Man kann auf YouTube ein Video finden, in dem ein älterer Herr namens Heinz Kahn über Stolpersteine spricht. Über die Wichtigkeit der Erinnerung also, über das Wachhalten der traumatischen deutschen Geschichte. Der Trierer Heinz Kahn stammt aus dem Hunsrück-Ort Hermeskeil und überlebte anders als seine Familienmitglieder Buchenwald. Kahn hat Eingang gefunden in den geschichtssatten Roman „Die Lücken“, für den die Autorin Shida Bazyar jetzt den Deutschen Buchpreis erhält.

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Das gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Montagabend in Frankfurt bekannt – traditionell am Vorabend der Buchmesse. Die 1988 in Hermeskeil geborene Schriftstellerin Bazyar galt vorher als Favoritin und darf sich nun unter anderem über 25.000 Euro Preisgeld freuen. Ihr literarisch starker Heimatroman ist zugleich Antiheimatroman, ein historisches Kaleidoskop, eine sich fast 100 Jahre erstreckende Kleinstadtchronik. Und wenn man so will: ein literarischer Stolperstein.
Deutscher Buchpreis für Shida Bazyar: Thema ist die deutsche Verdrängung
Es geht um die verdrängte Geschichte des Ortes Heimesbach, eine literarische Erfindung, hinter der sich relativ deutlich das tatsächliche Hermeskeil versteckt. Die fehlende, die späte Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit ist auch im Gedenkstätten-Hotspot Deutschland ein Topos. Davon handelt dieses 500 Seiten starke Buch, in dem Heimesbach ein Ort ist, der für viele andere steht, und in dem Shida Bazyar für die verschiedenen Figuren und Zeitebenen je unterschiedliche Töne findet. Oft sprechen sie das Hunsrücker Platt.

In „Die Lücken“ begegnen Leserinnen und Lesern Menschen, die Nazi-Devotionalien auf dem Dachboden lagern. Und Großvätern, die zu berichten wissen, dass das „Gaumusterdorf“ schnell „judenfrei“ war. Von der gnadenlosen Ausgrenzung des jüdischen Teils der Bevölkerung berichtet dieser Roman auf eine Weise, die unbedingt schmerzt. Später werden die Mitbürger von einst so gut wie alle umgebracht.
„Die Lücken“ von Shida Bazyar: Dies ist ein „Roman gegen die Gleichgültigkeit“
Es geht, auf der Erzählebene der 1990er-Jahre, auch um kurdische und iranische Einwanderer und deren Blick auf Deutschland. Bazyar, Tochter iranischer Regimeflüchtlinge, wählt übrigens eine Erzählerin, die die Geschichte zusammenhält, auf die man nicht unbedingt gekommen wäre: eine tote Zuwanderin, die es aus Deutschland nach Amerika weiterzog.
„Die Lücken“ ist ein in vielerlei Hinsicht wagemutiger Roman. Mit ihm hat sich die Jury für einen Stoff entschieden, der auf jeder Seite Relevanz und Aktualität ausstrahlt. „Auch die enge Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, von erfundenen und historischen Figuren, die selbst eine Stimme bekommen, erzeugt den starken Nachhall des Textes“, heißt es in der Jurybegründung.
„Die Lücken“ sei ein Roman „gegen Gleichgültigkeit“, so die Jury. Bazyar nutzte ihre Dankesrede für einen Appell, zu antisemitischen und rassistischen Straftaten heute nicht zu schweigen. Es gebe derzeit keine Minderheit in Deutschland, „die keinen Grund zur Sorge hat“. Neben Bazyar waren noch Franziska Gänsler („Orca“), Valeria Gordeev („Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“), Elias Hirschl („Schleifen“), Peggy Mädler („Selbstregulierung des Herzens“) sowie Dana Vowinckel („Anton und Alma“) nominiert.
Deutscher Buchpreis: Im vergangenen Jahr gewann Dorothee Elmiger
Gerade letzterer, die unter den Vorzeichen des 7. Oktober eine tragische Berliner Liebesgeschichte erzählt, hätte man die Auszeichnung übrigens auch sehr gegönnt. „Anton und Alma“ ist, durchaus im Unterschied zu „Die Lücken“, der Pageturner einer jungen Autorin, der über weite Strecken wie aus dem Leben der Gen Z gegriffen ist, aber auf seine Weise komplexe gesellschaftliche Themen behandelt. Mit Vowinckels Romans hätte man womöglich mehr noch als mit Bazyars „Die Lücken“ ein nicht unwichtiges Publikum erreicht: die Generation, in der das Interesse für Bücher abnimmt.
„Die Lücken“ ist dennoch eine mehr als würdige Wahl, ein Buch, dem man viele Leserinnen und Leser wünscht. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an Dorothee Elmiger für ihren Roman „Die Holländerinnen“.
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