Typen wie er, sagt der glitschige Heiko Mischke (Sönke Möhring), und der Zynismus trieft ihm dabei aus allen Poren, „schützen die Selbstbestimmung der Frau, darüber sollten Sie mal nachdenken“. Weil er in seinem Etablissement eine angeblich so sichere und saubere Umgebung zur Verfügung stellt. Mischke ist nicht nur Bordellbetreiber, sondern auch Immobilienbesitzer. Im See vor seiner Ferienanlage wurde die Leiche einer Minderjährigen gefunden, bei der Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Melly Böwe (Lina Beckmann) schnell vermuten, es mit einer Prostituierten aus Osteuropa zu tun zu haben.

Donnerstag
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Sie war vor ihrem Tod körperlicher Gewalt ausgesetzt. In dieser „Polizeiruf 110“-Folge (Drehbuch Florian Oeller/Regie Franziska Schlotterer), die den Titel „Sie haben Namen“ trägt, sagen die Gesichter alles. König und Böwe können ihre Abscheu nicht verstecken. Die Frau als Ware, das ist das ganz alte Lied, das in diesem Krimi gespielt wird. Aber hier sind Männer besonders widerwärtig, ihre Frauenverachtung immens. Sönke Möhring, Bruder des „Tatort“-Fahnders Wotan Wilke, haben sie als Oberzuhälter Mischke auch ein paar supermiese Sätze ins Drehbuch geschrieben.
Im neuen „Polizeiruf 110“ aus Rostock ermitteln Böwe und König in der Prostituiertenszene
Aber mies unterwegs ist er nicht allein. Es sind die Bürgerlichen, die in der Gesellschaft Angesehenen, die so viel Dreck am Stecken haben, dass die Abteilung Mordermittlung ein ums andere Mal die Fassung verliert. Diese NDR-Produktion ist ein vulgärer Krimi, und man kann dazu nur sagen: Die Sprache ist angemessen, wenn es um die Scheußlichkeit geldgieriger Advokaten und Korruptheit von Staatsanwälten geht.
Böwe und König sind unerbittlich im Bereich der weiblichen Ausbeutung unterwegs. Dabei stoßen sie auf die Prostituierte Natasha (Anastasiia Mazhara), die einen Ausweg sucht. Bastian Hoyer (Christian Erdmann), der Anwalt von Bordell-Chef Mischke, will ihr dabei helfen, verfolgt aber vor allem eigene Interessen. Vollends auf der Bildfläche ist nun übrigens Staatsanwalt Jan Jürgens, der sich doppelt den Zorn der Mordabteilung zuzieht. Zum einen, weil er einen Deal mit dem Kronzeugen Mischke am Laufen hat, zum anderen, weil er der Vergewaltiger Melly Böwes ist.
„Polizeiruf“ mit Lina Beckmann: Die Hüfte ist kaputt, der Kollege auf Drogen
Die traumatische Vergangenheit der Kommissarin und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart ist die große horizontale Geschichte des Rostocker „Polizeirufs“, seit Lina Beckmanns Melly Böwe auf Sascha Bukow folgte. Auch darüber hinaus werden die Geschichten der Belegschaft weitererzählt. Volker Thiesler (Josef Heynert) ist nach der in der letzten Episode erlittenen Schussverletzung rekonvaleszent. Die Hüfte ist kaputt, Thiesler heftig den Schmerzmitteln verfallen – und unversöhnlich.

Anton Pöschel (Andreas Guenther) ist anders als der im eigenen Leidenssaft schmorende Thiesler besonders nah dran am Fall der Toten. Pöschel hat seit einiger Zeit, wie wir wissen, eine Liebesgeschichte mit einer Prostituierten am Laufen. Dass er diese freikaufen will, macht ihn zum Ehrenretter seines Geschlechts. Das gilt gewissermaßen auch für Zuhälter Petko (Lliom Lewald), der zum Beschützer Natashas wird.
Im „Polizeiruf 110“ aus Rostock spenden die Sisterhood-Momente Trost
König und ihr sich spät im Leben an sie heranwanzender Vater schlagen dagegen, das ist einer der Cliffhanger dieses Films in Fortsetzungen, ein neues problematisches Kapitel auf. Erhebend sind in dieser tristen, schwierigen, desillusionierenden Angelegenheit der gequälten Frauen und jämmerlichen Männer mit ihren Machtinteressen und sadistischen Fantasien vor allem die Sisterhood-Momente zwischen Böwer und König.
Ihrem Chef bleiben Widerstandsgeist und das Ventil des Verbalen. Henning Röder (Uwe Preuss) kotzt sich einmal so richtig aus. Was wir dabei lernen? Wie Berliner und Brandenburger so reden, wenn sie renitent sind. „Die Scheißdienstanweisung kann mich mal an der Pupe schmatzen“, blökt Röder. Der Kampf mit dem bösen Staatsanwalt ist in vollem Gange, Dranbleiben ist angesagt. Der Rostocker „Polizeiruf“ ist schon wieder die beste Fortsetzungsgeschichte des deutschen Krimis.
„Polizeiruf 110: Sie haben Namen“ ist am 1.11. um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen. ab 30. Oktober ist es in der ARD-Mediathek abrufbar.




