Die Osterfestspiele sind seit 2002 um mehr als zwei Millionen Euro geschädigt worden, teilte am Mittwoch die Salzburger Landeshauptfrau Gaby Burgstaller (SPÖ) mit. Sie nannte es eine "Unkultur der Selbstbedienung". Die Vorwürfe richten sich zuerst gegen den im Dezember fristlos entlassenen Osterfestspiel-Geschäftsführer Michael Dewitte.
Es habe aber auch "Verflechtungen" mit Drittfirmen und Personen aus dem Umkreis der Sommerfestspiele gegeben. In diesem Zusammenhang wurde am 22. Januar dem Technikdirektor der Salzburger Sommerfestspiele, Klaus Kretschmer, fristlos gekündigt. Tragischer Gipfelpunkt des Skandals bisher: Kretschmer, der sich in Interviews als "Bauernopfer" gab, wurde am Dienstag schwerverletzt unter der acht Meter hohen Schlachthof-Brücke in Bergheim aufgefunden. Von einem Selbstmordversuch ist die Rede. Er liegt auf der Intensivstation - aus den Salzburger Landeskliniken heißt es, sein Zustand sei stabil.
Ungerechtfertigte Provisionszahlungen und Beratungshonorare
Der - wenn man so will - Salzburger Chefaufklärer kommt aus Berlin: "Unsere Verdachtsmomente konzentrieren sich im Wesentlichen auf ungerechtfertigte Provisionszahlungen und Beratungshonorare und auf unklare Abrechnungen von Spesen und Reisekosten", sagt Staranwalt Peter Raue, einer der beiden interimistischen Geschäftsführer der Osterfestspiele.
Die Erben von Karajans Osterfestspielen, die der Dirigent 1967 als Ergänzung zu den sommerlichen Salzburger Festspielen gegründet hatte, sorgen für Dissonanzen - oder hüllen sich in abwartendes Schweigen.
Vom Festspielorchester, den Berliner Philharmonikern, war am Mittwoch kein offizielles Statement zu bekommen. Ähnlich schweigsam gibt sich auch der Alt-Salzburger-Festspiele-Chef und Neu-Berliner Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm. Erst vor einigen Wochen hatten sich Simon Rattles Philharmoniker in einer Orchesterabstimmung entschieden, ein Angebot aus Baden-Baden auszuschlagen und auch über 2012 hinaus den Osterfestspielen treu zu bleiben. Von einem Neuanfang war dabei die Rede. Und Eliette von Karajan, Witwe des früheren Philharmoniker-Chefdirigenten, zeigte sich sehr froh. Die Philharmoniker wiederum dankten ihr - sie hatte aus ihrer Privatschatulle Geld für die klammen Osterfestspiele gegeben. Geld kann in Salzburg schnell versickern.
Denn auch die Salzburger Festspiele sind fest in der Hand des Mammons. Das ist nichts Neues, das kann jeder sehen, der sich allsommerlich den "Jedermann" antut - das Spiel vom Sterben des reichen Mannes ist paradoxerweise gleichzeitig auch die Geldkuh des Festivals. Und mit eben jenem mittelmäßigen Knittelversdrama wurde schon vor genau neunzig Jahren das bis heute bedeutendste Kulturfestspiel von seinen Gründungsvätern Max Reinhardt, "Jedermann"-Autor Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss eröffnet.
300.000 Euro einer Spende für private Zwecke abgezweigt
Damals ging es noch darum, das Gute, Schöne und bisweilen Wahre eines arg eng gefassten abendländischen Kunstbegriffs zu propagieren. Heute befinden sich das sommerliche Kunstspektakel wie auch seine Wurmfortsätze zu Ostern und Pfingsten fest im Klammergriff der Politiker und Wirtschaftstreibenden. Die Festspiele an der Salzach scheinen vor allem ein Mittel der Tourismusförderung, deswegen sind ihre Kuratorien und Direktorien auch Machtinstrumente des Parteiproporzes.
Dass hier vieles organisatorisch nicht mehr stimmt, besonders beim rechtlich unabhängigen, bis heute als Institution vom alten Karajan-Filz zehrenden Osterfestival, das haben die strafrechtlich relevanten Enthüllungen offenbart. Beim "größten Brocken der vermuteten Unregelmäßigkeiten", so Burgstaller, handelt es sich um Provisionszahlungen auf Sponsoreneinnahmen. So soll Dewitte 300.000 Euro von der Spende eines russischen Musikfreundes für sich abgezweigt und auf das Konto einer "nach allen vorliegenden Informationen nicht existierenden Firma mit Sitz in der Karibik und einer Kontoverbindung im türkischen Nordzypern" überwiesen haben. Interimsverwalter Peter Raue geißelt zudem, wie sowohl eine Wirtschaftsprüferin als auch ein mit zwei Prozent die Osterfestspiel-GmbH haltender Salzburger Anwalt - neben der ominösen, in der Schweiz wie in Monaco angesiedelten Karajan-Stiftung - diese Machenschaften absegneten. Von einem "geschlossenen System" spricht Burgstaller.
Aber auch der mögliche Osterfestspiel-Retter ist öffentlich gemacht: der ehemalige EMI-Künstlerverantwortliche Peter Alward soll es werden. Der 58 Jahre alte Ex-Plattenmanager ist ein bestens vernetzter Deutsch-Engländer. Er lebt bei Salzburg und ist seit Jahrzehnten mit allem vertraut. Er war auch bereits als Sommerfestspielchef wie als Intendant der Berliner Philharmoniker in den letzten Auswahlrunden. Sein Vertrag ist freilich noch nicht unterschrieben, und er wird sich vor allem rechtlich wasserdicht absichern müssen.




