„Stellt dein Nachbar Rias ein, sag energisch: Lass das sein!“ – Wie häufig wohl DDR-Bürger dieser Aufforderung ihrer Obrigkeit nachgekommen sein mögen? Die Rias-Poesie in Ost-Berlin war umfangreich, monoton allerdings auch: „Du willst kein Ami-Söldner sein, drum schalte nicht den Rias ein.“ Der Sender an der Kufsteiner Straße in Schöneberg, von den Amerikanern 1946 gegründet, war der meistgehasste bei der SED‑Nomenklatura. Aus einem Grund: Er machte es den Herrschenden im Osten unmöglich, ihren Beherrschten das Geschehen auf der Welt vorzuenthalten und im Äther nur eigene Propaganda und Parolen zuzulassen. Jahrzehntelang war der Rias („Rundfunk im amerikanischen Sektor“) für DDR-Bürger wichtigster Quell für politische Informationen: Allfällige staatliche Willkür, Versorgungsprobleme, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit oder auch punktuelle Proteste gegen all das – der Rias berichtete.
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Die Redaktion des Senders war sich dieser Rolle bewusst, nahm sie ernst und war deshalb bemüht, ihre Hörergemeinde im Osten auch nach Kräften selbst in das Programm einzubinden, als Gesprächspartner, als Zeugen und Protagonisten von Reportagen – anonym, verstand sich. Die Begebenheiten und Spektakel, zu denen dies führte, vor allem aber die Reaktionen der „Organe“ in der DDR, wecken heute rückblickend die unterschiedlichsten Gefühle – von Amüsement bis Wut.
Todesstrafe für einen Besuch beim Rias
So konnte Ost-Berliner etwa allein der Kontakt zum Rias das Leben kosten. Ein profaner Besuch an der Pforte im Funkhaus an der Kufsteiner Straße, Denunziation, Todesurteil, Gnade abgelehnt, Guillotine – von Walter Ulbricht persönlich angeordnet –, so geschehen 1955: Lediglich einmal teilnehmen an der großen Rias-Rateshow „Wer fragt, gewinnt“, moderiert stets vor großem Publikum von Hans Rosenthal, wollte der 29-jährige Ost-Berliner Dekorateur Joachim Wiebach. Weil er mit einem größeren Freundeskreis dorthin wollte, aber pro Person im Vorverkauf nur zwei Tickets abgegeben wurden, hatte er ein paar Kollegen überredet mitzukommen. Längst aber war das Funkhaus in der Kufsteiner Straße von der Stasi beobachtet, Wiebachs Besuch wurde denunziert und wegen seiner Begleitung warf man ihm nun „Agentenzuführung an den Rias“ vor. Außerdem habe er noch Geheimnisse aus seiner Werbefirma verraten. Ein Exempel musste her, gegen den Rias und gegen seine Hörer. Auf Biegen und Brechen jeglichen Rechts.
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Die Richter sahen „lebenslängliches Zuchthaus“ vor, doch als Ulbricht dies vorgelegt wurde, strich er das Urteil durch und setzte daneben: „Vorschlag: Todesurteil, Walter Ulbricht“. Am 15. September 1955 um 2 Uhr morgens starb Wiebach unter dem Fallbeil. Nach einem Schauprozess, der stärker an die Öffentlichkeit gerichtet war als an den Angeklagten. Die DDR-Medien füllten viele Seiten darüber, auch über das Todesurteil. Die Richter erklärten den Rias zu einer „Spionage-, Sabotage und Verbrecherorganisation“. DDR-Rundfunk und SED-Presse schickten die Einschüchterung an das ganze Land: „Unser Volk muss aus diesem Prozess die Lehre ziehen, die Hetzsendungen des Rias zu verabscheuen.“ Das tat es nicht. Und es schlug – gemeinsam mit dem Rias – der SED-Führung noch manches Schnippchen. Äußerst beliebt blieben zum Beispiel die „Käuzchenrufe“: Immer wenn ein solcher Ton zwischen den Beiträgen erklang, folgten danach Hinweise auf Stasi-Spitzel im DDR-Alltag: „Achtung, Jena! Im VEB X ist Kollege Y dringend verdächtig, als Informant der Staatssicherheit …“ So oder so ähnlich.
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Natürlich sendete der Rias nicht nur in den Osten. Er war meist auch in West-Berlin der meistgehörte Sender, nur in den 80er-Jahren stand vorübergehend mal der SFB an der Spitze. Neben Hans Rosenthal, Barry Graves, Lord Knud, Curth Flatow und Friedrich Luft waren dort viele weitere Kultfiguren und Kulturgrößen zu hören. Das so überaus beliebte Rias-Kabarett „Die Insulaner“ bezog sich natürlich auf die West-Berliner, allerdings eben im Kontext ihrer Umgebung, der DDR. Groß ins Gespräch jedenfalls kam der Sender stets im Zusammenhang mit Geschehnissen in Ost-Berlin.
„Ohne den Rias wäre es in Görlitz still geblieben“
Völlig aus der Welt war ihre Idee nicht, als am 16. Juni 1953 eine Delegation von Bauarbeitern aus der Ost-Berliner Stalinallee beim Rias vorsprach und wegen der von der SED verfügten Normenerhöhung darum bat, einen Aufruf zum Generalstreik in der ganzen DDR zu verbreiten. Das ging zu weit. Nicht nur die Information Control Division im Dahlemer US-Hauptquartier, der die Oberaufsicht oblag, lehnte dies ab, auch Egon Bahr, damaliger Chefredakteur. Dennoch: Als am nächsten Tag, dem 17. Juni, der Aufstand losging und die Arbeiterkolonnen ins Zentrum Ost-Berlins zogen, war der Rias wie immer vor Ort und berichtete ganztags, von vorderster Front wie kein anderer. Insofern war er durchaus an dem Lauffeuer beteiligt, das sich an jenem Tag über das Land ausbreitete. Der DDR-Schriftsteller Erich Loest, selbst als „Konterrevolutionär“ zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, meinte später zum 17. Juni: „Ohne den Rias, das war keine Frage, wäre es in Magdeburg und Leipzig, Halle und Görlitz still geblieben.“
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Zu einer legendären Posse geriet ein Geistesblitz des Moderators Kai Blömer, als der im September 1969 in seiner Jugendsendung „Rias-Treffpunkt“ nebenbei bemerkte, am 7. Oktober würden die Rolling Stones auf dem Dach des Springer-Hochhauses ein Konzert geben. Eine Botschaft an die DDR-Jugendlichen, die sich auf ein kostenloses Konzert mit den Superstars unmittelbar an der Mauer freuen sollten. Nur kurz, denn noch in derselben Sendung erklärte Blömer, dass das natürlich nur ein Witz gewesen sei. Doch da war es schon zu spät. Jeder, der dies im Osten gehört hatte, war bereits unterwegs, um die Neuigkeit zu kommunizieren. Bald machten „Flugblätter“ – per Durchschlag hergestellt – die Runde, die Mund-zu-Mund-Propaganda erfasste jeden Jugendlichen: „Alle kommen! Am 7. Oktober!“

Als Treffpunkt schälte sich Leipziger, Ecke Jerusalemer Straße heraus, und dann sollte es so nah wie möglich an die Mauer Richtung Springer-Haus. Da wollten natürlich auch Stasi und Volkspolizei dabei sein. Die waren auf das Schlimmste gefasst. Der 7. Oktober 1969 war der 20. Geburtstag der DDR, und was würde passieren, wenn eine Riesenmeute Jugendlicher wegen eines Stones-Konzerts gegen die Mauer stürmte, sich die Massen Schaulustiger von den Geburtstagsumzügen daruntermischten und aus dem Westen gleichgesinnte Stones-Fans, noch in 68er-Aufbruchstimmung, lautstark Unterstützung skandierten? Die Staatsorgane fürchteten einen neuen 17. Juni.
Papier-Enten basteln gegen den Rias-Empfang daheim
Stasi-Hundertschaften versuchten, die Hauptverteiler und Rädelsführer hinter den Aufrufen ausfindig zu machen. Noch vor dem 7. Oktober wurden Dutzende verhaftet. Am Tag selbst, als sich tatsächlich Tausende einfanden, viele mit Kamera oder Fernglas, war von den Stones nichts zu sehen und zu hören, stattdessen Postenketten und massenhaftes Gerangel zwischen Vopos und Jugendlichen. Am Ende standen über 1000 Verhaftungen und erkennungsdienstliche Behandlungen. Gerichte verhängten Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren. Mancher Stones-Fan wurde 1971 von Bonn freigekauft und durfte sich dann im Westen nach Belieben Platten seiner Lieblinge kaufen, leider zu spät für das wirkliche Konzert 1970 in der Deutschlandhalle. Wer dieses Paradebeispiel irrwitziger Stasi-Ermittlungen mit unzähligen Originaldokumenten nachvollziehen will, dem sei im Internet die Broschüre des Bundesarchivs „Gefängnis statt Rolling Stones“ empfohlen. Heute kann man darüber lachen.
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Immerhin – einen Punkt konnten die DDR-Behörden gegen den Rias machen: Der nicht stattgefundene Stones-Auftritt bot ihnen mal eine tatsächliche „Ente“ (Falschmeldung) des Rias. Mit einem jener Rias-Reime nämlich hatten sie seit den 50er-Jahren ihr Rias-Verdikt immer wieder über die Schulkinder in die Familien hineinzutragen versucht. Regelmäßig mussten die Kleinen erst aufsagen: „Enten haben kurze Beine, Rias hat besonders kleine“, und dann Papierenten basteln, die sie zu Hause neben den Radioapparat stellen sollten. Um zu ermitteln, wo daheim der Rias lief, wurden sie ebenfalls eingeschaltet. Lehrer waren gehalten, immer mal wieder die Frage zu stellen, wer denn „Onkel Tobias vom Rias“ kenne, den populären Kindergeschichtenerzähler des Senders. Bei einem „Ich!“ setzte es ein Elterngespräch.
Der Rias wurde dennoch weiter gehört. Bis 1993, als er den Sendebetrieb einstellte. Da gab es ja auch keine DDR mehr.







