Pop

Paul Banks – schöne Stimme macht noch kein gutes Konzert

Der Sänger von Interpol gastierte im Berliner Kesselhaus. Es fing so stimmungsvoll an, doch irgendwie endete alles in Lifestyle-Melancholie.

Foto: Helena Christen

Die Vorgruppe Pascal Finkenauer gibt alles und gleichzeitig zu viel. Eine Proll-Rock-Operette stürmt durch die hohen Industrieräume des Kesselhauses im Prenzlauer Berg. Glatzköpfig, männlich schlägt der Sänger eine Schneise von Nach-mir-die-Sintflut-Musik. „Alles in Rage“, schreit er. Ein Deutsch-Rocker also. Die Zuschauer drehen sich fragend um, als das zwanzig Minuten dauernde Vorspiel vorbei ist.

Eigentlich sind sie ja für Paul Banks gekommen. Banks, das ist der Frontman der New Yorker Gruppe Interpol. Von denen die meisten sagen, sie singen so wie Joy Division, und die Editors aus Birmingham, die klingen auch ähnlich. R.E.M. haben ihre Ballade „NYC“ gecovert.

Der spanische Riff, sehr sexy

Wie der Gitarrist die Bühne betritt, so ein spanisch anmutender Amerikaner mit Bart und Bauch, spielt er natürlich ein spanisches Riff, leidenschaftlich, tangohaft und sehr sexy. Da kommt noch ein Typ, der einen Synthesizer bedient. Es gibt einen Schlagzeuger. Paul Banks wird angeleuchtet. Als einziger steht er in einem siebenstrahligen Lichtkegel. Auf die Erde gesandt und doch willens gen Himmel zu fahren. Das Gitarrenspiel verstummt. Der Synthie düdelt tiefe Konsolengeräusche, treibendes Schlagzeug, die Viertel treffsicher aus der Hüfte geschossen.

Wir hören eine der schönsten Stimmen der kontemporären Pop-Musik. Tief. Irgendwas zwischen Bass und Bariton. Fast gehaucht am Anfang. Unsicher winden sich die Zeilen durch das Mikrofon und durch die Lautsprecher in die Ohren. „I see your face and I let you own me“, zehn Wörter singender Chronik der totalen Selbstaufgabe, um Teil eines „Wirs“ zu werden. Für 28 Euro werden noch Tickets an der Abendkasse ausgegeben. Ausverkauft ist anders und das ist schade, weil Paul Banks einer der wenigen musikalischen Erzähler ist, die im Sich-treiben-lassen noch souverän sind.

Ein wenig zu perfekt

Banks wählt die Gestalt eines modernen Johnny Cash. Schwarz. Schwarz. Schwarz. Sonst nichts. Er ist sicher kein Virtuose am Instrument. Banks schubbert grob über die Saiten, seine Kopfstimme ist bestenfalls ok. Die Höhen krächzen, aber man glaubt, so und nicht anders gehört sich das. Deswegen ist das gut.

Früher machte er unter dem Pseudonym „Julian Plenti“ Musik. Jetzt einfach nur noch „Paul Banks“. Die Fans rufen „Paul“, so richtig deutsch, wie wenn einer „Paul Breitner“ sagt. Und er sagt „Thank you“, sonst nichts. Banks liefert eine Inszenierung ab. Ein Pop-Erlebnis, das leider zu perfekt, zu gut geprobt daher kommt. Musikalisch wirklich perfekt, verpufft das Staunen über die Präzision bald in einem dahinleiernden Gefühl von Lifestyle-Melancholie. Weil die Songs nach dem gleichen Muster verlaufen. Ordentlicher Beat, markantes Gitarren-Spiel, wie von einem gradlinigen Bass, dazu Klimper-Träume-Töne vom zweiten Gitarristen und ein Wummer-Unteron-Gebrumme vom Bassisten. Siebzehn Mal nacheinander.

Was fehlt, ist der klare Popsong

Wirklich, reine Klangästhetik macht noch kein gutes Stück. Banks Hauptband Interpol hat klare Popsongs abgeliefert. Intro. Strophe. Refrain. Strophe. Ende. Aber hier hören wir nur sauber einzeln perfekt gespielte Tonspuren. Banks verliert sich in ornamentaler Augenwischerei. Zu jedem Zeitpunkt meint man, die Decke herein stürzen zu sehen, und dann bleiben die Träger über den Köpfer stehen. Und in Zeitlupe saust der Staub und das gekrümmte Eisen wieder nach oben. Für eine SUV-Werbung wäre das ein Super-Soundtrack. Aber ein ganzes Konzert trägt das nicht. Da kann er noch so tief hallend wunderschön perfekt singen.