Vergesst Woody Allen. Um Stadtneurotiker zu sein, muss man nicht so aussehen wie er. Zugegeben: Auch wir hatten eine ganze Weile gedacht, Mr. Manhattan sei so herrlich, weil er nicht nur an seiner Stadt, sondern auch an seinem Äußeren litt. Aber siehe da: Man braucht dafür kein schütteres Haar und keine Hornbrille, man kann auch jung und attraktiv, quirlig und blond sein.

Wie Greta Gerwig. Wie sie in dem wunderbaren Film „Frances Ha“, der auf der Berlinale ein Panorama-Hit war und nun in unsere Kinos kommt, durchs Leben und durch den Big Apple stolpert, wie sie, ewige Praktikantin, mit 27 noch immer glaubt, einmal fest in ein Tanzensemble übernommen zu werden, und sich bis dahin so durchwurschtelt und (Strukturmoment des Films) von einer Zweck-WG in die nächste rutscht, dabei nie ihren Optimismus und ihre gute Laune verliert, das spiegelt nicht nur das Lebensgefühl einer ganzen Generation, das ist, gerade in unseren Krisenzeiten, das beste Antidepressivum, das das Kino bereithält.

Happy End Selbstständigkeit

Wenn man mit dieser Frances Halliday, Gerwigs Alter Ego, essen geht, dann lädt sie einen, obwohl sie notorisch an Geldknappheit leidet, natürlich ein, aber das Restaurant wird ihr Plastikgeld nicht annehmen. Auch dann wird sie keinesfalls zulassen, dass man aushilft; vielmehr springt sie auf, rennt zum nächsten Bankautomaten, der natürlich außer Betrieb ist, rennt um viele weitere Blocks und rutscht dann auch noch auf der Straße aus. Wenn sie endlich doch wiederkehrt, ist das Restaurant längst leergefegt und der Eingeladene der letzte Gast. Ein total unperfektes Date. So ist diese Frau: chaotisch, schusselig, aber man muss sie einfach gernhaben. Das Happy End ist hier mal nicht, Mr. Right zu finden, sondern nach den vielen WGs auf der Suche nach sich selbst zuletzt eine Wohnung ganz allein beziehen zu können. Auch wenn nicht der ganze Name aufs Klingelschild passt, sondern nur Frances Ha.

Natürlich ist diese Frances ein Kunstprodukt. Aber natürlich verbirgt sich dahinter ganz viel von ihrer Hauptdarstellerin. Das zeigt sich nicht nur darin, dass ihre Eltern im Film von ihren realen Eltern gespielt werden. Greta Gerwig, am anderen Ende des Kontinents, in Sacramento aufgewachsen, ist nach eigenem Bekunden wegen Woody Allens Filmen nach New York gezogen. Und hat dessen Lebensgefühl ganz zu dem ihren gemacht hat. Es ist nur folgerichtig, dass Allen sie auch schon besetzt hat, auch wenn es keiner seiner New-York-Filme, sondern „To Rome with Love“ und ihre Rolle darin nicht besonders groß war. Ein kleiner Schönheitsfehler.

Die einflussreichste Schauspielerin ihrer Generation

Aber man darf Greta Gerwig keinesfalls unterschätzen. Erst war sie die Muse des Mumblecore. Mumblecore ist eine Bewegung des Independent-Films, wo mit No-No-Budgets, ohne Drehbücher, aber viel Improvisation ganz billige, aber auch ganz lebendige, kreative Filme entwickelt werden. Greta Gerwig wurde gar als „Meryl Streep des Mumblecore“ gepriesen, hat sich bei Indie-Fimer Joe Swanberg von der Neben- zur Hauptdarstellerin und schließlich auch zu dessen s Lebensgefährtin entwickelt. Und in ihrem schönsten gemeinsamen Film „Nights and Weekends“ haben sie beide sich weitgehend selbst gespielt, haben beide das Drehbuch geschrieben und auch den Regiestuhl geteilt.

Heute kann Gerwig das Wort Improvisation nicht mehr hören, sie weiß inzwischen ein gutes Drehbuch zu schätzen. Für ihre Verhältnisse ist sie sogar ein bisschen mainstreamiger geworden, hat mit Noah Baumbach „Greenberg“ gedreht und durfte darin die Freundin des (selbstredend neurotischen) Ben Stiller spielen. Der Film lief vor drei Jahren auf der Berlinale, spätestens da hat auch die deutsche Kritik die Schauspielerin entdeckt, die von der „New York Times“ schon als „maßgeblich einflussreichste Schauspielerin ihrer Generation“ genannt wird.

Mit Baumbach zusammen hat sie dann „Frances Ha“ entwickelt, dabei sind die beiden auch zusammengekommen. Und so ist der Film ihr gemeinsames Baby und eine einmalige Liebeserklärung eines Regisseurs an seinen Rising Star. Ein Film, ganz in zartem, poetischem Schwarzweiß gefilmt, wie Woody Allens „Manhattan“. (In dem, aber das nur am Rande, auch eine Tochter von Meryl Streep mit der Ex-Mumblecore-Streep zusammen spielt).

Größtes Lob von Woody Allen

An Gerwig, die in einer Woche 30 wird, klebt jetzt prompt ein neues Etikett. Ständig wird sie mit Lena Dunham verglichen, der Hauptdarstellerin der Serie „Girls“, die dort ebenfalls unsicher, aber hip die Quarterlife-Krise im Big Apple durchlebt. Der Vergleich nervt Gerwig, aber mit Dunham kann sie gut. Sie kennen sich noch aus Zeiten, als beide sich noch mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten mussten. Und einem Eintrag auf der Facebook-Seite des Serienstars verdankt „Frances Ha“ in den USA eine gesteigerte Aufmerksamkeit. Ein wohl noch größeres Kompliment machte ihr aber der Herr und Meister aus Manhattan, Woody Allen, als er ihren Film unbedingt vorab sehen wollte. Und ihr danach bescheinigte, dass er hoffentlich die Lorbeeren einfährt, die der Film verdient.

Das wird nun, nach dem Vergleich mit Meryl Streep und Lena Dunham, vielleicht das nächste Etikett sein: der neue Woody Allen. Stadtneurotikerin ist Greta Gerwig dank „Franches Ha“ schon, zur Regie drängt es sie auch mit Wucht. Und Woody Allen war auch schon 33, als er seinen ersten eigenen Film inszeniert hat.