Film

Haußmannn und Regener wollen das Kino neu erfinden

Mit „Hai-Alarm am Müggelsee“ haben sie ihren ersten gemeinsamen Film inszeniert. Und dabei ganz neue Wege für die Finanzierung gefunden.

Foto: Reto Klar

Der eine macht Filme und kämpft für einen fluglärmfreien Müggelsee. Der andere macht Musik und kämpft für das Urheberrecht und gegen den Diebstahl geistigen Eigentums.

Leander Haußmann (53) und Sven Regener (52) sind die besten Freunde. Jetzt haben sie zum ersten Mal einen Film gemeinsam ausgeheckt und inszeniert und wollen damit das Kino neu erfinden. „Hai-Alarm am Müggelsee“, der am 14. März 2013 in unsere Kinos kommt, soll Genre-Kino endlich auch in Deutschland etablieren.

Dafür haben die beiden eigens die Produktionsfirma Müggelfilm gegründet - und Schauspieler überredet, wie sie die Gage in das Projekt zu stecken. Wir haben die beiden im Café Einstein getroffen.

Berliner Morgenpost: Wie lange kennen Sie sich eigentlich schon? Nicht erst seit „Herr Lehmann“...

Haußmann: 13 Jahre.

Regener: Ja, 2000 haben wir uns kennengelernt, weil Leander meine Band, Element of Crime, für eine Inszenierung in Bochum wollte. „Peter Pan“. Was ja dann auch deine letzte war.

Haußmann: Äh... ja...

Regener: Was aber nicht nur unsere Schuld war.

Haußmann: Nee nee, das hatte auch was mit Auslaufen von Verträgen zu tun.

Und war das gleich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Haußmann: Ich fürchte, so was Leidenschaftliches gibt unsere Beziehung nicht her. Freunde fürs Leben oder so. An sowas sollte man nicht rühren, das bringt einen nur in Verlegenheit.

Regener: Nö, wieso denn? Man kann das doch an bestimmten Sachen festmachen. Wir haben in den ganzen Jahren immer wieder was zusammen gemacht. Wenn der Leander einen Film machte und noch ein Musikstück brauchte, dann ist er halt zu uns gekommen.

Haußmann: Wenn Bob Dylan abgesagt hat, zum Beispiel...

Regener: … genau, dann kam er zu uns.

Haußmann: Erst Dylan, und gleich danach die Elements.

Regener: Trotzdem wär's mir andersrum lieber gewesen.

Herr Regener, als Ihr „Herr Lehmann“ verfilmt wurde, war Herr Haußmann da der Wunschregisseur für Sie?

Regener: Der Produzent Claus Boje hat als einer von zwei, drei Interessierten geboten und die Verfilmungsrechte letztlich bekommen. Und irgendwann kam Boje dann mit Leander zu mir und wollte ganz schnell ein Drehbuch haben, weil ein anderes Projekt geplatzt war. Der Leander war also vom Claus gebucht, nicht von mir. Aber Leander hat schon im „Spiegel“ etwas über „Herrn Lehmann“ geschrieben. Und Leander war auch derjenige, der mit dem Buch zu Claus ging und sagte, du musst die Rechte erwerben. Das hab ich alles nicht gewusst.

Haußmann: Ich vergesse es auch anderen Leuten nicht, wenn sie etwas gutheißen, bevor alle es tun. Mich interessiert immer die Meinung vor der Premiere. Ist ja klar, dass alle kommen, wenn es erst mal auf den Bestsellerlisten steht. Schon als ich die ersten 20 Seiten gelesen habe, bin ich zu Boje gegangen. Dass das Buch dann ein Bestsellerliste wurde, hat das Projekt nicht unbedingt negativ beeinflusst.

„Hai-Alarm am Müggelsee“ ist jetzt aber Ihr erster wirklich gemeinsamer Film. Sie haben zusammen das Drehbuch geschrieben, zusammen Regie geführt, zusammen das Projekt gewuppt. Wie kamen Sie auf dieses Underground-Kleinod?

Regener: Ich habe Leander mal am Müggelsee besucht. Und auf dem Weg zu ihm kam mir dieser Titel in den Sinn, keine Ahnung wieso.

Haußmann: Der war lustig. Und darauf springt man an oder nicht. In dem Fall ja. So fängt man an zu fantasieren. Wie wenn man in der Musik improvisiert. Sich zu einer Jam-Session zu treffen, ist auch oft mit viel Krampf verbunden. Aber wenn du einfach eine Gitarre rausholst und spontan loslegst, kann das zu schönen Ergebnissen führen.

Regener: Das ist, wie wenn du ein kleines Loch bohrst und dann das Öl raussprudelt. Da musst du nur noch den Eimer hinstellen. Das kommt aber schon daher, dass wir beide immer eine bestimmte Art von Film vermisst haben. Eine bestimmte Leichtigkeit. Dass man Dinge in der Kunst passieren lässt und sich nicht gleich Regeln aufstellt, was geht und was nicht. Wir haben vielen Leuten von dieser Idee erzählt, die wollten nicht glauben, dass das je was werden wird. Das hat uns am meisten stutzig gemacht, aber auch am meisten angestachelt, es jetzt erst recht zu machen.

Haußmann: Wir haben uns dann vor einem Jahr hingesetzt. Und beschlossen, dass das jetzt schnell gehen muss. Sonst wird das zu verkopft und hat keinen Charme mehr. Auch im Film haben wir meist die ersten Takes genommen. Ich lebe ja nun ausschließlich vom Regisseursein. Es ist aber nicht so, dass ständig Leute mit interessanten Projekten vor der Tür stehen. Deshalb wird, egal was ich lese, obs die Zeitung ist oder ein Buch, immer alles abgescannt. Ich sammle da so 50 Ideen am Tag, die werf ich dann wie Kletten und gucke, ob sie irgendwo kleben bleiben. Ich freu mich aber sehr, wenn auch mal jemand anderer eine Klette wirft. Wie mit so einem „Hai-Alarm am Müggelsee“: Zwei Kinder kaufen von einem schmierigen Tierhändler einen Zierfisch, der sich plötzlich zu einem Hai auswächst. Den setzen sie im Müggelsee aus und das löst eine absurde kommunalpolitische Posse aus.

Dürfen wir das auch als Metapher sehen: ein Fisch, der nicht in dieses Gewässer gehört – dass auch Sie ein solches Werk aussetzen, wie es im deutschen Film eigentlich gar nicht geben kann?

Regener: Das klingt mir jetzt zu selbstbezogen. Man macht sowas nicht gegen die anderen. Das ist einfach ein Element, das einem fehlt. So einen Film wollte ich einfach gern mal sehen. Und wenn sowas sonst keiner macht, dann machen's halt wir. Warum bringt man als Künstler was in die Welt: Weil man denkt, dass das so noch nicht da war. Die anderen Filme solls ruhig weiter geben, aber diesen eben auch. Und wir lassen den jetzt auch nicht in die Exotenecke drängen. Das ist ein vollgültiger professioneller Film. Und der wird genauso seine Freunde finden.

Haußmann: Ach, ich mach auch schon mal Sachen gegen andere! Man ist da ja nicht isoliert. Der Film soll schon eine Haltung zum deutschen Film darstellen, der soll schon was ausdrücken. Ich bin ja auch irgendwann vorm Theater geflüchtet, weil ich gemerkt habe, man geht zur Arbeit, macht drei Inszenierungen im Jahr und riskiert nichts mehr.

Regener: Was man schon sagen muss, ist, dass in letzter Zeit der deutsche Film schon sehr auf die romantische Komödie verengt wurde, wo man's allen recht machen will. Wir haben einen anderen Humor. Der muss aber auch bedient werden. Es kann nicht nur eine Rockmusik geben oder eine Art von lustigem Film. Darum ist der Punkrock damals erfunden worden: weil man merkte, dass sich der Rock zu sehr verengt, und diesen Ausbruch gewagt hat. Plötzlich gab es neue Musik, neue Mode, neue Filme, die ganze Nummer. Ab und zu muss man so was machen.

Haußmann: Eine Komödie ist wie ein Horrorfilm. Die werden ja oft verglichen in ihren Wirkungsmechanismen, denn sie markieren am Ende immer eine Wende. Jede Zeit wird auch durch ihren Humor definiert. Ich werde nie vergessen, wie Otto das erste Mal mit seiner One-Man-Show im Dritten Programm auf dem Barhocker saß. Diese Anarchie, dieser Quatsch! Und das hat den Schulhof erreicht. Zur gleichen Zeit wie Monty Python. Aber dann hechelten die Deutschen immer den anderen hinterher. Bis Detlev Buck kam. Da war wieder ein Aufatmen im deutschen Film. Da hatte endlich mal wieder jemand Identität. Und deutschen Humor.

Regener: Nee nee, da bin ich anderer Meinung, es gibt keine objektive Komik. Da sind wir jetzt mal nicht d'accord. Wenn jemand was nicht komisch findet, ist das schon okay.

Haußmann: Doch doch. Humor ist eine Entscheidungsfrage. Er kann anstecken wie ein Tanz. Das habe ich am Theater geliebt: Bei einer Komödie hast du das Publikum wenigstens mal gehört. Beim Drama, bei der Tragödie kein Ton, keine Reaktion, höchstens mal ein verhaltenes Hüsteln.

„Hai-Alarm“ ist nicht nur ein Vorstoß für ein neues Genre-Kino in Deutschland, sondern auch für eine neue Art der Produktion. Sie haben dafür extra den „Müggel-Film“ gegründet, eine Produktionsfirma neuen Typs. Braucht es mehr Mut hierzulande für solche Projekte?

Haußmann: Unbedingt. Wir haben erstmals eine Zeit, in der jeder was produzieren kann. Das war noch nie so. Das ist eine Revolution in der Medienwelt, damit muss man erst mal zurecht kommen. Aber du kannst nicht mehr vor dich hinklagen, wenn du Sachen nicht durchsetzen kannst. Wenn deine Ideen stark genug sind, findest du heute auch die Mittel, sie umzusetzen.

Regener: Wir haben einfach Schauspieler angequatscht, ob sie nicht auch gleich als Produzenten einsteigen wollen. Quasi auf Pump, die haben dann erst was davon, wenn's Einnahmen gibt. Weil wir glauben, dass man auch andere Filme machen muss. Um die Zukunft dieses Geschäfts zu sichern, brauchen wir auch andere Filme. Das ist ein sehr weitsichtiger Blick, und dafür haben wir uns quasi alle selbstausgebeutet. Wir haben uns auch gar nicht erst die Zeit genommen, lange rumzuaquirieren. Fernsehgelder zu kriegen dauert zum Beispiel unheimlich lange. Bis die das durch alle Gremien hindurchpalavern! Wir wollten das schnell rocken, da muss das eben ohne gehen. Wir hätten den Film zur Not auch mit dem Handy gemacht. Aber der kommt jetzt eben nicht ins Internet, sondern schön fett im Kino raus. Und sieht auch nach Kino aus. Und wir haben auch festgestellt: Das Bedürfnis in der Filmwelt nach neuen Wegen ist da.

Wenn der Film jetzt nicht laufen sollte, müssen Sie dann Angst haben um Ihre Hypotheken?

Regener: Nein, nein. Wir haben Geld reingesteckt, indem wir es nicht bekommen haben. Nach den Regeln deutscher Filmproduktionshandbücher gibt es klare Vorstellungen, was ein Autor, was ein Regisseur verdienen sollte, was ein Schauspieler wie Henry Hübchen am Tag kostet. Das sind Gelder, die haben wir hineingegeben, indem wir drauf verzichtet haben. Die sind als unsere Einlage drin.

Haußmann: Die Kugel ist jetzt aus dem Lauf.

Regener: Der Fisch ist auf dem Teller.

Wie haben Sie zusammen Regie geführt? Der eine gibt Anweisungen, der andere schweigt?

Haußmann: Ich habe, als ich mit Filmen anfing, auch schon mal Ko-Regie gemacht. Weil ich Angst hatte, sowas gleich allein zu wuppen. So ein Weg ist nicht einfach, da ist es immer schöner, ihn zusammen zu gehen. Man muss allerdings ein Modus vivendi finden, damit man nicht immer vor den anderen diskutiert.

Regener: Ich seh mich nicht als Regisseur. Das wäre das Letzte, was ich als Beruf angeben würde. Aber beim Dreh war es letztlich wie jetzt bei diesem Interview. Bei Leander klingelt immer das Telefon, er ist dann mal weg. Da hat halt immer der das letzte Wort, der übrig bleibt... (lacht) Nee, eigentlich ist es wie bei meiner Band. Da bin ich auch einer von Dreien, ich hab da nicht mehr zu sagen als die anderen zwei. Und Leander und ich haben ja schon zusammen das Drehbuch geschrieben – und die Musik zum Film gemacht. Damit war der Beat ja vorgegeben.

Ihre Musikeinlagen gehören wirklich zu den Highlights des Films.

Regener: Schwierig war es allerdings im Taucheranzug. Der war so dick, dass man nach 20 Sekunden komplett im eigenen Saft stand. Wir haben uns damit natürlich so ein bisschen zum Obst gemacht, das ist aber wichtig bei so einem Film. Dass du das nicht nur von deinen Schauspielern erwartest, sondern mit gutem Beispiel vorangehst. Damit haben wir die Leute auch dazu gekriegt, sich selbst zum Obst zu machen. Oder was meinst du?

Haußmann: Ich muss nicht generell mitspielen. Aber was diesen Film betrifft, fand ich es sehr wichtig, dass wir, wie sagt man, die product identity, das Wasserzeichen sind. Nicht zufällig steht im Vorspann als allererstes: „Mundharmonika: Leander Haußmann. Gitarre. Sven Regener.“ Da kommt gleich der erste Lacher, und der Zuschauer weiß, worauf er sich einlässt.

Sie sind buchstäblich aufeinander eingespielt. Kann man Sie auch so buchen?

Regener: Leander hat ja schon öfter mal die Mundharmonika gespielt, wenn wir eine gebraucht haben. Das weiß ja keiner, dass er ein begnadeter Mundharmonikaspieler ist. Auch das hat Punkrock-Charme. Aber nein: Es gibt den Soundtrack, es wird aber nicht auch noch eine Tournee dazu geben. Irgendwo muss man auch mal aufhören.

Haußmann: Ich bin immer wieder erstaunt, wenn Sven mich manchmal ruft und auf der Bühne haben will. Aber ich scheiß mich schon drei Tage vor diesen Auftritten so ein vor Angst, ich brauch das nicht.

Herr Haußmann, die letzte Frage muss sein: Sie kämpfen für einen ruhigen Müggelsee. Empfinden Sie Schadenfreude über das derzeitige BER-Desaster?

Haußmann: Schadenfreude ist mir fremd. Ich trete auch nicht gern auf Leute, die am Boden liegen, Bürgermeistern etwa, die das noch nicht wissen. Aber dass so ein Milliardenprojekt so auf Sand gesetzt ist! Von Korruption wurde ja immer schon geraunt, der investigative Journalismus war da auch nicht sehr aufgeweckt, die mussten ja immer dreister werden. Aber der Müggelsee, da muss ich jetzt mal ganz ernst werden, hat einfach keine Lobby. Das ist der größte See Berlins, 70 Prozent des Trinkwassers kommt daher, aber er hat keine Lobby. Der Wannsee schon. Ich finde schön, dass mit unserem Film der Müggelsee mal wieder positive Schlagzeilen kriegt. Und wir konnten zumindest schön mit Originalton drehen, weil da nicht im Fünfminutentakt Airbusse drüberbrummen. Ich fürchte aber, das, was wir gerade erleben, sind nur zehn Prozent von dem, was noch kommen wird. Da wird immer noch gedeckelt, wo es geht. Das ist wie beim Fall der Mauer oder auch bei der Neuen Heimat: Alle bringen noch schnell ihre Pfründe in Sicherheit, während schon das Chaos ausbricht. Da bricht ein ganzes System ganz langsam, aber richtig schön zusammen.

Regener: Was wir auf keinen Fall wollten in unserem Film, war irgendeinen Zusammenhang zum Flughafen zu schaffen. Es geht um einen Hai und eine kommunalpolitische Posse. Es ist jetzt allerdings schon so, dass man den ganzen Film als große Metapher auf den BER-Skandal sehen kann, wie da mit Verdrängung, Verleugnung und Einrichtung von Arbeitskreisen reagiert wird.

Haußmann: In so einem behördlichen Wirrwarr kann man sich schnell verlieren. Das ist dann immer lustig.

Regener: Zumindest von ferne betrachtet.