Trotz aller Technologie, trotz Künstlicher Intelligenz (KI): Der Mensch sollte in der Wissenschaft weiter das Maß aller Dinge sein. Ihr volles Potenzial kann die Forschung nur entfalten, wenn sie im Alltag gelebt wird. Dies bewusst zu machen, dazu will die Berlin Science Week beitragen. Seit 2016 verwandelt das Festival die Hauptstadt in einen Spielplatz wissenschaftlicher Ideen. Mit dem diesjährigen Motto „In Touch“ rückt die Wissenschaftswoche das Individuum in den Mittelpunkt. Vom 1. bis zum 10. November geht es in sieben Veranstaltungsreihen an mehr als 120 Orten darum, wie Forschung unser Leben berührt und verändert und wie sie die Menschen miteinander verbindet.

Donnerstag
Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
„Wissenschaft bereichert und verbessert unser aller Leben, das wollen wir dieses Jahr besonders unterstreichen“, erklärt Christian Rauch, der zum dritten Mal die Science Week leitet. „Dafür ist es wichtig, dass wir uns mit ihr auseinandersetzen. Gerade jetzt, wo technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz unser Leben ziemlich hin- und herwerfen und die Menschen auch verunsichern.“ Rauch, promovierter Physiker, verweist auf die Eröffnung des neuen Festivalzentrums am 6. November im Haus der Kulturen der Welt. Da soll das Thema KI ganz stark bespielt werden.

Mit dem „Godfather of AI“, Yoshua Bengio aus Kanada, Träger des Turing-Preises, der als „Nobelpreis der Informatik“ gilt, kommt einer der wichtigsten KI-Forscher nach Berlin, der zugleich als mahnender Kritiker der technologischen Beschleunigung gilt. Nicht nur sein Besuch ist außergewöhnlich: „Bengio wird in Berlin ein Institut für den verantwortungsvollen Umgang mit KI aufbauen, gefördert durch ein deutsch-kanadisches Konsortium“, so Rauch. Auf der Bühne wird auch die Wissenschaftsautorin Sibylle Anderl sitzen, deren Buch „Bequeme neue Welt“ gerade erschienen ist. „Sie zeigt darin, wie durch die vielen technologischen Assistenzsysteme unser Denken, Fühlen und Handeln auslagert werden. Ihr Resümee lautet: Man sollte sich – zum eigenen Vorteil – mehr zumuten im Leben.“
„Rennstrecken“, wie im Sport, heißen im Festival-Programm die sieben Schwerpunkte, die diesmal nicht nach Fachgebieten gruppiert sind, sondern jeweils einen eigenen Berührungspunkt zwischen Wissenschaft und Alltag darstellen sollen. Unter dem Motto „Vertrauen und Verantwortung“ wird untersucht, was nötig ist, um die Verbindung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem öffentlichen Leben durch Offenheit, Dialog und kollektive Verantwortung aufrechtzuerhalten.
Wissenschaft prägt Alltag, Lernen und Gesundheit
Unter dem Stichwort „Alltagsinfrastruktur“ soll aufgezeigt werden, welche Ebenen der Wissenschaften bereits in unseren Alltag eingewoben sind. „Arbeit & Lernen“ beleuchtet den Wandel von Lernmethoden, Karrierewegen und Institutionen, „Körper & Geist“ den Einfluss der Wissenschaft auf die Gesundheit. „Planetare Angelegenheiten“ handelt von der Beziehung zwischen uns und dem Planeten Erde. Bei „Grenzen des Wissens“ geht es um Ergebnisse der Forschung, für die es bislang noch gar keine praktische Anwendung gibt.
Auch interessant
Von aktuell besonderer gesellschaftlicher Bedeutung ist der siebte Festival-Schwerpunkt: „Durch die Sinne und Geschichten“ hinterfragt, wie wir Wissenschaft zunächst wahrnehmen, und damit auch die Emotionen, die damit verbunden sind. In diesem gesellschaftlichen Diskurs, der sich immer mehr polarisiert und aufgeheizt wird, könnten Forscher ein Vorbild sein, betont der 45-jährige Festival-Leiter: „Wenn Wissenschaft funktioniert, ist sie ein Paradebeispiel für einen idealen demokratischen Prozess!“
Es geht um die Pluralität der Perspektiven und Ansichten. „„In der Wissenschaft stellt man Hypothesen auf, überprüft sie anhand von Fakten und lädt die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu ein, sie kritisch zu hinterfragen. Gemeinsam ringt man darum, Schwachstellen aufzudecken, Erkenntnisse weiterzuentwickeln und der Wahrheit Schritt für Schritt näher zu kommen.“ Rauch ist besorgt darüber, dass gerade eine Entwicklung in die Gegenrichtung stattfindet. „Wo Meinungen zu Identitäten werden, werden andere Perspektiven kaum mehr zugelassen. Die Populisten dieser Welt versuchen die Wissenschaft als gemeinsame Erkenntnisbasis zu delegitimieren.“
Ein Mitmach-Programm für alle Altersgruppen
Laut Umfragen sei das Vertrauen der deutschen Öffentlichkeit immer noch hoch hinsichtlich der Wissenschaft. „Aber bei den Wählern, die sich insbesondere dem rechten Rand des politischen Spektrums zuordnen, verliert Wissenschaft zunehmend an Wirkung, Zuspruch und Vertrauen.“ Dass ganze Fachbereiche unter der Regentschaft von Rechtspopulisten bedroht sein könnten, sei beunruhigend.
Forschen ist keinesfalls der akademischen Elite vorbehalten. Das unterstreicht die Berlin Science Week mit Angeboten für jedermann in allen Altersgruppen. Wissenschaft quasi zum Anfassen bietet vor allem die neue Partnerschaft des Festivals mit dem Haus der Kulturen der Welt. Dort, in der Kongresshalle im Tiergarten, gibt es ein ganzes Wochenende kostenlos ein geballtes Programm (6. bis 8. November), für das man sich nur registrieren muss, um einen Festivalpass zu erhalten.
Auch interessant
Im Auditorium erlebt man Weltstars der Wissenschaft, neben dem gegenwärtig weltweit meistzitierten Wissenschaftler Yoshua Bengio unter anderem den Astrophysiker und Nobelpreisträger Brian Schmidt, aber erstmals auch vormittags ein Familien- und Kinderprogramm. „Da arbeiten wir zum Beispiel mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum zusammen und bieten eine Space-Show für Kids.“ Eher weniger für Kinder geeignet, aber ebenfalls ein Highlight im Programm ist der Auftritt der „Queens of Science“, einer preisgekrönten kanadischen Initiative von Dragqueens, die gleichzeitig WissenschaftlerInnen sind und ihre Show als Format für Wissenschaftskommunikation nutzen. „Flamboyant und extravagant“, freut sich Christian Rauch auf diese Saturday-Night-Show. Überhaupt gibt es bei der Wissenschaftswoche, die sich zugleich als Kulturfestival definiert, seit jeher auch künstlerische Positionen, zum Beispiel Ausstellungen.
Bibliotheken laden zum Experimentieren ein
Trotz des Festivalzentrums mit den tollen Möglichkeiten will die von der gemeinnützigen Falling Walls Foundation gesteuerte Science Week weiterhin in die Kieze der Stadt wirken. Etwa mit dem Projekt „Wissen zwischen Büchern“, bei dem mehr als 30 Stadtteilbibliotheken während des Festivals Wissenschaftsprogramme anbieten.

In diesem Juni hat der Senat erstmals eine verbindliche forschungspolitische Strategie unter dem Titel „Berlins Forschung, Berlins Zukunft“ verabschiedet. Rauch: „Darin wird auch gefordert, dass Berlin eine noch stärkere Identität als Wissenschaftsstadt bekommen soll.“ Der Festivalchef sieht eine riesige Chance, den hier lebenden Menschen eine positive Vision für Infrastruktur, Ressourcen und Potenziale der eigenen Stadt bieten zu können. „Wissenschaft ist, genauso wie Kunst und Kultur, in der Berliner Identität verankert“, so der aus Regensburg stammende Rauch, der unter anderem in Finnland, Australien und Spanien studierte und arbeitete.
Auch interessant
Die Science Week soll mithelfen, Forschung noch stärker im Bewusstsein der Stadt zu platzieren. „Wir sagen den Leuten: Schaut mal auf diese weltweit einzigartige Szene.“ Wissenschaft werde noch zu oft als etwas Kaltes, Abstraktes wahrgenommen, meint Rauch. „Aber im Grunde ist es einfach die Neugier, die Lust am Entdecken, was uns antreibt. Darin liegt etwas zutiefst Menschliches.“
Berlin Science Week, 1.–10. November. www.berlinscienceweek.com







