Kino

In „Die Wand“ ist Martina Gedeck ganz auf sich gestellt

Die Haushofer-Verfilmung „Die Wand“ ist Apokalypse einmal anders. Eine großartige Bühne für Hauptdarstellerin Martina Gedeck.

Foto: presse@studiocanal.de / Studiocanal

Sie müssen jetzt mal ganz still sein. Auch wenn das schwer fallen mag. Vom Gebrauch von Popcorneimern oder sonstigen Geräuschkulissen raten wir jedenfalls entschieden ab. „Die Wand“, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, ist nämlich ein ganz ganz leiser Film. Quasi ein zweistündiger Stecknadeltest. Und da möchte man vielleicht nicht unnötig auffallen. Wir haben Sie jedenfalls gewarnt.

Der überraschendste Moment des Films kommt relativ bald. Er ist ganz kurz, auch da sollte man nicht gerade nach Popcorn fischen. Martina Gedeck wandert durch die Landschaft. Ein idyllisches Bild, vermeintlich ganz friedlich. Auch wenn der Hund bellt. Aber dann stößt sich die Frau den Kopf an. Obwohl da gar nichts ist. Es ist, als ob sie gegen eine Glaswand gelaufen wäre. Und es macht ein komisches Geräusch. Die Frau steht vor dieser Wand, sie tastet sich ungläubig daran ab. Aber es ist kein Durchkommen. Der Zugang zum Rest der Welt, verstellt.

Die letzte Blase Welt

Sie wird es noch einmal versuchen. Aber diesmal mit Verstärkung. Sie wird sich in ein Auto setzen. Und rausfahren. Weil sie schon vergessen hat, was da ist. Oder es als Traum abtut. Aber dann knallt der Wagen frontal gegen das Nichts. Spätestens jetzt könnte man sich vor Schreck an einem Popcorn verschlucken. Die Frau ist wie unter einer Glaskuppel gefangen. Muss aber bald die Entdeckung machen, dass nicht sie gefangen ist. Zwei alte Menschen, die sie auf der anderen Seite entdeckt, scheinen zu Wachssäulen erstarrt. Das Leben, die Zeit da draußen, sie hat einfach aufgehört. Und wie groß die Blase, in der die Frau ist, auch immer sein mag – es scheint das einzige Areal, wo das Leben noch weitergeht.

Science-fiction sieht anders aus. Wenn Männer die Welt untergehen lassen, dann gewöhnlich mit einem lauten Knall. Mit Feuerbrünsten und einstürzenden Hochhäusern. Oder erinnern wir uns an „I am Legend“: Da ist Will Smith der letzte Überlebende auf der Welt. Tagsüber jagt er mit seinem Auto durch die Straßen, ohne auf Ampeln und Verkehr achten zu müssen, er kann beliebig shoppen gehen, ohne zahlen zu müssen. Aber nachts muss er sich verbarrikadieren. Weil dann die Untoten kommen.

So stellen sich Männer die Apokalypse vor. Und der Verweis mit „I am Legend“ muss unbedingt fallen, denn Will Smith ist nicht ganz allein. Er hat einen Begleiter an seiner Seite: einen Hund. Auch Martina Gedeck ist nicht allein. Auch sie hat einen Hund. Aber sonst ist alles anders. „Die Wand“ ist eine verkehrte, eine umgedrehte Robinsonade. Hier ist nicht jemand von der Welt abgeschnitten, hier ist jemand auf dem letzten Zipfel, was sich noch Welt nennen darf. Was dafür verantwortlich ist und warum eine kleine Blase Welt nicht davon betroffen ist, das wird nie erklärt. Das ist die wohl größte Zumutung des Films. Man muss es hinnehmen.

Ein Naturneurotiker auf dem Regiestuhl

Und die Frau - den ganzen Film über trägt sie keinen Namen -, die Frau muss es erst recht hinnehmen. Sie ist eigentlich nur zu Besuch hier, ist mit Freunden zu deren Jagdhaus gefahren. Die Freunde sind noch ins Dorf und kommen nicht mehr zurück. Sie haben ihr den Hund zurückgelassen, und der ist der einzige Gefährte. Die vornehme Frau aus der Stadt muss plötzlich lernen, ganz bodenständig zu leben. Wie man Holz hackt, um es warm zu haben. Wie man Kartoffeln anbaut. Und mit dem Jagdgewehr Wild schießt. Das Ende der Welt einmal als Rolle rückwärts ins archaische Leben.

Als die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer „Die Wand“ veröffentlichte, 1963, war der Kalte Krieg gerade am kältesten und die Angst vor einem Atomkrieg ganz konkret. Schon damals gab es zahllose Untergangsfantasien, im Buch wie im Film, die mit dem kollektiven Trauma spielten. Haushofers Buch indes wurde kaum wahrgenommen. Das hat sie in eine tiefe Depression gestürzt. 1970 ist sie, mit nicht mal 50 Jahren, gestorben. Den Nachruhm ihres Werks sollte sie nicht mehr erleben. „Die Wand“ wurde zum Kultbuch sowohl der Frauen- als auch der Friedensbewegung. Es rangierte bei einer Umfrage über die 50 beliebtesten deutschsprachigen Büchern auf Rang 40, noch vor Hesses „Steppenwolf“. Ja, heute ist Haushofer längst kein Geheimtipp mehr. Aber alle, die das Buch verehren, sind sich einig: Das ist unverfilmbar.

Versucht wurde es mehrfach. Auch Klaus Maria Brandauer hat in den Neunzigern darüber gebrütet, letztlich aber aufgegeben. Dann aber hat sich Julian Roman Pölsler daran gemacht. Ein Glücksfall. Pölsler ist in der Steiermark aufgewachsen, völlig isoliert vom Rest der Welt. In Abwandlung eines gewissen Stadtneurotikers versteht er sich als „Naturneurotiker“. Da muss ihn der Roman förmlich angesprochen haben. Und wirklich ließ der ihn 25 Jahre nicht los. Die Verfilmung schien ihm die einzige Möglichkeit, ihn doch loszuwerden.

Schreiben als Überlebensakt

Er hat das Buch mit ganz einfachen Mitteln umgesetzt. Obwohl das ja immer das Schwerste ist. Der ewige Stecknadeltest: Ein Mensch, ganz allein. Der überdies nicht zu Monologen neigt. Also nicht redet. Nur die Geräusche der Natur. Ein bisschen Kammermusik aus dem Off, aber auch die nur schwach dosiert. Die Stille ist eine Herausforderung. Nicht nur für den Zuschauer. Schon auch für die Hauptfigur. Deshalb setzt sich die Frau an den Tisch und schreibt. Um nicht verrückt zu werden. Um sich mitteilen zu können. Um nicht nur wie das Vieh zu vegetieren. Dieser Bericht ist die Erzählhaltung des Romans, und Pölsler übernimmt ihn oft eins zu eins. Als Kommentar aus dem Off. „Die Wand“, ein Hörbuch auch zum Gucken.

Und eine großartige Bühne für die Hauptdarstellerin. Martina Gedeck, seien wir ehrlich, neigt gern zu gewissen Manierismen, mit denen sie ihre Figuren stilisiert und entrückt. Das ist große Kunst, aber es haftet dem eben immer auch etwas Kunstfertiges an. Ihre namenlose Frau gibt sie dagegen ganz pur, ganz ungeschminkt, uneitel. Wie sie, anfangs noch ganz elegante Dame, immer mehr zur Bäuerin abstumpft, bis sie sich schließlich mit den langen Haaren auch die letzte Erinnerung an das frühere Leben abzwackt. „Die Wand“ ist ein Gedeck-Festival.

Schon das Buch interpretierten viele als Sinnbild einer Krise, einer Depression, einem ergo nach innen gekehrten Untergang. Der Film verstärkt das noch. Nur die zwei Mal am Anfang rennt die Frau gegen die Wand, dann wird die Hürde einfach hingenommen. Der Zuschauer wird gezwungen, das mitzumachen. Er mag sich wehren. Aber er wird immer stiller. Von Männern ausgeheckte Apokalypsen kennen wir zur Genüge. Mit denen können wir umgehen, die können wir längst schon als Genre abtun. Diese weibliche Apokalypse ist anders. Sie verstört ganz ungewohnt. Und wirkt noch lange nach.