Als vor zwei Jahren seine Biografie auf den deutschen Markt kam, wird so mancher Fan sie eher ratlos durchgeblättert haben. Es dauert fast eine Ewigkeit, bis in der 86 Jahre währenden Lebensgeschichte von Patrick Stewart jene Rolle auftaucht, in der er weltberühmt wurde. Für den aus ärmsten Verhältnissen in West Yorkshire stammenden Patrick Stewart war die Rolle des integren, unbestechlichen, kahlköpfigen Raumschiff-Kapitäns eine Episode seines Schauspielerlebens und zunächst vor allem die Chance, für ein paar Folgen einer TV-Serie in Hollywood mal gutes Geld zu verdienen.

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Richtiges Theater war dem Sohn eines britischen Soldaten indes wichtiger. Einer seiner Lehrer gab dem Teenager ein Werk von Shakespeare in die Hand und forderte ihn auf, es vorzutragen. Der Einstieg in das Universum der Schauspielkunst. Über Schultheater und kleine Bühnen schaffte es Patrick Stewart bis in die Royal Shakespeare Company, spielte in Charles Dickens‘ „A Christmas Carol“ sämtliche Rollen und feierte mit einem Harold-Pinter-Stück im Londoner Westend Erfolge.
Mehr Britishness geht kaum. Und die leicht steife Ausstrahlung eines intellektuellen Shakespeare-Liebhabers rettete er auch in die Rolle seines Lebens, als er 1987 für die zunächst sehr umstrittene Nachfolge-Serie des Star-Trek-Originals um William Shatner alias Captain Kirk antrat.
Star Trek: Patrick Stewart kannte die Serie nicht, aus der er ein Universum schuf
An einen neuerlichen Erfolg der Kultserie aus den frühen 70er Jahren mochte kaum jemand glauben. Er selbst hatte noch nie von „Star Trek“ gehört, verwechselte es zunächst mit „Star Wars“ und ahnte nicht, dass es diese „Next Generation“ von „Star Trek“ sein würde, die in den folgenden Jahrzehnten zu einem ganzen Universum von Kinofilmen und Serienablegern unterschiedlicher Güte führen würde.

Captain Jean-Luc Picard war eine Rolle, die größer wurde als er selbst. Und die ihn, den in den Staaten und auf der Leinwand weitgehend unbekannten Schauspieler, zu den Sternen führte. Für ungezählte und unzählige Menschen wurde er zum lebendigen Vorbild für Führungskultur durch Anstand, Integrität und moralische Unanfechtbarkeit.
Anders als Captain Kirk, der wenig mehr als eine Gang von Weltraumcowboys durchs All trieb, saß hier ein Diplomat von höchsten Gnaden im Kommandosessel. Sein berühmtestes, nach ihm benanntes Picard-Manöver: unter seiner rot-schwarzen Kapitäns-Jacke sich noch einmal das Shirt nach unten glattzuziehen. Und dann, nachdem er sich alle Vorschläge seiner Crew zur Lage im All angehört hat, den besten herauszugreifen und zu sagen: „Machen Sie es so!“
What a heartbreaking week it has been. Sir Patrick Stewart was a friend, a colleague, and a magnificent actor. From the stage to the bridge of the Enterprise, he brought intelligence, grace, and a deep sense of humanity to everything he did. Captain Picard stood for the best of…
— William Shatner (@WilliamShatner) 29. Oktober 2026
Führung durch Vertrauen, wahrnehmen, was andere vorschlagen, die Lage aus möglichst allen Perspektiven vom Waffenoffizier bis zur Schiffspsychologin anzuhören und dann zu entscheiden: Das war die Führungsstärke dieses Raumschiff-Kapitäns, der ihn zum Vorbild vieler Manager und klügerer Führungspersonen machte. Ob es dies oder seine 16 Jahre in der Royal Shakespeare Company (1966–2002) waren, die Queen Elisabeth dazu bewogen, ihn 2010 in den Adelsstand zu erheben, ist nicht überliefert.

Nicht Weltraumschlachten, sondern Fragen von Leben und Tod, von Moral und Anstand, ja: von Sein oder Nichtsein schrieben ihm und seiner Mannschaft die Drehbuchautoren in die Missionsbücher, die“ Star Trek“ mit Patrick Stewart und Warpantrieb in neue Welten der anspruchsvollen TV-Unterhaltung beamten. Vielleicht ist es zu viel, von Shakespearschen Dramen unter Sternen zu sprechen. Aber Patrick Stewart zeigte in seiner Paraderolle, wie sein großes literarisches Vorbild, dass sich Unterhaltung und tiefe moralische Fragen keineswegs ausschließen müssen. Die Rolle des Raumschiffkapitäns konnte er danach kaum mehr ablegen. Zumal seine Rolle als Professor Charles Xavier in den X-Men-Filmen ähnliche Charakterzüge aufwies.
Management-Ratgeber nehmen den Führungsstil des Raumschiff-Kapitäns als Anleitung. Vorlesungen renommierter Physik-Professoren befassen sich mit der Möglichkeit und Unmöglichkeit der Technologie des Star-Trek-Universums, das Patrick Stewart zunächst unfreiwillig mitschuf. Um es dann zu einer Welt zu gestalten, die noch an die Möglichkeit einer guten Zukunft glauben konnte.
Picard: Patrick Stewart kämpft im All gegen Korruption und Isolation
Das „Star Trek“-Universum ist oft unfreiwilliger Spiegel der US-Politik. In Zeiten von Brexit und Trump spielte Patrick Stewart drei Staffeln einer Serie, die nur noch seinen Rollennamen trug: „Picard“. Ein Rebell im All, auf eigener Mission, verlassen von den Institutionen, die sich als unzuverlässig und korrupt herausgestellt haben, und der somit nur noch seinem eigenen moralischen Kompass folgen kann, um dem Guten im Universum zum Erfolg zu verhelfen. Seine zweite Paraderolle sollte dann Professor X, das Superhirn der Superhelden „X-Men“ werden.
Seine Biografie beendete Stewart damit, dass seine 38 Jahre jüngere Frau, die Musikerin Sunny Ozell, mit der er in Brooklyn lebte, zum Abendessen rief. Zuvor gesteht er seinen Lesern, dass es sein Traum sei, noch mal eine Fernsehkomödie zu spielen. Eine Variante der Alzheimer-Erkrankung raubte ihm äußerst humorlos dieses Stückchen Zukunft.
Der Trost ist, wie viel Hoffnung auf eine bessere Zukunft er Millionen Menschen in aller Welt mit der Rolle seines Lebens als Captain Jean-Luc Picard gegeben hat. Seiner Biografie stellt Patrick Stewart ein Shakespeare-Zitat voran, was sonst. „Das Gewebe unseres Lebens besteht aus gemischtem Garn, gut und schlecht durcheinander.“ Es stammt aus „Ende gut, alles gut“.




