Bar jeder Vernunft

Beckmann singt vom Riesen-Dekolleté seiner ersten Liebe

Viele kennen Reinhold Beckmann als TV-Moderator. In Berlin beweist er sich als passabler Sänger. Dabei erinnert sein Auftreten an Morrissey. Nur ertönt dazu Ferienressort-Jazz und Bratwurst-Blues.

Foto: Hauptmann Entertainment

Für die ganze Nation ist er der Zeigefinger auf den Tisch legende Nachhaker, der Sportexperte, einer der drei Weisen aus dem Fernsehland. Neben Lanz und Kerner bleibt natürlich nur Reinhold Beckmann übrig. Normalerweise stellt er Fragen wie: „Nach dem Anschlag in Boston – müssen wir Angst vor neuem Terror haben?“ oder „Wie gefährlich ist Diktator Kim Jong-un?“. Aber am Samstagabend in der Bar jeder Vernunft in Wilmersdorf singt er lieber vom Riesen-Dekolleté seiner ersten großen Liebe Charlotte, der Fleischereifachverkäuferin. Drei Tage in Folge spielt er jetzt Konzerte.

Früher haben sie ihn ja angeblich Becken-Man genannt, er soll ein begnadeter Tänzer gewesen sein. Tatsächlich ist Beckmanns Hüftschwung umwerfend. Überhaupt, sein Körper ist wahnsinnig in Schuss. Unter dem blauen Hemd, der Kragen ist weit geöffnet, offenbart sich eine klar ausdefinierte Brustmuskulatur. Die Brille hat er zu Hause gelassen. Das graue Haar ist zerzauselt. Wenn man die Augen so zukneift, dass man ein wenig unscharf sieht, oder durch das Weißbierglas des Nachbars durchschaut, erinnert Beckmann an den großen Morrissey. Wirklich. Diese Haltung, das gestählte Auftreten, die geschlossenen Augen beim Singen. Eigentlich müsste Beckmann gleich „This Charming Man“ anstimmen.

Amerikanischer Ferienressort-Jazz aus den Sechzigern

Stattdessen singt er „Und Du fragst mich, willst Du Grobe, willst Du Feine/ willst Du Pute, vom Kalb oder vom Schwein, am Stück oder in Scheiben/ ach, Charlotte, wenn Du wüsstest, welche Wünsche mich umtreiben“, seine Band spielt dazu einen amerikanischen Ferienressort-Jazz aus den Sechzigern. Zarte Oohs und Aahs. Schließt man die Augen jetzt ganz, wird aus dem Beckmann, der Morrissey ist, ein Morrissey-Beckmann im Hawai-Hemd, mit Piña Colada und Wayfarer-Sonnenbrille. Gerade noch haben die Zuschauer unter der Zirkusplane Speckpflanzerl in Biersauce gegessen, sich mit Edelfischcurry das Wochenende versüßt und jetzt schwofen sie sitzend zu Beckmanns Bratwurst-Blues.

Dabei muss man sagen, seine Gesangsstimme ist sehr hörbar. Eine männliche Stimme, ölig, ansonsten aber blitzsauber. Die Band ist gut aufeinander abgestimmt. Kaum verwunderlich, spielen doch die meisten der Mitglieder regelmäßig auch für Ina Müller aus Inas Nacht. So sind die flinken Jazzbesen ein fahriges Fundament für den zurückgelehnt gezupften Kontrabass und die traurig elegante Trompete mit Dämpfer.

Beckmanns ulkige Dorfgeschichten

Beckmann kann durchaus Biss haben. Eine italienische Schnulzensatire, die mit quengelnder Mandoline vorgetragen wird, schließt mit den Worten „Der Himmel blau, du glaubst es kaum/ Berlusconi liegt im Kofferraum“. Denkste. Beckmann ist dann doch politisch zu korrekt und nach einer Kunstpause schwächt er seine Todesfantasie wieder ab „schade ist nur ein Traum“ und die Mandoline düdelt noch ein Ründchen weiter.

Die Welt des Reinhold Beckmann dreht sich um ulkige Dorfgeschichten seiner Jugend: Das heißt Erinnerungen, wie sich seine Freundin bei der ersten nächtlichen Ausfahrt mit dem eigenen VW Käfer nach Bremen in selbigen erbrach. Es geht um Merle aus Brake, ein Mädchen mit Achselhaar. Er singt von Fischbrötchen und trägt eine FDP-Hymne vor, die er „Gangster“ nennt.

Adenauer-Tatoo auf dem Po

Zwischendurch mal eben einen Witz. Merle sei ja eine der ersten gewesen mit einem Tattoo. Und Beckmann ist in bester Kalauer-Laune. Das war so. Merle hatte also dieses Tattoo von Konrad Adenauer auf der linken Pobacke. Wie er das erzählt, bricht das Zelt in ein Lachen aus. Er hatte damals so mit Vinyl überzogene Sitze in seinem Auto. Die Sonne brannte durch die Scheiben und da lag dieses Zweimarkstück auf dem Sitz und Merle hat sich natürlich draufgesetzt. „Seitdem regiert Konrad Adenauer auf ihrem Po“, serviert Beckmann die Pointe. Das Lachen wird zu einem Prusten.

Auch wegen solcher Zoten ist der Abend mit Beckmann & Band tatsächlich kurzweilig. Anders als die musikalischen Ausflüge von Schauspieler Axel Prahl, die mehr rumpeln und bollern, als Substanz zu haben, gelingt es dem Quintett um den Moderator, musikalisch zu überzeugen. Der Applaus ist ihnen am Ende sicher. Zur Zugabe gibt es noch einmal „Bremen“, das Stück mit dem Käfer und dem Übergeben. Alle singen mit, sie stehen auf und klatschen auf die Eins und auf die Drei. „Zum gut nach Hause kommen“, haucht Beckmann mit seiner Band noch eine Ballade und bedankt sich mit einer tiefen Verbeugung. Charmant ist er ja doch.