Retrospektive

„Komisch war Ernst Lubitsch überhaupt nicht“

In Berlin beginnt eine große Ernst-Lubitsch-Retrospektive. Zehn Tage lang werden alle seine Filme gezeigt. Nicola Lubitsch, die Tochter des Meisterregisseurs, erinnert sich an ihren Vater.

Foto: . / picture alliance / United Archiv

Danach hätten sich andere die Finger geleckt. Ein Ernst Lubitsch stellt seinen neuen Film vor. In einer Privatvorführung. Doch für Nicola Lubitsch war das ein Horrorerlebnis. „Ein himmlischer Sünder“ (1943) ist eigentlich eine himmlische Komödie. Beginnt aber mit einer Höllenfahrt. Und als sich anfangs die Pforte öffnete und die ganzen Flammen aufschossen, hat sich die kleine Nicola zu Tode erschreckt.

„Ich habe laut geschrien und bin aus dem Saal gerannt“, erinnert sie sich noch heute. Die Vorführung wurde abgebrochen. Das Werk ihres berühmten Vaters hat sich das einzige Lubitsch-Kind erst in ihren Dreißigern entdeckt. Davor hat sie viel in Europa gelebt und in Arizona. „Und in Arizona“, sagt sie mit feinem Lächeln, „gibt es nicht so viele Lubitsch-Filme zu sehen.“

Essen im Restaurant Lubitsch

Heute ist die Amerikanerin in ihren Siebzigern und wieder einmal in Berlin. Sie residiert an der Oranienburger Straße, in der Nähe des ehemaligen Scheunenviertels, wo ihr Vater aufgewachsen ist. Sie war gerade Mittag essen, selbstredend im Lubitsch in Charlottenburg. Und jetzt sitzen wir im Café Voss am Rosa-Luxemburg-Platz. Mit Blick auf die Volksbühne, wo ihr Daddy vor hundert Jahren als Schauspieler unter Max Reinhardt spielte.

Direkt neben dem Babylon-Kino, wo heute eine große Lubitsch-Retrospektive startet. Zehn Tage lang werden alle seine Filme gezeigt, von den frühen, deutschen Monumentalepen wie „Sumurun“ (1920) und Slapstickkomödien wie „Die Austernprinzessin“ (1919) bis hin zu den Klassikern, die er nach seinem Umzug nach Hollywood 1922 drehte und mit denen er eine ganz eigene, ganz leichte und unverwechselbare Handschrift entwickelte. Den Lubitsch-Touch. Erfolge wie die frivole Komödie „Serenade zu dritt“ (1933), die Hitler-Satire „Sein oder Nichtsein“ (1942) und eben auch „Ein himmlischer Sünder“.

Dreharbeiten waren langweilig

Vor zwei Jahren haben wir an selber Stelle eine andere berühmte Tochter getroffen: Damals war das Stummfilmfestival Charles Chaplin gewidmet. Und auch wenn Geraldine Chaplin selbst eine Kino-Ikone ist, hat sie kein Problem damit, dauernd auf ihren berühmten Papa angesprochen zu werden. Und wird nicht müde, von ihm zu schwärmen. Nicola Lubitsch geht es ähnlich. Sie kann nicht ganz so viele Anekdoten erzählen wie Geraldine. Als sie 1938 in Los Angeles geboren wurde, war ihr Vater schon 47, und als er 1947 starb, war sie gerade mal neun.

Sie hat auch in der Schule nicht so wie Geraldine geprahlt mit ihrem berühmtem Vater. Und auch nie Dreharbeiten besucht. Für Geraldine war das ein Spieleparadies; Nicola fand das langweilig, weil alle nur in ihren Trailern warteten. Einmal immerhin, bei „Cluny Brown“ (1946) schwärmte sie für Peter Lawford und trieb sich doch am Filmset herum. Aber der hatte nur Augen für Jennifer Jones und führte sich wie ein Pfau auf, um der zu imponieren. Eine herbe Enttäuschung für die Achtjährige.

Heißhunger auf deutsche Wurst

Dafür erinnert sie ganz andere Dinge. Dass zuhause niemals Deutsch gesprochen wurde, zum Beispiel. Obwohl ständig deutsche Emigranten zu Besuch waren und auch die Diener deutsch waren. Aber die Sprache war tabu. Um sich vom Nazi-Reich zu distanzieren. Aber wohl auch, vermutet die Tochter, weil jeder, der damals in Hollywood Deutsch gesprochen hat, verdächtig schien.

Dafür gab es aber deutsche Hausmannskost bei den Lubitschs. Leberwurst. Mettwurst. Schnitzel. Nicola Lubitsch hat erst in ihren Fünfzigern Deutsch gelernt, spricht es nur selten und streut nur ein paar deutsche Brocken in ihr Englisch; aber allein wie sie das Wort „Landjäger“ ausspricht, verdeutlicht, wie sehr sie die deutsche Küche liebt.

Ein Berliner durch und durch

Und nun eine große Überraschung: Ihr Vater war nicht komisch. Wie, der Meister der Komödie, bei dem selbst Billy Wilder in die Lehre ging, war nicht auch privat ein Spaßvogel? Nein, ein energisches Kopfschütteln. Er war warmherzig und liebevoll. Aber komisch? „Überhaupt nicht.“ Ihre engste Freundin, Catherine Wyler, Tochter des ebenfalls berühmten Hollywood-Deutschen William Wyler, habe ihr neulich erzählt, dass sie sich immer gestritten hätten, wessen Vater lustiger sei. „Daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Ich fand ihn eher streng, eben – ernst.“ Über den Witz muss sie selber lachen.

War ihr Vater denn typisch deutsch? Ja, sagt die Amerikanerin, er entsprach wohl dem, was man in den USA so empfand. Er hatte klare Vorstellungen, wie sich ein Kind zu verhalten hatte. Und klare Vorstellungen, was Eltern ihm beibringen mussten. „Auch wenn er selbst als Kind faul und verzogen war.“ Aber er war nie streng, herrisch oder penibel. die klassischen Deutschen-Klischees. „in meinen Augen war er nicht typisch deutsch, aber er war ein Berliner durch und durch.“ Das habe ihn geprägt, und das habe er auch in all seinen Filmen, die vornehmlich in der Alten Welt, in Europa spielten, gezeigt. „Lubitsch wäre nicht Lubitsch gewesen, wenn er nicht in Berlin aufgewachsen wäre.“ Der klassische Hollywood-Humor ist also vor allem berlinisch.

Die Garbo und das Baby

Der liebste seiner Filme ist ihr und war es immer „Ninotschka“. Der Film, mit dem Lubitsch die schöne, aber strenge Greta Garbo zum Lachen gebracht hat. „Ninotschka“ ist fast genaus so alt wie Nicola selbst. Bei den Dreharbeiten hat die Garbo immer gefragt, wie es dem Baby ginge. Deswegen ist es keine Frage, welchen Film Nicola Lubitsch morgen Abend präsentieren wird.

Dass die einstige Radiomoderation heute hauptberuflich Tochter ist, empfindet sie als Aufgabe. Um die Werke ihres Vaters auch neuen, jüngeren Zuschauern nahe zu bringen. Sie kommt auf diese Weise viel herum, war allein in den letzten fünf Monaten bei drei großen Lubitsch-Eventsi. Am schönsten sei es aber, in Berlin zu sein. Weil sie so ihr Deutsch auffrischen kann. Weil es hier deutsche Würste gibt. Und weil sie in die Welt ihres Vaters eintauchen kann.

4. Stummfilmfestival Berlin: Lubisch und Heymann 19.-28. Juli 2013, Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Programm unter www.babylonberlin.de