Tausende Tauben haben sich auf dem Gesims der Neuen Nationalgalerie niedergelassen. Auf dem Dach sitzt ein kleiner Junge mit wehendem Haar und trommelt gelegentlich. Durch die Scheiben sieht man einen Lindenholz-Nachbau des Brandenburger Tores im Maßstab 1:5, während der bronzene Kanaldeckel mit allen Werktiteln der Ausstellung am Boden vor dem Eingang eher übersehen wird. Die Tauben heißen „People“ (2026), der Trommler „Never“ (2003). Modell gestanden hat Oskar Matzerath aus Günter Grass’ Blechtrommel: der Junge, der niemals erwachsen werden will, weil er die heuchlerische, unmoralische Welt ablehnt. Der Kanaldeckel selbst heißt „Scar“ (2026), ist also eine Narbe, die den Zugang zum Untergrund überdeckt. Dort, wo Dante die Hölle angesiedelt hat. Was logisch ist: Mit dem Brandenburger Tor wartet drinnen bereits das „Purgatorio“ (2026).
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In Italien, wo Maurizio Cattelan 1960 in Padua geboren wurde, ist Dantes „Göttliche Komödie“ Schullektüre. Alle kennen den Abstieg in die Hölle und den folgenden Aufstieg auf den Berg der Reinigung, der im Deutschen weit bedrohlicher Fegefeuer heißt und wohl deshalb oft mit der Hölle gleichgesetzt wird.

Maurizio Cattelan, der wohl aufsehenerregendste Künstler der Gegenwart, hat den Preis der Nationalgalerie gewonnen und damit eine Ausstellung im Mies-van-der-Rohe-Bau am Kulturforum. Die Stoßrichtung ist ebenso größenwahnsinnig wie demütig: nicht hinunter in die Hölle, sondern hinauf auf den Berg der Reinigung, wo Aussicht auf das Paradies ist. Klaus Biesenbach, der Direktor der Neuen Nationalgalerie, zitiert dazu Gerhard Richter: „Die Kunst ist die höchste Form der Hoffnung.“
Dunkel ist die Ausstellung nur im übertragenen Sinn
Für diese Hoffnung zwängt man sich durch das Wahrzeichen und betritt eine Kathedrale aus Luft und Licht, immer beobachtet von den Tauben, die auch im Inneren die Höhe beherrschen. An der Stirnseite hängt mit „Dawn“ (2007) eine gekreuzigte Frau. Der Titel bedeutet Dämmerung und hebt sich deshalb aus der Nacht, der mit „Night“ übertitelten Ausstellung, die dunkel nur im übertragenen Sinne ist.
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In schneeweißen, aderlosen Marmor gemeißelt liegen neun lebensgroße Leichname in einer Reihe unter Tüchern: „All“ (2007) – all die anonymen Toten aus Kriegen, Katastrophen und Seuchen. Das Tuch ist ein schützender Akt der Gnade. Und für Zauberer ein Trick, um Dinge verschwinden zu lassen. Die Szenerie erinnert aber auch an Priesterkandidaten, die sich zur Buße vor dem Altar auf den Boden werfen.

Weit vor der Gekreuzigten kniet einsam ein kleiner Mann in Knickerbockern und Tweedjacke und betet mit gefalteten Händen: Das ist „Him“ (2001), das leibhaftige Böse mit den Gesichtszügen von Hitler, der hier stellvertretend für alle um Vergebung bittet, um endlich die Nacht hinter sich zu lassen. Nur hat „Dawn“ den Blick abgewandt. Die Frau ist keine Erlöserin, sondern eine menschliche Figur, festgemacht in einer Transportkiste. Und dennoch entfaltet die Inszenierung eine spirituelle Kraft, die den Raum mit Spannung auflädt, die körperlich zu spüren ist.
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In den Flügeln und Nebenräumen der zur Kathedrale umfunktionierten Halle finden sich weitere berühmte Werke, darunter das müde Pferd „Novecento“, das von der Decke hängt. Die Ausstellung sollte keine Retrospektive sein, betonen Lisa Botti und Klaus Biesenbach, die zusammen mit Maurizio Cattelan die Schau gestaltet haben. Den Lebensweg des Künstlers kann man dennoch an zwei Schauwänden nachvollziehen: sein Aufwachsen in einem religiösen Umfeld, seine erste Ausstellung, die er kurzerhand mit einem „Komme gleich“-Schild oder einem Seil an der Außenwand abblies.

All die Selbstzweifel und die Erfolge sind aufgereiht, berühmte Werke wie der vom Meteoriten erschlagene Papst oder das goldene Klo als kleine Modelle. Auf Fotos sieht man den Künstler in einem Bodenloch verschwinden. In Venedig hat er seinen Biennale-Platz einer Werbeagentur untervermietet, über Palermo den Hollywood-Schriftzug noch gigantischer nachgebaut, seinen Galeristen an die Wand geklebt, Pinocchio in einem Brunnen versenkt, die Bremer Stadtmusikanten ausgestopft, vor der Mailänder Börse einen gestreckten Mittelfinger installiert und alle seine Werke 2012 im New Yorker Guggenheimmuseum von der Decke baumeln lassen. Das sollte seine letzte Ausstellung sein. War’s dann aber nicht.
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Der Berliner Ausschnitt seines Werkes ist nachdenklicher, nicht nur ein Feuerwerk aus spektakulären Pointen, sondern eine zusammenhängende, vieldeutige Erzählung mit vielen Mitspielenden: das Museum, die Architektur, die Stadt, das Land, die Geschichte. Er selbst natürlich auch, aber weniger als Schalk, sondern als mitfühlender Mensch und Freund. So wie Vergil, der Dante bis vor das Paradies begleitete, wo er aber als Heide keinen Einlass fand.
Maurizio Cattelan: „Night“. Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Tiergarten. Informationen unter smb.museum.






