Der Papa ist schuld. Weil der Sohn keinerlei berufliche Ambitionen hat, empfiehlt er ihm, dann halt in die Politik zu gehen. Nein, Berlin ist schuld: Als der junge Herr Baron auf der Loveparade tanzt, wird ihm (und nicht etwa einem Regierenden Bürgermeister) klar, dass die Stadt arm, aber sexy ist – also genau das Gegenteil von ihm.
Nein, die Boulevardpresse ist schuld: Weil sie ihn konsequent nach oben schlagzeilt. Oder ist es doch die Kanzlerin, die ihn mit allerlei Tricks loswerden will, die alles nur schlimmer machen? Schuld jedenfalls sind immer die anderen. Vor allem jemand, von dem wir bislang noch nie gehört haben: Max Drexel.
Der Sat.1-Fernsehfilm „Der Minister“, der am Montag in der Hauptstadt Premiere feierte und am kommenden Dienstag ausgestrahlt wird, ist die Farce zur Guttenberg-Affäre.
Aber er nennt das Übel nicht beim Namen. Der Minister heißt hier Donnersberg. Und die Macher von Teamworx und vom Sender erklären denn auch mit breitem Grinsen, dass es eine „völlig fiktive Geschichte“ ist.
Im Abspann steht sogar noch, jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen sei rein zufällig. Und, noch augenzwinkernder, „no Politician was harmed“. Aber natürlich werden die Politiker doch gequält. Denn sie können sich hier alle wiedererkennen. Sehr zur Gaudi der Fernsehnation.
Frau Murkel und Herr Wellerweste
Die Kanzlerin heißt hier Angela Murkel, der Außenminister Wellerweste, der Finanzminister, wie ein badisches Gericht, Schäuffele. Aber bei solchen Kalauern bleibt das geniale Drehbuch von Dorothee Schön nicht stehen.
Sie erzählt die Affäre G. auf die einzige Art, als die sie erzählbar ist: als Politposse. Als grelle Farce. Und so fiktiv und übertrieben sie auch dargelegt wird, am Ende glaubt man, nur so macht sie Sinn.
Denn im Grunde ist dies die Geschichte einer langen Männerfreundschaft: Hier der junge Baron Franz Ferdinand von Donnersberg (Kai Schumann), da sein Klassenkamerad Max Drexel (Johann von Bülow). Schon in der Schule hat der Blaublüter bei ihm abgeschrieben, hat Max ihm Reden geschrieben. Und weil das so gut lief und man sich in Berlin als Erwachsene wieder über den Weg läuft, geht das halt so weiter.
Erst frotzelt man über Vaters Vorschlag, in die Politik zu gehen. Dann fantasiert man schon ernsthafter, wie man dafür ein wenig Profil gewinnen könnte. Die Schwangerschaftscreme der Freundin muss als Haargel herhalten, eine alte Brille ebenfalls. Sieht doch gleich nach mehr aus.
Für die Kanzlerin reicht das noch nicht. Deshalb muss man auch noch eine Doktorarbeit schreiben. Eine Idee, auf die natürlich Herr Drexel kommt. Der sie auch gleich selber schreibt. Weil der Herr Baron aber nur für Originaltext bezahlt, werden die Zitate kurzerhand nicht mehr kenntlich gemacht. Und fertig ist der Salat.
Wie Goethes Zauberlehrling
Das Kolossale: Der Trick funktioniert. Er funktioniert sogar so gut, dass es dem Herrn Drexel bald so geht wie Goethes Zauberlehrling: Er kann nicht fassen, was er da angerichtet hat. Er kann’s aber auch nicht mehr rückgängig machen. Immer mehr Menschen fallen auf seine Kreatur herein.
Und obschon dieser Baron zu Donnersberg keine Ahnung hat von der Politik, steigt er kometenhaft in der Partei auf. Er wird nicht nur bald Minister, man rechnet ihm auch Chancen auf den Kanzlerposten aus. Irgendwann macht Frau Drexel nicht mehr mit: weil ihr Mann nur noch mit dem Minister verheiratet ist.
Deshalb quittiert Herr Drexel seinen Job. Aber da ist der Baron schon so von sich überzeugt, dass er meint, ewig so weitermachen zu können, auch allein. Herr Drexel will das stoppen. Mit einem vermeintlich letzten Coup glaubt er, ihn politisch erledigen zu können: weil er dem Verteidigungsminister den Vorschlag in den Mund legt, die Wehrpflicht auszusetzen. Aber siehe: Auch damit kommt er durch. Der Mann ist nicht mehr aufzuhalten. Da hilft nur noch eins: Man muss jemanden einen Tipp wegen der Doktorarbeit geben.
Nur Sat.1 traute sich an den Stoff
Gleich nach dem Rücktritt des echten Ministers Guttenberg war Nico Hofmann klar, dass das ein Film werden muss. Ihm war auch gleich klar, das kann kein Drama, das muss eine Farce werden. Nur Sat.1 sprang auf den Film an, keiner sonst traute sich an dieses heiße Eisen. „Der Minister“ aber ist nicht nur die Farce zur Guttenberg-Affäre, Uwe Jansons Film ist ein echtes Fernseh-Highlight. Er erklärt viel von Politik und von Politikverdrossenheit, darüber, wie hier Gesetze gemacht werden und Entscheidungsträger keinerlei Berühung mehr haben zu dem Volk, das sie wählt.
So sehr uns die TV-Trailer vorab auch schlimmsten Trash befürchten ließen: Nein, hier sitzt wirklich alles. Wie Kai Schumann ganz hinter der aasigen Guttenberg-Maske verschwindet, das ist große Kunst. Und wie Katharina Thalbach sich von unserer Kanzlerin nicht nur die übergroßen Hosenanzüge, sondern auch jede Geste abgeguckt hat, das ist rasend komisch. Ganz davon abgesehen, dass sie Politik am liebsten beim Frühstück oder beim Eintopf macht.
Zwangsrekrutierung vor dem Fernseher
Die Boulevardpresse, die Allzeit-Fernsehtalker, die Politkaste, sie alle kriegen hier ihr Fett weg. Dass selbst die Rücktrittrede von einer Folge „Raumschiff Enterprise“ geklaut ist, macht nur tiefen Sinn: Die Leute agieren hier durch die Bank wie auf einem fremden, fernen Planeten.
Die Damen und Herren Politiker sollten alle kommenden Dienstag vor den Fernseher zwangsrekrutiert werden: um zu studieren, wie sie von außerhalb wahrgenommen werden. Die Verantwortlichen aller deutschen Fernsehsender sollte man ruhig auch dazu zwingen: So viel könnte man sich trauen. So gut könnte deutsches Fernsehen aussehen.
„Der Minister“, 12. März 2013, 20.15 Uhr, Sat.1




