Theater

Schaubühnen-Chef Schitthelm tritt nach 18.262,5 Tagen ab

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Stefan Kirschner

Die Schaubühne feiert ihren 50. und der Lotse, der wohl dienstälteste Theaterdirektor Deutschlands, geht von Bord.

Am Ende, da stand Jürgen Schitthelm allein auf der Bühne. Die Zuschauer applaudierten stehend - und der Mann dort vorn im schwarzen Anzug war sichtlich gerüht. In den vergangenen 50 Jahren standen immer die anderen im Rampenlicht: Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, halt die Leute, die sich am Ende einer Theaterpremiere dem Publikum stellen. Nur der, der das ermöglicht, der hält sich meist im Hintergrund. So wie Jürgen Schitthelm (73), der am 21. September 1962 mit vier Mitstreitern die Schaubühne (damals noch am Halleschen Ufer in Kreuzberg, übrigens in einem Veranstaltungssaal der Arbeiterwohlfahrt) mitgründete. 50 Jahre später wurde der Geburtstag am Lehniner Platz, seit 1981 das neue Domizil, gefeiert. Und Abschied noch dazu: denn Jürgen Schitthelm zieht sich nach 50 Jahren aus der Direktion der Schaubühne zurück.

Es ist noch kein kompletter Abgang, es ist das Modell Grips Theater: Dort hatte sich im vergangenen Jahr Gründer Volker Ludwig, der ebenso wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und viel Theaterprominenz am Festakt gestern Abend teilnahm, vom Direktorenposten verabschiedet und sich auf den Gesellschafterposten zurückgezogen. Das hält Jürgen Schitthelm auch so, denn die Schaubühne ist ein Privattheater, es sichert dem dann ehemaligen Direktor einen Parkplatz (bewacht, vor der Pförtnerloge), den man in Charlottenburg-Wilmersdorf eher schwer findet, und einen gewissen Einfluss. Denn ohne die Zustimmung des Gesellschafters Schitthelm wird kein künstlerischer Leiter berufen. Und wenn es schlecht läuft, dann könnte er sich auch von der Geschäftsführung verabschieden.

Ein sanfter Übergang

So etwas wird bei einem Festakt naturgemäß nur zwischen den Zeilen angesprochen, wer genau zuhörte, konnte die ein oder andere Anspielung in den Reden von Thomas Ostermeier oder Friedrich Barner hören. Es ist ja ein sanfter Übergang: Barner, seit über zwei Jahrzehnten in der Direktion der zweite Mann, wird Direktor und Mitgesellschafter, und Tobias Veit, auch schon viele Jahre an der Schaubühne künstlerischer Produktionsleiter, rückt auf den Stellvertreterposten auf. Thomas Ostermeier hat als künstlerischer Leiter ohnehin noch einen Vertrag. Also wird es trotz des Rückzugs von Schitthelm keinen radialen Neuanfang geben wie zuletzt 1999, als Ostermeier, damals 29 Jahre alt und Leiter der Baracke, der experimentellen Spielstätte des Deutschen Theaters, gemeinsam mit Sasha Waltz, Jochen Sandig und Jens Hillje Verantwortung am Lehniner Platz übernahm.

Vielleicht hat sich Schitthelm daran erinnert, dass er selbst erst 23 war. Als er 1962 mit einem zinslosen Darlehen, das der Vater einer Mitgründerin zur Verfügung stellte, den Grundstein legte. 1970 dann die erste Zäsur: Peter Stein und Botho Strauß steigen ein, Stein begründete in den folgenden 15 Jahren den Weltruhm der Schaubühne. Es waren die Goldenen Zeiten – das sind immer auch harte Zeiten für alle Beteiligten, nicht nur wegen der vielen Diskussionen um die Kunst, sondern auch, weil es das Mitbestimmungsmodell vorsah.

Zeit zum Boulespielen

Theater funktionieren ein bisschen wie die Börse, dem Rausch folgt der Absturz, die Jahre nach Steins überraschendem Abgang, verkündet in einer Livesendung des Rias bei einer Diskussion mit Abiturienten, waren ein bisschen bleiern: Das bittere Scheitern von Regisseur Jürgen Gosch, das große Schaubühnenmissverständnis, die Erkenntnis, dass Luc Bondy keinen guten Theaterleiter abgibt und auch Andrea Breth mit dieser Rolle fremdelte. Lässt man diese Zeit noch mal Revue passieren, kann man besser einschätzen, was Thomas Ostermeier in den vergangenen 13 Jahren geleistet hat, denn das Vierermodell scheiterte vergleichsweise schnell, Sasha Waltz ging mit ihrer Tanzcompagnie sehr erfolgreich eigene Wege.

Jürgen Schitthelm zieht sich nach 18.262,5 Tagen (Barner hats nachgerechnet) aus dem operativen Geschäft zurück. Nutzt die Zeit wohl weniger zum Boulespielen, wie Wowereit in seiner Rede scherzte. Der Bezirk hat am Lehniner Platz kürzlich eine Bahn anlegen lasen. Mit Blick auf die Schaubühne.