Im Club Tresor, im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte, gab der Ullstein-Verlag Freitagnacht nun also am Freitag die Volljährigkeitsparty für seine wegen Plagiatsverdachts ins Gerede gekommenen Autorin Helene Hegemann. Eine sechsseitige Liste mit den Quellenangaben zu allen Passagen, die sie für ihren im Januar erschienenen Roman „Axolotl Roadkill“ teils wörtlich abgeschrieben hatte, war kurz zuvor der Öffentlichkeit nachgereicht worden und erscheint am Sonntag in der vierten Auflage des Buches. Am späten Freitagabend war die Welt dann so was von in Ordnung, dass sogar der angemessen furchteinflößende Türsteher zum Gentleman wurde, und das mit dem freundlichsten Lächeln der Welt. Diese Helene!
Das Durchschnittsalter der Partygäste dürfte bei 25 liegen, die schlimmsten Hegemann-Hasser trauen sich womöglich gar nicht erst hierher. Interviews sind heute sowieso tabu. „Erfinde ich halt was“, witzelt ein Journalist und fächelt sich mit der pinkschwarzen Einladungskarte Luft zu in der nassen Eiseskälte, wo man lange auf Einlass wartet. „Ich persönlich würde mich wirklich freuen“, steht auf der Einladung, die schon vor der Skandal-Sause herausgeschickt worden ist, „wenn Sie als Publikum in diesem geschilderten Abend etwas Brauchbares finden, das über das Individuell-Psychologische der Autorin hinausgeht“. Das Zitat ist der Seite 51 des Buches entnommen und ist, wie man nun also anhand der Liste nachprüfen kann, original Hegemann. Man spielt Hase und Axolotl, und der Axolotl ist immer schon da, wo die Kritiker sich erst mühsam hindenken oder -schreiben müssen.
Verlegerin verteidigt Hegemanns Arbeitsweise
Endlich ab in den Keller. An der Decke hängen Luftballons in Pink, daran baumeln Luftschlangen wie Gras, das von oben wächst. Hinter Gitterstäben am Plattenteller wird gleich Nicolette Krebitz auflegen, auch der Volksbühnen-Veteran René Pollesch und der Schauspieler Lars Eidinger sind als DJs angekündigt. Junge Menschen beißen sanft in Zuckerwatte. Ein großer, dunkler Kindergeburtstag. Doch bevor Hegemann mit ihrer Freundin, der Schauspielerin Laura Tonke, aus dem Buch lesen wird, erklärt die Ullstein-Geschäftsführerin Siv Bublitz, was Sache ist.
Dass das Buch sie aus der Routine der Verlagsarbeit gerissen habe, und zwar schon beim ersten Lesen. Dass man sich statt für eine juristische Lösung, die das Sprechen über das Buch auf Wochen blockiert hätte, für die Zitatenliste entschieden habe. Und sie verteidigte das Recht auf „freie Benutzung“ von Quellen: „Dieses Recht erlaubt es einem Künstler, Quellen auch ungenannt zu verwenden, wenn er daraus Neues und Eigenständiges schafft.“ Wie gut Hegemann das gelungen sei, könne nun jeder selbst nachprüfen.
Sehr leise trotz der Mikrofone, rezitieren daraufhin Hegemann und Tonke den Dialog um einen sexuellen Höhepunkt, der einem Mädchen während der Buchlektüre oral beschert wird. Der Orgasmus verhallt jedoch nahezu ungehört, jeder nippt jetzt laut plaudernd an seinem Getränk. Bis plötzlich eine der beiden Mädchenstimmen laut wird, sehr laut: „Fuck, warum dürfen wir hier nicht rauchen?“ dröhnt es aus den Boxen. Im von Luftschlangen und insbesondere auch Rauchschwaden verhangenen Kellerraum bricht für einen Moment die Fiktion in die Realität ein. So etwas wie Stille. „Rauchverbot, hier?“ fragt eine. Haben wir was falsch gemacht? Nö, weiter.
Gäste tätscheln Pappmaché-Beinchen
Man hört Hegemann kaum, vor lauter Gemurmel um sie herum. Der Verlag ist um die Entwirrung des kunstvoll arrangierten Textgeflechts sichtlich bemüht. Die Liste verweist auf „Bücher, Songs, Filme, Blogs etc.“, die verteilt auf etwa 40 Seiten teilweise in den Text eingeflossen sind, und zwar „als wörtliches Zitat, modifiziertes Zitat oder Inspiration“. Darunter Airens „Strobo“ als Quelle vor allem für die explizit sexuellen Passagen. Hegemann verdanken wir nun aber auch Lektüre- und Guck-Empfehlungen wie etwa Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“ von 1947, Kathy Ackers „Meine Mutter: Dämonologie“ von 1993 und Pascal Laugiers Horrorfilm „Martyrs“ (2008). Brav.
Entgegen Presse-Gerüchten, die sie zur Femme Fatale im Raubtierkäfig stilisieren, mischt sich Hegemann durchaus in die Menge. Neben Käfigstäben und Kuchen lässt sie sich in einer dunklen Ecke nieder und plaudert mit ein paar Gästen. Über ihr baumelt ein Pappmaché-Axolotl von der Decke, zoologischen Vorgaben widersprechend kugelförmig, aber mit Kiemen und jenem freundlichen Lächeln, das ihm im Roman bescheinigt wird. Gäste tätscheln seine schlapp herabhängenden Beinchen.
Der Axolotl-Absatz ist seit dem Erfolg des Buches rasant gestiegen, vermelden Zoohändler. Ist es das, was wir brauchen, so ein freundliches Wesen?
Sonst passiert nicht viel, ein Typ mit aschblonder Vokuhila-Frisur wird gesichtet, auch Airen soll inkognito anwesend sein. Die Luftballons kleben inzwischen gebündelt an der Decke, in einem Gespinst verdichteter Luftschlangen, es sieht aus wie das Gelege eines riesigen Lurchs.




