Beethoven bezeichnet Igor Levit als seinen „Safe Space“: Neben der Musik verbindet sein Humanismus ihn mit dem großen Komponisten. Zum 200. Todestag spielt der Berliner Pianist im Rahmen des Programms „Alles Beethoven“ alle 32 Klaviersonaten in sieben Städten Nordrhein-Westfalens. Zum Auftakt ist er in Essen zu Gast. Wir sprachen vorab mit ihm über Beethoven, Kunstfreiheit und seine Sicht auf die politische Lage in Deutschland.
Bereits im Alter von vier Jahren debütierten Sie als Solist mit einer Ecossaise von Ludwig van Beethoven. Was fasziniert Sie so sehr an dem Komponisten?
Zu Beginn war es natürlich Zufall. Als Kind hat man ja dieses künstlerische Bewusstsein noch gar nicht. Ich würde sagen, it just happened to be, es ist einfach passiert. Die tiefe Beziehung und Auseinandersetzung mit Beethovens Werk, die kamen viel, viel später. Heute ist er musikalisch gesehen mein Safe Space. Diese Musik hält mich wach: Sie ist ungeheuer spannend, ein nie versiegender Quell von Inspiration. Sie ist irre aufregend. Sie bringt mich an meine physischen und mentalen Grenzen. Und wenig macht mich mehr froh, als an meine Grenzen gebracht zu werden.
Während Ihrer Tour „Alles Beethoven“ spielen Sie alle 32 Klaviersonaten in sieben Städten in NRW.
Sowohl für mich als Hörer als auch für mich als Musiker gibt es in der Welt der Klaviermusik einfach nichts Aufregenderes als diesen Zyklus der 32 Sonaten. Sich immer und immer wieder mit ihnen zu beschäftigen und zu ihnen zurückzukehren, gehört einfach zum Allerbesten in meinem Leben. Da es nicht zu schaffen ist, alle Sonaten an einem Abend zu spielen, ergeben sich pro Spielstätte andere Schwerpunkte mit drei bis fünf Sonaten.
Neben der Musik verbindet Sie der Humanismus mit Beethoven. Immer wieder haben Sie vor einem Erstarken der AfD gewarnt. Wie blicken Sie derzeit auf Deutschland?
Ich finde, die Geschwindigkeit, mit der sich in Deutschland, auch im Kulturbereich, Angst und Feigheit breitmachen, bemerkenswert. Warum ich mich oft geäußert habe: Ich bin wahnsinnig neugierig auf die Welt. Ich will an ihr teilhaben. Mir reicht es nicht, einfach nur eine Sache zu machen, egal wie groß und mitreißend sie ist. Ich liebe diese Welt und dieses Leben, das Schöne daran, das Gefährliche daran, das Aufregende daran: Ich will teilhaben! Nun bin ich durch mehrere Phasen gegangen. Ich bin jetzt Ende 30. Und finde mich im Jahr 2026 nicht nur, aber auch nach dieser Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, in einer Situation, die mit einem Wort nicht zu beschreiben ist. Das ist eine Mischung von Zorn, vielleicht auch Überforderung. Es stellen sich mir viele Fragen, auch selbstkritische. Ich blicke auf diese Ereignisse aus mehreren Perspektiven gleichzeitig. Und teilweise unterscheiden die sich. Und der Blick des Bürgers ist ein anderer als der Blick des Juden, ist ein anderer als der Blick des Künstlers.
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Welche Fragen der Selbstkritik stellen Sie sich?
2015 lag die AfD bei zwei bis drei Prozent, eine Partei im Verschwinden. Sie ist wieder erstarkt im ganzen Kontext der Geflüchtetenkrise 2015. Danach hat man echt viel versucht. Man hat Ausgrenzung versucht, dadurch hat man sie stärker gemacht. Die Art und Weise, wie mit dem Begriff der Brandmauer hantiert wurde, hatte eine fatale Wirkung. Fatal! Denn was passiert denn hinter der Brandmauer? Jahrelang beschäftigt man sich damit, wogegen man ist, aber nicht wofür. Und das ist die ganze politische Erzählung von sehr vielen. Aber was haben die Verantwortlichen denn in der Gegenwart anzubieten? Das ist erstmal die Perspektive des Bürgers. Was hilft? Was funktioniert? Was sind die Strategien? Ich habe keine klare Antwort, aber sich zu hinterfragen und einzugestehen, dass irgendwas in den letzten elf Jahren schiefgegangen ist, ist ein Anfang. Immer nur zu sagen, die anderen sind schuld, ist ein Kindergarten, an dem ich mich nicht beteiligen will.
Wie beschreiben Sie Ihre Perspektive als Jude auf die politische Situation in Deutschland?
Die Perspektive des Juden ist nochmal komplexer. Weil jetzt nicht nur die AfD zum Tragen kommt. Der Tag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt war so ein ganz interessanter Moment für mich: Da kommt die Spitzenkandidatin des BSW und formuliert als Erstes zwei Punkte, was der zukünftige Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt nicht sein darf: kein Wessi und kein Zionist. Also es vergehen keine 30 Stunden nach der Wahl und der deutsche politische Extremist entdeckt den Juden. Das ging wirklich schnell, meine Güte. Das macht was mit mir. Nun lebe ich in Berlin. Und auch die Berliner Linkspartei ist im Grunde genommen durchsetzt von Antisemiten. Ich bin kein ängstlicher Mensch. Und das ist eine Untertreibung. Ich gehe sehr bedacht und sehr selbstbewusst durchs Leben. Aber den Juden in Deutschland kommen langsam die Räume abhanden. Es wird immer enger. Rechte sowie linke Antisemiten und ihre Apologeten sind mir genauso zuwider wie jene Opportunisten, die für das politische Machtspiel bereit sind, mit Menschen zu koalieren, die mir langsam aber sicher meine Räume zum Leben und zum Atmen entziehen. Ich bin froh, dass ich mit Menschen zu tun habe, wo ich Zutrauen verspüre, wo ich das Gefühl habe: Ja, das sind stabile gute Seelen.
Sind Sie noch Mitglied bei den Grünen?
Ich spreche für keine Partei mehr in Deutschland. Aber es gibt diese Menschen. In meiner Generation. Ich wünsche mir einfach einen anderen Ton, ein anderes Auftreten von der demokratischen Mitte. Ansonsten engt sich mein Brustkorb sehr, sehr stark ein.
Viele Menschen aus der Kulturbranche, vor allem an den Theatern, sorgen sich um die Kunstfreiheit. Sehen Sie diese ernsthaft bedroht?
Am meisten tausche ich mich dazu mit Daniel aus (gemeint ist der Musiker Danger Dan, Anm. d. Red.). Und uns ist klar: Menschen wie wir stehen auf der Liste von Faschisten. Die kennen mich und uns. Das heißt: Ab dem Tag, an dem diese Extremisten zu Macht und Einfluss kommen, wird es Konsequenzen geben. Aber da bin ich noch nicht. Ich wünsche mir einen anderen, neuen Aufbruch für dieses Land. Und wenn jene, die uns gerade regieren, dazu nicht in der Lage sind: Dann macht Platz für die nächste Generation. Dann tretet zur Seite.
Planen Sie weitere Projekte mit Ihrem Freund Danger Dan? Erst recht, nachdem das ZDF Ihren gemeinsamen Auftritt in der Sendung „Die Anstalt“ abgesagt hat?
Ja, da sind Projekte in Planung. Daniel ist einer meiner engsten Freunde. Mit Daniel gehe ich durch jedes Feuer und für ihn würde ich alles tun. Insofern wird es sicher etwas geben. Konkreter kann ich dazu aber nichts sagen.
Die Philharmonie Essen, die Kölner Philharmonie, das Konzerthaus Dortmund, das Klavier-Festival Ruhr und Heinersdorff Konzerte präsentieren „Alles Beethoven!“ mit Igor Levit. Den Auftakt bilden zwei Konzerte in der Philharmonie Essen am 17. und 18. Oktober in Essen. Die weiteren Konzerte finden in der Kölner Philharmonie (19. Oktober 2026), im Anneliese Brost Musikforum Ruhr in Bochum (30. Januar 2027), im Konzerthaus Dortmund (31. Januar 2027), in der Tonhalle Düsseldorf (01. Februar 2027), in der Historischen Stadthalle Wuppertal (06. Juli 2027) und in der Mercatorhalle Duisburg (07. Juli 2027) statt. Tickets ab 25€ u.a. auf www.theater-essen.de.



