Annika Kahrs denkt Kunst weit über raumgreifende Installationen hinaus, hinein in Orte und Plätze, die mit Klang und Menschen erfüllt sind. Besonders interessieren die in Berlin lebende, 1984 geborene Künstlerin Räume des Übergangs: ein ehemaliges Kaufhaus, eine Stadt, die ihre Einwohner verliert, eine ungenutzte Kirche. Passenderweise war ihre letzte große Überblicksschau im Hamburger Bahnhof zu sehen. Auch der Bahnhof ist ein Ort des Übergangs von einer prekären Gegenwart in eine ungewisse Zukunft.
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Zum Teil trifft das auch auf die Nikolaikirche zu. Sie ist Berlins älteste Kirche, seit 1938 säkularisiert, im Krieg zerstört, lange Zeit Ruine, wieder aufgebaut und seit 1987 Museum. Ein Ort also, der schon einige Transformationen durchlaufen und heute eine ganz andere Funktion hat als zur Zeit seiner Entstehung. Ein Ort, der möglicherweise Spiritualität gegen Musealität eingetauscht hat – ein hochaktuelles Thema, das derzeit im postkolonialen Kontext immer wieder diskutiert wird.
Das Glockenspiel hat allerdings nie zum Gottesdienst gerufen, es wurde erst 1987 in den Turm eingebaut. Annika Kahrs hat es gekapert. Zu jeder vollen Stunde erklingt statt eines Kirchenliedes eine der sechs neuen Kompositionen von Louis d’Heudières, mit dem Annika Kahrs zusammenarbeitet: der Auftakt einer siebenteiligen Klanginstallation, die in der Kirche weitergeht und sie für 50 Minuten in einen Klangkörper verwandelt.
Es plätschert, blubbert, heult und röhrt
Im Eingangsbereich plätschert und blubbert es. Die Töne wurden im Spreewald aufgenommen, wo Natur noch so ist, wie sie in Berlin einmal war, bevor hier Menschen siedelten und den Sumpf trockenlegten. Statt Kirchenbänken laden kommunikativ aufgestellte Parkbänke und Liegen in strahlendem Blau ein, Platz zu nehmen und zuzuhören. Die Orgel heult auf wie eine Sirene, setzt neu an, tastet sich vor, pfeift, röhrt, braust über ein Waschbrett und beruhigt sich wieder mit weichen Tönen und Anklängen an die Melodien von Johann Krüger und Paul Gerhardt, die hier gewirkt haben.

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Annika Kahrs arbeitet mit der Geschichte des Ortes und im Team. Ihr Komponist und ihr Sounddesigner (Ariel Schlichter) waren diesmal durch den Hall in der Kirche besonders herausgefordert. Ein Umstand, der von alters her bekannt ist – und der Grund, warum die Kanzel eine kunstvoll geschnitzte Schallhaube hat. Kinderstimmen werden von ihr in den Kirchenraum gelenkt. Sie zählen wahllos vergangene Jahrhunderte herunter und locken Erinnerungen an historische Ereignisse wie Kriege oder den Mauerfall hervor: „Tumulte auf der Straße und alle sind glücklich“. Keine Moral wird gepredigt, sondern zum Spüren und Fühlen im Augenblick aufgerufen.
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Vom Chorraum dröhnen Posaunen wie Baumaschinen, ein dumpfes Rattern, das an- und wieder abschwillt und sich dann nervig in die Länge zieht. Ganz selten ein Ton, der an das himmlische Instrument der Engel erinnert. Der Sound einer Stadt, die nie fertig ist. Im folgenden Wechselgesang von der Apsis und von irgendwo oben erklingen wieder menschliche Stimmen, eine provozierende Sopranistin und ein sanfter Mädchenchor, die später die Rollen tauschen und sich zu einem gemeinsamen Kreischen steigern. Hier erinnert Annika Kahrs an Kurrende: an umherziehende, arme Kinder und Jugendliche, die für Geld sangen, in der Kirche aber hinter dem Altar versteckt wurden. Stimmen, die mitsingen müssen, aber nicht gesehen werden. Ein Bild, das sich auch in aktuellen Wahlergebnissen spiegelt.
Im letzten Teil kommt die Stadt endlich zusammen. Die Künstlerin und ihr Team haben Klänge und Geräusche in allen Teilen der Stadt gesammelt und in einer Komposition vermischt. Das Rauschen der U-Bahn, das Pingpong-Spiel im Park, Schreie und Raunen auf Demonstrationen, das Klirren von Getränkekisten beim Späti. Mal mehr, mal weniger hörbar. Wie von einer Drohne aufgenommen und deshalb flüchtiger als bei einem Spaziergang.
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Dann herrscht Stille. Aber die Kirche hat sich verwandelt. Das Unbehagen des Dazwischen – nicht mehr Gotteshaus und noch nicht ganz Museum zu sein – hat sich in etwas Neues aufgelöst. Annika Kahrs bricht nicht mit der Geschichte, sie häutet sie. Was darunter zum Vorschein kommt, bleibt ungewiss, es fühlt sich aber freier und offener an. Auch für die Stimmen einer Stadt, die sonst leicht überhört werden.
Annika Kahrs: Chorus. Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz 1, Mitte. Spielzeiten der Soundinstallation: Mo.–Mi., 12–18 Uhr, Do., 12–20 Uhr, Fr., 12–17 Uhr, Sa./So., 10–18 Uhr. Bis 18. April 2027.







