Zugegeben, Balsa ist ein extrem leichtes Holz. Und damit recht geeignet für ein Floß. Aber wir reden hier nicht von einer gemütlichen Floßfahrt auf einem kleinen See. Sondern von der Überquerung des Pazifik. Rund 8000 Kilometer in 100 Tagen von Peru nach Polynesien.

Auf gerade mal zwölf Quadratmetern. Mit einem Gefährt, das, kaum manövrierfähig, den Tücken des Meeres hilflos ausgeliefert ist. Und, das ist kaum zu glauben, mit einer Mannschaft, bei der keiner über nautische Kenntnisse verfügt, ja dessen Kopf noch nicht einmal schwimmen kann.

Das erste große Medienereignis

Das klingt nach einem dieser hanebüchenen Filmplots. Ist aber wirklich passiert: Thor Heyerdahl hat seine legendäre Expedition vor 66 Jahren absolviert. Der norwegische Ethnologe erforschte jahrelang die polynesische Insel Fatu Hiva und stieß dabei auf Relikte einer Kultur, die auf die alten Inkas und deren Sonnengott Kon-Tiki zurückging.

Seine These, Polynesien sei nicht von Asien, sondern von Südamerika aus besiedelt worden, wurde belächelt und abgetan. Bis er den Gegenbeweis antrat. Und auf einem Floß, wie es die Inkas hatten und das nach ihrem Gott benannt war, übers Meer schipperte.

Die Ausstattung war so archaisch wie vor 1500 Jahren. Nicht mal Draht, der die Taue verstärken und gegen Abrieb schützen konnte, war akzeptabel. Nur zwei moderne Geräte erlaubte Heyerdahl auf seinem Floß: ein Funkgerät und eine Filmkamera. Die Expedition wurde so zum ersten großen Medienereignis – zu einer Zeit, als man noch nicht Mal dieses Wort kannte.

Der berühmteste Norweger der Neuzeit

Denn über Funk hielt er die Zeitungen der Welt auf dem Laufenden über seine Expedition. Und aus seinen Filmaufnahmen schuf er eine Dokumentation, die 1951 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Seine Völkerwanderungs-Theorie ist nach wie vor strittig, daran konnte Heyerdahl nichts ändern, aber er schuf, so kurz nach dem Krieg, eine Heldengeschichte, die einmal nichts mit Waffen zu tun hatte. Und kam damit zu Weltruhm.

Neben Fridtjof Nansen, dem Nordpol-Bezwinger, ist er der berühmteste Norweger der Neuzeit. Ein Besuch des Kon-Tiki-Museums ist für jeden Oslo-Besucher Pflicht.

Michael Douglas empfahl: „Macht es selber“

Diese Geschichte schreit geradezu nach einer epischen Kinoverfilmung. Thor Heyerdahl hat sich aber lange dagegen gewehrt. Dafür hatte er ja seine Bücher geschrieben, hatte er seine Doku gedreht. Irgendwann hat er dem Projekt dann doch zugestimmt, weil er schlicht Gelder brauchte für weitere Forschungen.

Die Verfilmung sollte sich aber als ebenso schwer finanzierbar erweisen wie die originale Expedition 1947. Heyerdahl ist darüber vor zehn Jahren gestorben. Lange versuchten die Rechte-Inhaber einen Schulterschluss mit Hollywood, bis Michael Douglas, nicht nur ein großer Schauspieler, sondern auch ein erfahrener Produzent, ihnen riet: „Macht es selber“.

Also haben die norwegischen Filmemacher Joachim Roenning und Espen Sandberg ihr Projekt ohne den Großen Bruder aus Übersee gestemmt. Nach „Max Manus“, ihrem Epos über einen Widerstandskämpfer gegen die Nazis, erneut ein Film über eine Landes-Ikone, eine Hommage auf ein Nationalheiligtum.

Die Ironie will, dass ihr Film dabei genauso aussieht, als habe man Michael Douglas‘ Rat ignoriert. Hollywood jedenfalls hätte „Kon-Tiki“ kaum anders drehen können. Kein Wunder also, dass er prompt für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde – auch wenn der zweite Oscar-Triumph in Sachen Heyerdahl dann doch nicht in Erfüllung ging.

Der ur-amerikanische Traum

Der norwegische Schauspieler Pal Sverre Valheim Hagen, der genauso aussieht wie der echte Heyerdahl, muss seinen eigentlichen Kampf schon vor der Expedition kämpfen, gegen alle Widerstände der Forschung und beim Bittgang zu potenziellen Sponsoren, die ihn dann doch nicht unterstützen wollen.

Das ist die ur-amerikanische Geschichte von einem, der einen Traum hat und ihn gegen alle Widerstände durchsetzt. Höchst komisch dann, wie die sechs Herren in Peru mit Anzug und Krawatte aufs Floß steigen und erst nach und nach den Schlips und dann auch das Hemd ausziehen.

Die Kamerabilder von Geir Hartly Andreassen bestechen mit wohlfeil ausgeleuchteten Bildern und exotischen Schauwerten. Wunder wie fliegende Fische und ganze Fischschwärme, die das Meer in bunte Farben tauchen. Aber auch allerlei Gefahren wie ein Sturm, der sie fast zum Kentern bringt, gefräßige Haie, die sie regelmäßig umkreisen, oder ein riesiger Wal, der sie umzuwerfen droht.

Immer wieder ins eiskalte Wasser geworfen

Woher Heryerdahl seinen buchstäblich blauäugigen Optimismus, der keine Zweifel duldet, eigentlich hernimmt, wird nicht erklärt. Stattdessen wird ganz am Anfang des Filmes eine frühkindliche Nahtoderfahrung gezeigt, in der der kleine Thor über Eisschollen tollt, dabei ins Wasser stürzt und beinahe ertrinkt. „Tu das nie wieder“, warnt ihn seine Mutter eindringlich.

Doch man sieht schon in den glänzenden Augen des Kindes, dass diese Botschaft auf taube Ohren stößt, dass Heyerdahl im Gegenteil immer wieder ins kalte Wasser geworfen werden und immer neue T(h)orheiten begehen will. So werden große Männer in Hollywood inszeniert, so werden Legenden gestrickt.

Die eigentliche Geschichte erzählt uns der Film leider nicht. Nämlich was die sechs Männer die ganzen 100 Tage auf den wenigen Quadratmetern eigentlich getan haben. Dass sie nicht nur die Angst bezwingen mussten, von Strömungen abgetrieben zu werden oder dass die Bohlenseile nicht halten, sondern auch gegen gähnende Langeweile kämpfen mussten. Und dass sechs erwachsene Männer friedlich miteinander schippern, ohne dass es da mal zu dem einen oder anderen Konflikt oder Seekoller gekommen wäre, das mag man auch nicht so recht glauben.

Konflikte werden ausgeklammert

Heyerdahls Enkel Olav, der die Expedition seines Großvaters 60 Jahre später noch einmal wiederholt hat, hat zugegeben, dass es solche Konflikte damals durchaus gegeben hat. Dass Thor Heyerdahl seine Crew aber nicht diffamieren wollte und dies deshalb nicht nur in seiner Filmdokumentation, sondern auch in seinen späteren Büchern geflissentlich überging. An dieser Stelle hätte der Spielfilm seine Originalquellen sogar erweitern und ergänzen können. Aber wie Cowboys im Western nie weinen dürfen, passen zankende Männer wohl nicht ins Heldenbild.

So ist „Kon-Tiki“ packendes Abenteuerkino und lebendige Wissenschaft, gegen die keine Folge „Galileo“ ankommt, schrammt aber doch daran vorbei, uns noch neue Wahrheiten über die sattsam bekannte Geschichte zu präsentieren. Am Ende warten indes nicht nur die polynesischen Inseln auf Heyerdahl, sondern auch die Scheidungsklage seiner Frau, die es nicht mehr ertragen kann, aus seinem Leben ausgeschlossen zu sein. Das immerhin ist kein klassisches Happy End, wie wir es aus Hollywood kennen.

„Kon-Tiki“ startet am 21. März 2013 in den deutschen Kinos.