Die klassische Konstellation ist das Duo. Es gibt auch ein paar Einzelgänger, wie Maria Furtwängler, die damit großen Erfolg hat, oder Mehmet Kurtulus, der damit zum Quotenkiller wurde. Es gab auch schon einige Dreier, wie in Düsseldorf Martin Lüttge, Klaus J. Behrendt und Roswitha Schreiner. Und wer erinnert sich noch an die Münchner Traumbesetzung aus den seliger siebziger Jahren, mit Gustl Bayrhammer, Helmut Fischer und Willy Harlander? Aber dennoch: Der Klassiker beim Krimi ist das Kommissar-Paar. Die Rollen sind klar verteilt: Einer hat das Sagen, und einer holt schon mal den Wagen. Im Dialog lassen sich die Kombinationssynapsen eines Ermittlers am einfachsten vermitteln. Das war lange genug. Erst seit den neunzigern gibt man den Kommissaren auch Geschichten miteinander.
Jetzt aber wird ein neues Kapitel in der über 40-jährigen Geschichte des „Tatort“ aufgeschlagen. Dass mit Dortmund eine neue Stadt ins berühmte Fadenkreuz des Titelvorspanns gereät, ist dabei eher nebensächlich. Das Experiment ist, dass erstmals gleich vier Kommissare ermitteln. Das nötigt dem Zuschauer einige Konzentration ab. Denn alle ermitteln das erste Mal. Es werden also gleich vier Charaktere eingeführt, und alle müssen irgendwie in Bezug zueinander gebracht werden. An sich schon eine schwere Sache. Dass da nebenbei auch noch ein Mord aufgeklärt werden soll, ist fast zu viel für 90 Minuten.
Sex & Crime von der ersten Minute an
Radikal wird hier mit klassischen, traditionellen, also verkrusteten, verschnarchten Erzählstrukturen gebrochen. Gleich zu Beginn hat ein junges Pärchen wilden Sex miteinander, während ein junger Mann an seinem Computer erst abgestochen und dann mit dem Monitor erschlagen wird. Beides wird munter ineinander geschnitten. Sex & Crime: Nie wurde diese Erfolgsformel so konsequent als Versprechen, als neue Linie vorgeführt. Und das schon in den ersten 30 Sekunden. Und: Der Sex hat nichts mit dem Mordmilieu zu tun, sondern mit den Kommissaren. Es sind Stefan Konarske als Daniel Kossik und Aylin Tezel als Nora Dalag, ihres Zeichens Kriminaloberkommissare, die mit der heiligen Regel Nie intim im Team brechen. Und das wird in der Folge natürlich zu Spannungen am Arbeitsplatz führen - und wohl ein Cliffhanger für kommende Folgen. Werden sie ein Paar bleiben, werden sie es vor den Kollegen geheim halten können, werden sie darüber womöglich ihre Ermittlungen verschleppen, wenn sie im Büro Beziehungskisten vor sich herschleppen? Auf jeden Fall müssen die beiden jungen Darsteller (Jahrgang 1980 und 1983) für Frischfleisch, für nackte Haut sorgen. Unverzichtbares Element, um auch jüngere Zuschauer ans Schlachtross der ARD zu binden.
Spannungen gibt es aber nicht nur zwischen diesen beiden. Da ist auch noch der neue Chef aus Lübeck, der mit reichlich obskuren Methoden und reichlich schlechter Laune seine neuen Kollegen vor den Kopf stößt. Jörg Hartmann war in „Weissensee“ der böse Stasi-Karrierist. Und genauso verbissen und griesgrämig gibt er hier seinen Hauptkommissar Peter Faber. Beiläufig erfahren wir, dass er Frau und Tochter verloren hat und deshalb in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist. Die erste Szene mit ihm spielt auf dem Dach seiner ehemaligen Schule, und es bleibt ungewiss, ob er nicht gleich runterspringen will. Als Vierte ist da schließlich Frau Hauptkommissarin Martina Bönisch, die eigentlich die neue Chefin hätte werden sollen, nun aber hinter Faber zurücksteckt. Anna Schudt füllt tapfer die zumindest in der ersten Folge am schwächsten gezeichnete Figur; sie wird wohl in einer der späteren Folgen zu erkennen geben, warum sie den Posten freiwillig ausgeschlagen hat.
Mord in der Schwulenszene
So viele neue Gesichter, so viele Spannungen. Da wird der Mord fast nebensächlich. Immerhin wird bald noch ein zweiter Mann tot aufgefunden, ebenso nackt und in ein Laken drapiert wie der erste und ebenfalls aus dem Homosexuellenmilieu stammend. Geht es um Homophobie am Arbeitsplatz? Oder hat eine obskure Sekte namens „Church of Sun“, die öffentlich wider die Sodomie hetzt, ihre Finger im Spiel? Klar, dass die Kommissare, zumindest die beiden Herren, auch in Schwulenbars ermitteln müssen. Das ist nicht wirklich neu, verhindert aber, dass auch der Vierer nur in zwei Zweier-Paaren ermittelt.
Der Chef schluckt übrigens Antidepressiva, wäscht sich eher selten und hält auch nicht viel vom Schlafen daheim. Ein gebrochener Kommissar, wie er schon in Leipzig (mit Martin Wuttke) und Stuttgart (Richy Müller) zu finden ist. Ein solcher Mann passt natürlich ganz gut nach Dortmund, zehn Jahre nachdem dort die letzten Zechen dicht gemacht haben. Der Ruhrpott hat schon große Tatorte hervorgebracht: unvergessen Georges Schimi aus Dusiburg und Felmys Haferkamp aus Essen. Ob der Dortmund-Vierer dieses Erbe antreten kann, ist nach dem ersten Fall noch nicht entschieden. Der zweite aber ist schon abgedreht. Und der Chef hat zumindest schon mal gelernt, dass man den Kaffee auch selber kochen kann.
Tatort: Alter Ego. 23. September, 20.15 Uhr, ARD

