Als Christopher Lee 1958 in der Rolle des Grafen Dracula debütierte, wurde der Vampir auf der Leinwand zum ersten Mal in Farbe, mit sichtbaren Reißzähnen und Blut im Gesicht gezeigt. Dieser explizite visuelle Schock revolutionierte das Horrorkino. Jahre später entdeckte der Schauspieler Stefan Jürgens die legendären Filme für sich: „Ich muss da sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Das war so gruselig, dass ich mich ziemlich gefürchtet habe“, erinnert er sich. Natürlich sieht er die Klassiker längst anders: „Die alten Christopher-Lee-Filme sind aus heutiger Sicht eher ein ungewollter Spaß, aber damals hatte man einen ganz anderen Blick darauf.“

Bei seiner Performance tobt sich der Schauspieler genussvoll aus

Längst ist Jürgens auch ein großer Liebhaber von Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm-Horror „Nosferatu“ und Francis Ford Coppolas Verfilmung mit Gary Oldman. „Durch sie wurde in mir die Lust geweckt, an dem Thema dranzubleiben“, sagt der 63-Jährige. Jetzt präsentiert er seine eigene Bühnenversion der Blutsauger-Geschichte im Renaissance-Theater. Bei „Stefan Jürgens – Bram Stoker‘s Dracula“ erwartet die Zuschauer ein Lesespektakel, das ganz nah am Original des irischen Schriftstellers ist. Der Roman erschien 1897 und wurde damals zwar von Kritikern gelobt, war aber zu Stokers Lebzeiten noch kein Bestseller. Erst durch die späteren Theater- und vor allem Filmadaptionen entwickelte sich das Werk zu einem weltweiten Phänomen und avancierte zum Standardwerk der Vampirliteratur.

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Dem Buch verfiel Stefan Jürgens etwas später, aber ebenso heftig wie den Filmen: „Ich habe es erst in der Pubertät und später noch sehr viele Male gelesen. Es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich durch Rumänien gefahren bin und es in den Karpaten gelesen habe. Eine wirklich wunderbare Landschaft dafür“, schwärmt er. Losgelassen hat ihn der Blutsauger nie. So hat er bereits vor vielen Jahren eine schnell gemachte „Dracula“-Performance in Wolfsburg gezeigt. Doch die war ihm nicht genug: „Ich wollte eine richtige Lesung über diesen Stoff, den ich mir in Kindheitstagen heimlich hinterm Sofa sitzend angeschaut habe.“

„Dracula“ eignet sich hervorragend für eine Lesung, findet Jürgens

Weil er keine halben Sachen machen wollte, war ihm eines von Anfang an klar: „Als ich vor anderthalb Jahren damit angefangen habe, dachte ich mir: Ich möchte gern den ganzen Roman auf die Bühne bringen. Dafür habe ich ihn auf 100 Minuten gekürzt und mit einem Hörspielproduzenten mit allem unterlegt, was dazu gehört: mit großer Musik, mit Zuggeräuschen und Kutschfahrten. Es ist eigentlich ein live performtes Hörspiel.“ Vorab hat er alle Streichmöglichkeiten ausgelotet, die der Mix aus Schauer-, Horror-, Abenteuer- und Liebesroman bietet. Übrig geblieben ist die pure Geschichte – die Jagd, der Schrecken und Grusel, aber auch die Liebe.

Dass sich „Dracula“ hervorragend für eine Lesung anbietet, liegt laut Jürgens auch daran, dass Stoker die Story als Brief- und Tagebuchroman ohne einen klassischen Erzähler verfasst hat. „Dadurch wird die Geschichte extrem schnell und abwechslungsreich – wie ein Roadmovie aus dem 19. Jahrhundert, in dem es durch halb Europa geht. Eine Kulisse, die sehr viele Bilder produziert, die wir noch schelmisch untermalen und noch verstärken. Es ist ein cineastischer Blockbuster-Stoff, ob als Buch, Lesung, Hörspiel, Film oder Theaterstück.“

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Dabei hat sich der Schauspieler genussvoll ausgetobt. Er liest nämlich nicht nur, sondern springt auch immer wieder unvermittelt in verschiedenste Rollen hinein. Da Stefan Jürgens zudem Musiker ist, schöpft er auch in dieser Hinsicht aus dem Vollen und hat seine Lesung wie einen Kinofilm mit einem Soundtrack unterlegt. Hierbei hat er sich ganz bewusst auf schwere orchestrale Musik von Prokofjew, Rachmaninow und Debussy konzentriert. Dazu kommen eigene, live gespielte Klavierkompositionen, die der dramatisch aufgeladenen Atmosphäre den letzten Schliff geben. Denn natürlich soll das Publikum vor lauter Spannung den Atem anhalten.

Jürgens liest und spielt und macht auch noch Musik dazu

Zumal der 1963 im westfälischen Unna geborene und heute in Berlin und Brandenburg lebende Mime auch das Datum der Veranstaltung gezielt ausgewählt hat: Die Lesung findet am Abend des 31. Oktobers statt. Bekannt als Reformationstag und damit als wichtiger Gedenktag evangelischer Christen, hat sich der letzte Oktobertag in den letzten Jahren als Halloween etabliert. Die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten soll in der Nacht zum 1. November besonders dünn sein. Ein Brauch, der maßgeblich auf das keltische Fest Samhain zurückgeht. Auch wenn sich die popkulturelle Bedeutung von einem schaurig-düsteren Gruselfest zu einem Lifestyle- und Party-Event gewandelt hat, kann sich kaum einer der Magie von Halloween entziehen.

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Gesellt sich Dracula noch hinzu, kann man sich nur umso schöner gruseln. Für Stefan Jürgens liegt es auf der Hand, warum der Mythos heute noch so gut funktioniert. Er triggert die existenzielle Angst vor dem Sterben gleich in mehrfacher Hinsicht, weiß er: „Die berühmte Schwelle über den Tod hinaus ist ja für uns alle ein dunkles Geheimnis. Dieses Unwissen darüber, was danach passiert, wird uns für alle Zeiten beschäftigen. Die Behauptung, das Reich der Untoten zu uns zu bringen, füttert unsere Angst und weckt gleichzeitig unsere Neugier. Jeder Mensch reagiert auf diese Art von Erzählung.“

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg, Tel. 312 42 02, 31.10., 21 Uhr