treffen bei Milchkaffee zu verabreden. Obwohl der Himmel noch blau ist, obwohl die Sonne scheint, ist es schon kalt. Und die Blätter rascheln, wenn man mit den Füßen dicht über dem Boden geht. Und die Straßenbahnen, die im kommenden Abendlicht von einem wegfahren, die wirken noch trauriger als sonst, so schön traurig. Und die Züge, auf die man wartet, erwartet man noch sehnlicher.

Die Sängerin Annett Louisan ist mit dem Zug aus Hamburg gekommen. Bald wird sie im Berliner Wintergarten an der Potsdamer Straße auftreten und zum 50. Todestag von Édith Piaf drei Stücke spielen. Aber jetzt raucht sie noch eine Französische mit Filter, in schnellen Zügen. Die Managerin meinte noch, sie sei ja nicht so glücklich, dass Annett wieder rauche.

Aber wie am unteren Ende des Weinbergweges der Rauch nach oben steigt, und man von innen durch die Scheibe des Cafés auf die Annett Louisan schaut, da kann man das nur gut finden. Songwriter, verdammt noch mal, die müssen rauchen, die müssen im Herbst Laub aufwirbeln und die müssen draußen stehen, die Zigarette in die Schienen schnipsen und ins Warme kommen.

Paris war ein einziger Traum

Am Mittag des 10. Oktober 1963 hörte Édith Piaf auf, zu atmen. Und es dauerte noch fast vierzehn Jahre bis Annett Louisan als Annett Päge in Havelburg im Bezirk Magdeburg den ersten Atemzug nahm. Sie wuchs in Schönhausen auf. 971 Kilometer sind es bis nach Paris. Damals war das eine unüberbrückbare Distanz. Die Mauer stand noch. Von Paris konnte man nur träumen. „Es war unmöglich dorthin zu fahren. Aber ich kannte ihre Stimme.“

Im ostdeutschen Fernsehen gab es viel französische Musik und auch die Filme. „Die französischen Filme waren nicht so systemfeindlich wie die amerikanischen.“, sagt Annett Louisan. Sie ist wirklich klein, also 1,52 Meter, aber nicht zu klein. Und das muss man sich mal vorstellen, Edith Piaf war sogar nur 1,42. Deswegen nannte man sie den Spatz von Paris. Und Annett Louisan wird manchmal der Spatz von Hamburg genannt, dort wohnt sie jetzt. Und ihr guter Freund, der Songschreiber Danny Dziuk, hat sie den Kolibri von Hamburg genannt. Ihr gefällt das. „Ich liebe Vögel.“, sagt sie.

Wenn Annett Louisan an Édith Piaf denkt, dann ist da eine Bewunderung in ihrer Stimme. „Das ist eine Frau, die ihr Innerstes nach außen kehren konnte. Die hat Ecken von Herzen betreten, die man nur im Ansatz kennt. Diese Ecken sind dunkel, tief und verletzlich. Man darf sich dort auch nicht zu lange aufhalten.“ Nachdem sie das sagt, gehen ihre Augen auf, sehr fragend. „Kannst Du damit was anfangen?“

Am besten ist, man schließt die Augen und stellt sich vor, die Piaf, sie würde singen, um Annett Louisans Satz so richtig zu verstehen. Also wir fangen mit „Dans les prisons de Nantes“ an. Da singt sie davon, dass einer im Kerker in Nantes sitzt. Und er soll gehängt werden.

Der Gefangene ist einsam und nur die Tochter des Wärters kommt ab und an vorbei und eines Tages befreit sie ihn. Er springt in die Loire und singt vom anderen Ufer aus, er werde sie heiraten, wenn er eines Tages wieder nach Nantes zurückkehrt.

Da ist nur Piafs Stimme, und ein Chor, der im Hintergrund so sehnsüchtig Hmms und Oohs haucht. Und es ist tatsächlich dunkel in dieser Ecke, und in der Brust wird es einem schwer, wenn man an den Gefangenen denkt.

Piaf singt von aussichtslosen Lieben, von erfüllten Lieben wie in „La Vie En Rose“, von Nächten mit dem einen wahren, die nie enden sollen. Wie zauberhaft am wolkenverhangenen Himmel der Nacht Sterne durch die Pizzicato-Geigen dann und wann aufblitzen.

Piaf war eine Volkssängerin, die mit ihrer zugänglichen Lyrik in einer Sprache, die jeder verstand Millionen von Menschen erreichte. Als Annett Louisan zwölf wurde, zog sie mit ihrer Mutter nach Hamburg. „Von Osten nach Westen. Vom Kind zum Teenager.“ Es war ein Bruch für Louisan. Noch ein paar Jahre, und der deutsche Hip-Hop wird sie von sich einnehmen. Bands wie die Fantastischen Vier oder Absolute Beginner werden Anfang der Neunziger Jahre so etwas wie die Volkssänger für die Jugend. Ihre Songtexte sind in einer Alltagssprache formuliert. Ähnlich war das ja mit Piaf auch.

Louisan saugt jede Zeile auf. Aber es ist klar. „Ich wollte immer Sängerin werden. Ich brauche Melodie mit Text.“ Mit 18, 19 Jahren fängt sie an ihre ersten Aufnahmen zu machen. Mit Vierspurgeräten. Sie lernt Musiker in Hamburg kennen. Im selben Alter veröffentlichte Piaf schon ihre ersten Song. Bei Louisan dauert es bis 27, bis ihr erstes Album „Bohème“ erscheint.

Bloß nicht die Piaf kopieren

Noch rätselt sie, was sie zum Todestag von Piaf im Wintergarten singen wird. Jedenfalls will sie nicht in Versuchung geraten, Piaf zu kopieren. Aus Respekt. Vielleicht wird sie auch eine deutsche Übersetzung singen. Die Berliner Sängerin Ina Deter hat so mal ein ganzes Abendprogramm bestritten.

Aber denken wir nicht daran. Denken wir lieber an Paris. Mit 17 war Louisan mit ihrer Großmutter zum allerersten Mal an der Seine. Die Jungs haben geflirtet. Geknutscht wurde noch nicht. Die Großmutter war ja dabei. Sie hat ihr damals so ein Kostüm gekauft, im Coco-Chanel-Stil.

„Die Stadt hat was mit mir gemacht. Ich habe dort ein erwachsenes Selbstbewusstsein bekommen.“ Jungs und Coco Chanel, das macht tatsächlich was mit einem. Dann noch die Architektur.

Paris ist ähnlich wie der Herbst immer ein bisschen traurig. Vielleicht ist Prag noch so, findet Annett Louisan. Naja, Berlin vielleicht auch, meint sie dann noch. Das letzte Lied, das Édith Piaf vor ihrem Tod aufgenommen hat, hieß „L‘Homme De Berlin“. Mann aus Berlin.

Und sie singt vom schmutzigen Himmel, von der Langeweile, vom Regen, der auf den Mann herunter fällt. Und der Refrain, der ist auch heute noch gültig. „Sag mir nichts über Berlin. Berlin ist nichts für mich. Sag mir nichts über Berlin. Obwohl, Berlin ist alles für mich.“ Und vielleicht singt Louisan ja diesen Song.

Wintergarten Varieté, Potsdamer Straße 96. Dienstag, den 8. Oktober 2013, , 20 Uhr.