Die beiden älteren Damen haben noch etwas Zeit, die Vorstellung geht erst in einer halben Stunde los. Für sie ist das heute Abend eine Premiere: Sie besuchen zum ersten Mal das Schlosspark Theater. Zumindest seit es Dieter Hallervorden übernommen hat. Das war vor drei Jahren.

„Wir haben ein Abo, aber bislang wurde diese Bühne darin nicht angeboten.“ Gespielt wird „Ein seltsames Paar“. Die Frauen stehen vor der Vitrine mit den Plakaten, schauen sich auch das Motiv von „Der kleine König Dezember“ an: „In Erinnerung an Dirk Bach“ steht über dem Titel. „Ist das nicht der aus dem Dschungelcamp?“

Das Interesse an dieser Aufführung, die am heutigen Sonntag Premiere hat, hält sich bei beiden aber in Grenzen: „Klingt wie ein Stück für Kinder.“

Vorstellungen fallen aus

Soll aber eher für Erwachsene sein. Hallervorden wollte mit dieser Inszenierung, mit dieser Besetzung den Coup des Jahres landen: Mehr als 30 Vorstellungen waren bis Weihnachten eingeplant, alles war auf Dirk Bach zugeschnitten.

Die Rolle des Gummibärchen liebenden, in einem kleinen Mauerriss hinter einem Bücherregal wohnenden kleinen Königs sei ihm ja quasi auf den Bauch geschrieben, sagte der Comedian gut gelaunt, wie immer bei öffentlichen Auftritten, bei einer Pressekonferenz Ende August.

Da hatten die Proben für die Bühnenadaption dieses modernen Märchens von Axel Hacke gerade begonnen. Am 4. Oktober 2012 war die erste Voraufführung angesetzt. Drei Tage vorher sollte ein Interview mit Morgenpost Online stattfinden. Aber der Schauspieler erschien an diesem Montag nicht. Ein Theatermitarbeiter fuhr in die Wohnung von Bach. Er war tot.

„Die ersten Tage waren furchtbar“, sagt Schauspieler Harald Effenberg. Das Theater lag da „wie ein toter Organismus“, es blieb eine Woche lang abends geschlossen, die eingeplanten Vorstellungen des „Königs“ fielen aus.

Intendant Hallervorden sprach davon, dass das Theater in seiner Existenz bedroht sei. „Ich hoffe, es geht weiter“, sagt Georg Tryphon, der Hallervorden noch von der Schauspielschule her kennt und mit dem Intimen Theater selbst auch mal eine Bühne geleitet hat.

Er spielt regelmäßig in Steglitz und teilt sich bei „Ein seltsames Paar“ die Garderobe mit Effenberg. Auch der kennt den Chef schon lange, vor knapp 30 Jahren hat er mit Hallervorden erstmals gedreht, den Film „Didi und die Rache der Enterbten“.

Kein Laufpublikum

Die beiden treten auch gemeinsam auf, in „Stationen eines Komödianten“, Hallervordens Rückblick auf 50 Jahre Bühnen-, Film- und Fernsehkarriere. Demnächst gehen sie damit auf Tournee, aber erst mal steht ein Heimspiel an.

Ausverkauftes Haus, das Publikum spiegelt die demographische Entwicklung der Gesellschaft, es hat sich herausgeputzt an diesem Freitagabend, die Herren tragen zum Jackett gern Krawatte, die Damen haben den Friseur- mit dem Theatertermin abgestimmt. Hallervorden hat das Publikum vom ersten Augenblick an im Griff. Es verehrt ihn. Und ist ihm vielleicht auch dankbar, dass er dieses Theater im Südwesten Berlins wieder geöffnet hat. Mit etwas öffentlichem und viel eigenem Geld.

Das Haus war vorher geschlossen, ein Musicalunternehmen hatte sich aus Kostengründen wieder zurückgezogen, davor hatte Intendant Heribert Sasse den Betrieb eingestellt, nachdem der Senat ihm die Subventionen gestrichen hatte. Mittlerweile läuft es ganz gut am Schlosspark Theater, aber damit der Theaterbetrieb kein Zuschussbetrieb bleibt, bräuchte Hallervorden nach eigenen Angaben eine Auslastung von etwa 70 Prozent, das ist angesichts der nicht gerade zentralen Lage (im Vergleich zu den Kudamm-Bühnen gibt es kein Laufpublikum) ein ehrgeiziges Ziel.

Wenn da eine Produktion mit mehr als 30 eingeplanten Vorstellungen ausfällt, ist das schon eine bedrohliche Situation. Normalerweise disponiert das Haus vorsichtiger, wie Theaterleiterin Evangelia Epanomeritaki erzählt, aber weil Bach sich nicht langfristig binden konnte, wurden die Aufführungstermine bis Weihnachten gebündelt.

Keine Rücklagen

Das Schlimmste konnte Hallervorden abwenden, weil Gustav Peter Wöhler anrief. Der Schauspieler bot an, die Rolle von Dirk Bach in dem Zweipersonenstück „Der kleine König Dezember“ zu übernehmen.

Ein Anruf, über den sich auch Kulturstaatssekretär André Schmitz gefreut haben dürfte. Denn er geht jetzt davon aus, dass durch den Einsatz von Wöhler die Existenzgefährdung des Theaters kein Thema mehr ist, ein Rettungsschirm also nicht nötig sein wird.

Da könnte auch ein bisschen Wunschdenken mitschwingen. „Man weiß ja nicht, wie es läuft“, sagt Wöhler. Zehn Vorstellungen fielen ersatzlos aus, es mussten neue Plakate entworfen, gedruckt und geklebt werden, da fehlen dann schon einige Euro im Etat. Und Rücklagen, sagt Theatersprecher, Harald Lachnit, „die konnten wir bislang noch nicht bilden“.

Nur zwei Wochen Probe

Gustav Peter Wöhler – der Retter des Schlosspark Theaters? Das ist ihm eine Nummer zu groß: „Ich bin ein Helferlein“, sagt Wöhler, der wenige Tage vor der Premiere an diesem Sonntag gemeinsam mit dem Regisseur Lorenz Christian Köhler und seinem Bühnenpartner Matthias Freihof im sogenannten Champagnerfoyer des Schlosspark Theaters sitzt, um ein paar Fragen zu beantworten.

Zum Beispiel die nach der Motivation: „Für mich war klar, ich geh da nicht rein, um als Gustav Peter Wöhler zu brillieren. Ich gehe da rein, um eine Produktion, die aufgrund eines tragischen Vorfalls nicht herauskommen konnte, auch in Erinnerung an Dirk zu Ende zu bringen.“

Dafür bleiben ihm gerade mal zwei Wochen Probenzeit, normal sind sechs: Nein, so wenig Zeit hatte er noch bei keiner Theaterarbeit, aber „nach zwei Tagen habe ich gesehen, dass das eine Inszenierung ist, in die ich guten Gewissens hineinschlüpfen kann“.

Immerhin kannte Wöhler das Buch. Er haucht den Satz „vier Mal im Leben habe ich es geschenkt bekommen“ fast hin. „Es hat mir immer viel Spaß gemacht“, aber damit beschäftigt, wie man das auf die Bühne bringt, habe er sich nicht. Um den Text in so kurzer Zeit parat zu haben, habe er keine Tricks, da „hilft nur: bimsen, bimsen, bimsen“, also morgens und abends lernen. Wöhler spricht von „wehmutsvollen Gefühlen“ bei den Proben, weil „man sich immer an Dirk erinnert“ – die Inszenierung war ja bereits fertig.

Er schaut zu seinem Mitspieler Freihof, dann imitieren sie für einen Augenblick die überkandidelte Art von Dirk Bach, die Zuschauern des Dschungelcamps vertraut ist. Freihof sagt: „Wenn wir spielen, gibt es Momente, da glaube ich, Dirk zu hören und zu sehen.“