Jens Friebe erinnert sich „an ein geradezu transzendentes Erlebnis“ mit seinem ersten Synthesizer. Da war der 1975 in Lüdenscheid geborene Sänger und Musiker ein Teenager, das Instrument ein CZ101 von Casio. „Wenn man den zu lange am Strom hatte, gingen die gespeicherten Sachen verloren“, sagt Friebe beim Gespräch in einer Bar im Bergmannkiez. „Irgendwie war der dann ein bisschen kaputt, dann waren Sounds drauf mit Werten, die man manuell gar nicht programmieren konnte. Die Sachen klangen auch vollkommen verrückt.“

Jens Friebe hat sich komplett von deutschen Texten verabschiedet

Anno 2026 hat sich Jens Friebe radikal neu erfunden. Er tritt neuerdings unter dem Künstlernamen „Friberty“ auf, hat sich komplett von deutschen Texten verabschiedet, ebenso von jedweder Indierock-Ästhetik. Auf „Friberty I“ gibt es keine Gitarren, Bässe oder Klaviere. Auf den zwölf neuen Songs setzt Friebe nur zwei Synthesizer (einen Prophet Rev2 und einen Waldorf Blofeld) sowie einen Elektron-Digitakt-Drumcomputer ein.

Jens Friebe
Jens Friebe tritt neuerdings unter dem Künstlernamen „Friberty“ auf. © Juno Meinecke | Juno Meinecke

Die reduzierte Instrumentierung ist aus Jens Friebes Sicht die radikalste Veränderung, betont er im Interview. Das habe den Arbeitsprozess „stärker verändert als die Entscheidung, ausschließlich Englisch zu singen. Obwohl das auch nicht unwichtig ist.“ Auf Englisch klinge selbst der totale Kitsch „immer noch akzeptabel“, schwärmt Friebe mit Blick auf neue Songs wie „Hungry Heart“ (eigene Komposition, kein Springsteen-Cover) oder „Kill for You“. Selbst die Anspielung auf den Philosophen Walter Benjamin und dessen „Engel der Geschichte“ (im Song „Real Time“) gehe als Pop-Ding durch. „Im Deutschen wäre das superprätentiös.“

Bei den englischen Lyrics gefällt dem Sänger auch die „erzwungene Beschränkung“, wie er sagt. „Ich wollte nicht die ganze Zeit englische Begriffe nachschlagen, sondern nur mit dem arbeiten, was mir auf Englisch einfällt.“ Bleibt die Frage nach dem Alias „Friberty“. Er wolle dem Publikum eine Produktenttäuschung ersparen, erklärt Fiebe zur Begründung: „Mit dem jetzigen Aufbau kann ich nicht die Best-of-Sachen spielen, die die Leute zurecht erwarten, wenn sie auf ein Jens-Friebe-Konzert kommen. ‚Lawinenhund‘ kann ich so nicht machen, ‚Frau Baron‘ geht auch nicht.“

Leonard Cohen auf Deutsch: Erst nehmen wir Manhattan, dann nehmen wir Berlin

Ein Vorbote für diesen neuen Jens-Friebe-Sound war schon auf dem 2022er-Album „Wir sind schön“ zu hören. Da hatte Friebe Leonard Cohens Revoluzzer-Hymne „First We Take Manhattan“ ins Deutsche übertragen (20 Jahre Langeweile war‘n die Strafe/ich wollte das System zerstör‘n von innen), und dabei ähnliche käsige 80er-Jahre-Synthisounds verwendet wie der Kanadier selbst auf seinem „I‘m Your Man“-Album. Ausschließlich Synthesizer, sonst nichts, auch kein Schlagzeug-Computer.

Donnerstag

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Bei den Aufnahmen zu „Wir sind schön“ zeigte sich aber auch ein praktisches Problem, sagt Friebe. „Der Synthesizer passt nicht so gut zu echten Instrumenten.“ Bei dem Cohen-Cover habe er den Synthesizer dann allein gelassen, „und fand es toll, was er macht, wenn er Platz hat“.

Auf „Friberty I“ covert Jens Friebe nun genau andersrum, hat zwei sehr unterschiedliche Songs von Ost-Bands ins Englische übertragen. Von der experimentell/verspulten Gruppe AG Geige ist es das Stück „Ich bin ihr Boy“, von den in der DDR weltbekannten Puhdys ist es deren Klassiker „Geh zu ihr“ (aus dem DEFA-Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“).

Von Anfang an habe er geplant, den Liedtext von Ulrich Plenzdorf „bewusst falsch zu übersetzen“. Der in die Luft steigende Drachen müsste im Kontext des Songs eigentlich „kite“ heißen und nicht „dragon“. Dadurch bekommt der Text „etwas fantasy-haftes, Mitteralterliches“, sagt Jens Friebe. Als Inspiration nennt er die sexuell aufgeladenen Lyrics auf dem jüngsten Album von Janelle Monáe.

Schluss- und Höhepunkt des Albums ist „Games in the Garden“, das nach Einschätzung des Künstlers „post-revolutionäre Festspiele in einer apokalyptischen Fantasy-Welt“ besingt, ein Hauch von „Mad Max“ in einem Königreich nach dem Ende aller Monarchien. Eulen, Raben und ein Einhorn kommen auch darin vor.

Der Aufwand für eine Tournee mit Band ist viel zu groß, sagt Jens Friebe

Jens Friebe verneint die Frage, ob er schlicht keine Lust mehr habe, fortan mit Band aufzutreten. „Aber planungsmäßig ergibt es nicht mehr so richtig Sinn und schränkt mich wahnsinnig ein.“ Der logistische Aufwand, die Musiker zu rekrutieren, sei immens: Wann hat wer Zeit zu proben, wann hat wer Zeit zu touren? Und das alles für etwa 15 bis 20 Shows. „Dann muss man mindestens eine Woche proben, wenn es halbwegs okay sein soll. Und wenn man richtig eingespielt ist, und denkt, ‚jetzt könnte es eigentlich losgehen‘, ist es schon wieder vorbei.“

Heute kann jeder alles veröffentlichen, und das ergibt ein wahnsinniges Gedränge.

Jens Friebe

Am Ende des Interviews bitte ich Jens Friebe um eine Einschätzung zur Lage von Musikern im Deezer- und Spotify-Zeitalter. 2004 erschien sein erstes Album „Vorher Nachher Bilder“, das Smartphone war noch nicht erfunden, das große Ding in der Musikindustrie waren illegale Tauschbörsen wie Napster. Viele Musiker sagen heute, dass das Geschäftsmodell der Streamingdienste für sie ruinös sei.

Album-Cover Friberty I
Jens Friebe: Friberty I. Erscheint am 30. Oktober bei Staatsakt. © Staatsakt | Staatsakt

Jens Friebe blickt differenziert auf das Problem: „Wenn man sagt, das ist für mich ruinös, dann schwingt da eine sehr selbstbewusste Behauptung mit: ‚Normalerweise würde ich davon total gut leben können.‘ Aber das weiß ich ja gar nicht.“

Mit Blick auf das vermeintlich goldene Zeitalter der Musikindustrie, vor seiner Zeit, sagt Friebe: „Wenn man früher zu den veröffentlichten Bands gehörte, war das natürlich luxuriös. Die Anderen konnten ihre Musik aber womöglich gar nicht rausbringen, oder nur auf Demo-Kassetten. Heute kann jeder alles veröffentlichen, und das ergibt ein wahnsinniges Gedränge.“

Konzert in Berlin: 13.11., Urban Spree. Gastsängerinnen: Pola Schulten und Kiki Bohemia.