Kieler Mordermittlungen sind im „Tatort“ künftig weiblicher gepolt. Der altmodische Borowski, den Axel Milberg mehr als zwei Jahrzehnte spielte, ist nicht mehr im Dienst. Mila Sahin (Almila Bagriacik), seine Kollegin, ist aber weiter im Morddezernat tätig, klar, sie ist ja erst Mitte 30. Da ist die Pension noch weit weg. Beim Neustart des Kieler „Tatorts“ ist Sahin mit einer komplexen Situation konfrontiert. Sie bekommt eine neue Partnerin. Eine Auswärtige aus Berlin. Sahin will außerdem Leiterin der Mordabteilung werden.

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Und einen Mordfall gibt es auch, dann noch einen zweiten. Erst schwimmt die Mitarbeiterin eines gefeierten und von der Politik hofierten Hightech-Start-ups tot in der Förde, kurz darauf ist auch ihr Lebensgefährte tot. Die Mitarbeiterin hatte vor ihrem gewaltsamen Tod heimlich Unternehmensdaten gespeichert. Da stimmt also etwas nicht, das saubere Image der Aufsteiger, die angeblich kurz vor der Zusammenarbeit mit der NASA stehen, ist fragwürdig.
Neuer „Tatort“ aus Kiel: Ist der Doppelschlag unbedingt notwendig?
Die Ermittlungen erstrecken sich über zwei Folgen. Am 11. Oktober läuft „Unter Freunden“, am 18. Oktober „Unter Feinden“ im Ersten. Ist der Fall so außergewöhnlich, dass dieser Doppelschlag unbedingt notwendig ist? Sicher nicht. Später wird es um korrupte Polizisten und Mafia-Paten aus Hamburg gehen, um die Gier der freien Wirtschaft, nichts, was man nicht schon mal in einem Krimi gesehen hätte.

Nein, drei Stunden „Tatort“ dienen in diesem Fall vor allem der Profilierung der Protagonistin Sahin und dem Zusammenfinden mit einem neuen Ko-Ermittler oder einer neuen Ko-Ermittlerin. Im ersten Teil steht eine alte Freundin Sahins auf der Matte. Anna Nowak (Lilith Stangenberg, Hamburger kennen sie von ihren Auftritten im Schauspielhaus), eine labile, nervöse und zuletzt in der Hauptstadt tätige Polizistin, ermittelt mit Sahin in beiden Todesfällen. Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume (den Katharina Adler und Rudi Gaul beim Skript unterstützten) gibt der Charakterzeichnung Sahins viel Raum.
„Tatort“ aus Kiel: Der erste Teil ist gut darin, Stimmungen zu erzeugen
Sie merkt, dass die Kollegin viel zu distanzlos ermittelt und sich außerdem mit dem LKA-Kollegen Jan Kuper (Sven Schelker) einlässt. Kuper ist ein eitler Typ mit Hang zu Drogen und einer hedonistischen Vergangenheit: „Hamburg war einfach so geil. Es war so wild und frei. Und ist immer noch die beste Stadt für Musik.“ Sahin dämmert, dass sie Nowak womöglich persönlich zu nah ist, um mit ihr professionell zusammenzuarbeiten. Sie ist die Polizistin mit Herz, zum Beispiel auch für die deutschtürkische Community, die dieser „Tatort“ in Szene setzt; Sahin ist eine loyale Frau, das kostet sie aber auch Nerven. Dieser erste Teil ist gut darin, Stimmungen zu erzeugen.
Wenn die beiden Frauen im Auto zusammen einen zwölf Jahre alten Song singen, stellt sich beim Betrachter dennoch kein anheimelndes Gefühl ein. In diesem Polizeithriller geht es nicht um den Zauber der Freundschaft. Es liegt Unheil in der Luft. Und man weiß ja auch als „Tatort“-Interessierter, dass nicht der Zugang aus Berlin künftig die Neue an Sahins Seite sein wird. Der NDR verkündete schon vor einer Weile, dass Karoline Schuch in der Rolle als Psychologin Elli Krieger eine tragende Rolle in Kiel spielen wird.
In „Unter Freunden“ sind Schuchs Auftritte (anders als in „Unter Feinden“) noch spärlich. Aber es reicht eine einzige Szene, um maximal neugierig auf diese neue Partner-Erzählung der „Tatort“-Reihe zu machen. Die Dynamiken zwischen den Ermittlerinnen und Ermittlern sind, wer wüsste es nicht, der Kern jedes Sonntagabendkrimis. Als Bewerberin für eine Führungsposition muss Sahin zur Polizeipsychologin, und da treffen dann die eher temperamentvolle Kommissarin und die eher kühle Beobachterin aufeinander.
„Tatort“ mit Kommissarin und Psychologin: Was wird die Frauen zusammenführen?
Die Büroszene hat es in sich, sie zicken sich ein bisschen an, es ist sicher keine Liebe auf den ersten Blick. Sahin kann mit der Prüfungssituation gar nichts anfangen, und Krieger macht keine Anstalten, ihr eine Brücke zu bauen. Die Ermittlungsquote für Tötungsdelikte liege bundesweit bei 90 Prozent, sagt die Psychologin. Und Sahin so: „Das heißt, zehn Prozent laufen frei rum, finde ich persönlich zu viel.“
Sahin, die in diesem Fall in emotionaler Hinsicht enorm geprüft wird, scheut sich nicht, etwas von sich preiszugeben. „Wir sind mit dem Gefühl aufgewachsen, potenziell immer verdächtig zu sein“, sagt die deutsche Polizistin mit dem türkischen Hintergrund.
Wie werden sich diese beiden Frauen miteinander vertragen? Was wird sie zusammenführen? Nicht nur, was den zweiten Teil dieses Kriminalfalls angeht, wird dramaturgisch ein zusätzlicher Spannungsbogen aufgemacht. Es tut, wie zuletzt schon im Möhring-„Tatort“ mit niederländischer Beteiligung zu besichtigen war, der Krimiserie sehr gut, wenn sie sich doppelt so viel Zeit nimmt als normal.
„Tatort: Unter Freunden“ läuft am 11.10. im Ersten, 20.15 Uhr




