Wie gestaltet man eine Tasse, damit sich in ihr ein möglichst traumhaftes Kaffeearoma entfalten kann? Barbara Schmidt weiß es: „Die ideale Kaffeetasse ist im unteren Bereich dicker, um Wärme zu halten, verjüngt sich aber nach oben.“
Mit Unterstützung von Baristas entwarf die Designerin dazu ihr Porzellanprogramm „Café Sommelier“, das beim Traditionsunternehmen KAHLA in Serie ging - inklusive einer Karaffe mit Handfilter.
Der ist wieder im Kommen, weil gut für den optimalen Geschmack. Barbara Schmidt, seit 20 Jahren für die Thüringer Firma tätig, entwirft allerdings mehr als reine Gebrauchsprodukte. Freie künstlerische Werke kommen hinzu. In der bezaubernden Schau „Poesie und Industrie“, die der 45-Jährigen im Bauhaus-Archiv gewidmet ist, kann man den Spannungsbogen zwischen künstlerischem Einzelwerk und Serienprodukt verfolgen, formale Perfektion und Feingefühl.
Plattform für die Kreativen Berlins
Der Überblick über das noch junge Werk „einer der wichtigsten zeitgenössischen Designerinnen“, wie Annemarie Jaeggi sie nennt, besticht durch glanzvoll schlichte Kreationen, die Fantasie mit Eleganz paaren und Beobachtungen im Alltag mit Natureindrücken. „Wenn wir mit unserem Erweiterungsbau weiterkommen“, so die Direktorin, könne man künftig „auch als Plattform für die Kreativen dieser Stadt wirken.“
Das aktuelle Schaufenster gibt einen prima Vorgeschmack. 2019, zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum, könnte das Desiderat an der Klingelhöferstraße Wirklichkeit geworden sein. „Das wäre ein Quantensprung“, so Annemarie Jaeggi, die auf ein Ja im Abgeordnetenhaus zum Entwurf im Doppelhaushalt hofft. Dann würde das beengte Archiv-Gebäude zum Forschungs- und Veranstaltungszentrum und der Neubau zum Museum für Gestaltung.
Alles noch Handarbeit
Das Bauhaus-Archiv gehört immerhin zu den „4,3 Prozent aller Museen in Deutschland, die über 100.000 Besucher im Jahr erreichen“. Dazu bei trägt der Markenname, aber auch Ausstellungen wie die jetzige, die den Fokus erweitern auf die Gegenwart. Barbara Schmidt steht nicht in der Bauhaustradition, sondern auf eigenen Füßen. Ohne traditionelle Formen und Dekore zu negieren, folgt sie ihrem Stil, inspiriert durch die Kultur anderer Länder, insbesondere Japans.
Die Porzellandesignerin formt ihre Entwürfe noch per Hand in Gips. „Es gibt keine Software, die berechnen könnte, was im Brand passiert“. Von Billigimitaten aus China sind ihre filigranen Porzellankreationen denn auch Lichtjahre entfernt. Da mutieren die Füße nachweihnachtlich entsorgter Tannenbäume zu reizvollen Bechern, Windlichtern oder Vasen aus Porzellan. Dessen Oberfläche weist bei ihr zart holzähnliche Strukturen auf.
Der Genuss, etwas anzufassen
Diese sorgen auch bei anderen Objekten für einen haptischen Reiz und sinnliches Erleben. Wenn sich etwa Blattadern über einen Teller winden oder Fliesen mit Körperabdrücken eine Haut für die Wand bilden. Barbara Schmidt vermutet hierin ein wachsendes Bedürfnis. „Wir gebrauchen in einer ‚virtualisierten’ Welt immer weniger unsere Sinne, genießen es aber gerade deshalb, schöne Sachen mit Texturen anzufassen.“
Bei manchem Porzellan kann man Reliefs fühlen. „Dass sich etwas auf der Oberfläche abspielt, könnte wieder wichtiger werden“, glaubt die Absolventin der Burg Giebichenstein. Frönte sie früher der glatten Form, so interessiert sich die frisch gebackene Professorin für Experimentelles Design an der Kunsthochschule Weißensee inzwischen für solche Reliefs und Strukturen. Ihre meist blütenweißen Arbeiten wirken trotzdem reduziert und klar in der Form.
Wer die Sonderausstellung der Berlinerin betritt, ist entzückt angesichts der luftigen Mobiles, Porzellankunst, die von der Decke baumelt, aber auch von den Produkten für den täglichen Bedarf. Ein „Regen“ aus kleinsten Schalen oder der dichte Kreuzblüten-Vorhang „Cruciferae“ lockern die Präsentation auf. Vitrinen fehlen ganz, so dass der Besucher in Versuchung gerät, Objekte zu berühren. Im Gästebuch aus Tellern mit beschreibbarer Oberfläche darf er das sogar.
„Poesie und Industrie“: Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, Tiergarten. Mi-Mo, 10-17 Uhr. Bis 4. November 2013.




