10 Jahre am Bodensee

„Nachtkrapp“ - das verschlafenste aller „Tatort“-Jubiläen

Seit zehn Jahren ermittelt die Berlinerin Eva Mattes als Kommissarin am Bodensee. In ihrem 24. Fall wirkt sie müde und ausgelaugt.

Foto: Peter Hollenbach / SWR/Peter Hollenbach

Sie sieht so müde aus. So ausgelaugt. Sind zehn Jahre „Tatort“ am Bodensee zu viel für Eva Mattes? Nein, sie – oder vielmehr ihre Kommissarin Klara Blum – hat nur die ganze Nacht durch verhört und ist gar nicht erst nach Hause gekommen. Das wird sie übrigens während ihres ganzen Jubiläums-Tatorts nicht schaffen. Sie wird, wenn überhaupt, dann im Büro schlafen. Wird die ganze Zeit übermüdet, fast somnambul durch ihren 24. Fall „Nachtkrapp“ stolpern. Und schließlich, so viel sei schon verraten, sogar entführt werden.

Mit Jubiläen ist das so eine Sache. Bei jedem runden Geburtstag stellt man sich die Frage, soll man ihn zelebrieren? Große Party machen? Oder einfach verstreichen lassen? Beim SWR hat man sich die Frage wohl auch gestellt. Es gibt so viele Tatorte, dass man mit den Dienstjubiläen kaum noch hinterherkommt. Und so hat man sich wohl für Letzteres entschieden: einfach weitermachen. Immerhin: Frau Kommissarin muss nicht nur nach einem Kinderserienmörder suchen, sie muss sich auch noch mit einem Konkurrenten plagen: einen Kommissar aus der Schweiz. Das ist aber auch nicht ganz neu, der „Tatort“ im Dreiländereck hat schon immer mal grenzübergreifend operiert.

Der Bodensee macht träge

Das tote Kind ist zwar auf deutschem Gebiet gefunden worden, stammt aber aus der Schweiz. Und so kabbeln sich der Herr Kommissär und die Frau Kommissarin bald um Kompetenzen und Vorgehensweisen. Es ist natürlich auch die Frage, ob Männer oder Frauen die besseren Ermittler sind. Aber die beiden kabbeln sich so andauernd, dass dabei die schlimmsten Pannen passieren. Dass man auf das Kind, das wohl das ursprüngliche Mordopfer war und im Internat nur verwechselt wurde, einfach nicht genug aufpasst. Sebastian Bezzel als Mattes’ Assistent (sie siezen sich übrigens auch nach zehn Jahren immer noch!) steht auch nur wie Falschgeld in der Szenerie und gibt auch nicht Acht. Es scheint, als ob alle irgendwie nicht viel Schlaf kriegen, Drehbuchautorin und Regisseur inklusive.

Der Bodensee macht träge. Nie ist er so schön wie gerade im Herbst. Wie schwärmte Hölderlin so unnachahmlich? "Mit gelben Birnen hänget / und voll mit wilden Rosen / das Land in den See.“ Der „Tatort“ ist aber schon weiter. Da ist November. Die Zeit, wo die Wolken nicht über die Alpen kommen. Grau. Trist. Verhangen. Da muss man ja den Blues haben. Die Ermittler haben ihn auch.

Für eine Mütze Schlaf

Überhaupt ist die Bodensee-Region ein gefährliches Terrain. Da kann man schnell melancholisch werden. Und bräsig. Kein Zufall wohl, dass der „Tatort“ aus diesem Zipfel der Republik denn auch der bräsigste, der ländlichste, der langsamste ist. Das scheint auch auf eine Hauptstädterin wie Eva Mattes abzufärben, die auf der Bühne eine Wucht ist, aber als Kommissarin also mütterlich-verständnisvoll. Deshalb ist mit „Nachtkrapp“ jetzt auch das verschlafenste, entschleunigste Jubiläum zu verzeichnen, das die „Tatort“-Reihe je erlebt. Wir hoffen, dass das nur die in dieser Region nicht unbekannte November-Depression ist. Wir wünschen allen Beteiligten, dass sie bis zum 25. Bodensee-Krimi alle eine Mütze Schlaf bekommen.

Tatort: Nachtkrapp. ARD, 7. Oktober 2012, 20.15 Uhr