Normalerweise macht das Spaß. Katastrophenfilme sind eigentlich Popcorn-Kino. Blockbuster, in denen mit den neuesten Tricks der Filmtechnik Wolkenkratzer wie Mikadostäbe einknicken, Flutwellen die Küste wegfegen oder Kühe und Traktoren durch die Luft sausen. Diesen Destruktionstrieb, die Lust am Untergang kann man schon am Kleinkind beobachten, das seinen Turm aus Bauklötzen einstürzen lässt. Es muss dem etwas Reinigendes, Kathartisches inne wohnen. Das Distaster Movie, längst ein eigenes Filmgenre, erfreut sich daher eit Dekaden größter Beliebtheit. Aber hier ist alles anders: „The Impossible“ erzählt vom Tsunami 2004. Von jener Flutwelle, die am zweiten Weihnachtsfeiertag, nach einem Erdbeben im Indischen Ozean, auf acht Länder eingestürzt ist und mindestens 230.000 Menschen das Leben gekostet hat.
Kein Film für Popcorn-Eimer
Neun Jahre hat es gedauert, bis das Kino sich getraut hat, diese in ihrem Ausmaß einmalige Katastrophe nachzustellen. Es gab schon andere Filme, Clint Eastwoods „Hereafter“, der dieses Trauma mit einem anderen, dem U-Bahn-Anschlag in London, verband. Der französische Film „Vinyan“, in dem Emmanuelle Béart sich auf der Suche nach ihrem verschwundenen Kind im Dschungel verliert. Und die ZDF-Produktion „Nach dem Tsunami“, in dem Veronica Ferres als Witwe eines Tsunami-Opfers sich sich in einen Mann verliebt, der dort ebenfalls seine Frau verlor. Aber das waren alles Dramen, die weniger vom Unglück selbst als vom Trauma danach erzählten. „The Impossible“, der morgen ins Kino kommt, ist tatsächlich der erste Film, der ganz und einzig in dieser Katastrophe spielt. Popcorn wird man dabei nicht essen wollen. „The Impossible“ geht an die Nieren wie wenige Filme seiner Art.
Am Anfang hat man richtig Angst, wie der Film werden wird. Der spanische Regisseur Juan Antonio Bayona ist vor allem bekannt durch seinen Horrorfilm „Das Waisenhaus“. Das lässt Schlimmes befürchten. Und es scheint auch einzutreffen. Der erste Schock: Ein Panoramabild auf eine idyllische Insel wird jäh unterbrochen von einem Flugzeug, das mit Getöse durchs Bild rauscht.
Wenig Effekthascherei
Zweiter Schock: Vor der Landung gibt es heftige Turbulenzen. Von Anfang an wird die Urlaubsidylle in Thailand also von Vorahnungen drohendem Ungemachs erschüttert. Effekthascherische, reißerische Momente. Dann typische Bilder eines Katastrophenfilms. Beiläufige Szenchen einer fünfköpfigen Familie, mit Naomi Watts, die schon mal „King Kong“ beistand, und Ewan McGregor, der in „Star Wars“ das Laserschwert führte. Veteranen des Actionfachs, möchte man meinen.
Aber dann bricht, nach zirka zehn Minuten, die Katastrophe herein. Völlig überraschend. Die Eltern sitzen nicht am Strand, werden also nicht Zeuge, wie das Meer sich erst zurückzieht. Sie halten sich am Pool ihres Resorts auf, wegen der kleinen Kinder. Und plötzlich grummelt es. Ragt eine riesige Welle über die Palmen. Und reißt die Familie auseinander. Das wäre nun der gewohnte Anlass für möglichst spektakuläre, atemberaubende Szenen, wie ganze Häuserzüge weggespült werden und Massen panisch wegrennen.
Schrecklich wahrhaftige Szenen
Nicht so bei „The Impossible“. Hier gibt es einen regelrechten Blackout. Dann taucht die Mutter in einem reißenden Strom auf. Und findet hier, welch Wunder, ihren ältesten Sohn. Schwer verletzt können sie sich retten. Die Mutter blutet schwer, der Sohn ist unter Schock. Dann kommt eine der erschütterndsten Szenen. Man hört ein Kleinkind schreien. Die Mutter will es suchen. Der Sohn will das nicht. Wir müssen uns selber retten, stammelt er immer wieder. Und klagt sein Sohnesrecht ein. Aber die Mutter bleibt stark: „Und wenn es das Letzte ist, was wir tun.“
Später wird es gerade der Sohn sein, der sich um dieses Kind kümmert. Er ist ganz plötzlich erwachsen geworden an diesem Tag. Und er muss sich um die Mutter kümmern, die immer mehr Blut verliert. Es gibt Horrorszenen, immer wieder. Aber sie sehen anders aus als in Horrorfilmen. Und gehen umso mehr unter die Haut. Wenn der Junge die Mutter schließlich in ein Krankenhaus bringt und dann plötzlich ihr Bett leer findet. Der Popcorneimer wird schon bald weggelegt. Die Süßigkeiten wollen auch nicht schmecken. Dafür kramt man umso mehr nach Taschentüchern.
Eine wahre Geschichte
„The Impossible“ basiert auf einer wahren Geschichte. Die einer fünfköpfigen spanischen Familie, die auseinandergerissen wurde an diesem Tag, aber, welch Wunder, alle überlebt und sich bald wieder gefunden haben. Eine Ausnahmegeschichte also, die uns das Allerschlimmste, den Verlust, erspart, nicht aber die permanente Angst davor. Der Film tut gut daran, nur diese eine Geschichte zu erzählen. Und nicht, wie so oft, zahllose Schicksale nebeneinander laufen zu lassen. Nur am Ende wird die Enge dieses Handlungsgerüsts deutlich. Weil man eben nie die unglaublichen Ausmaße dieser Katastrophe sehen kann, sondern nur den kleinen, individuellen Ausschnitt.
Es gibt sehr wahrhaftige Szenen. Wie Wildfremde sich in der Not gegenseitig beistehen. Aber auch, wie sie einander sofort vergessen, wenn sie ihre eigenen Angehörigen wiedergefunden haben. Ist das Egoismus? Wohl eher Verdrängung. Und weil wir ständig bei denselben Personen bleiben, identifizieren wir uns umso schneller mit ihnen. Und müssen uns selber fragen: Wie hätten wir uns verhalten, wie stark wären wir gewesen? „The Impossible“ wirkt da länger und verstörender nach als jedes Bombast-Desaster, das Roland Emmerich je inszeniert hat.





