Dass britische Working-Class-Männer kaum über ihre Gefühle sprechen können, solange sie halbwegs nüchtern sind, ist eine Binsenweisheit. Hätten es die Regisseure Will Lovelace und Dylan Southern und Drehbuchautor Stephen Knight geschafft, Noel und Liam Gallagher für die Oasis-Doku „Don’t Look Back in Anger“ zu einem tiefgründigen Gespräch vor die Kamera zu bringen, wäre das ähnlich sensationell wie das Comeback der Band an sich.
41 Stadionkonzerte – und die Gallagher-Brüder haben sich nicht wieder zerstrittten
In der Werbung für den Film wurde das „erste gemeinsame Interview seit 20 Jahren“ als elementarer Baustein herausgestellt, als müsse die Rockgeschichte sodann neu geschrieben werden. Doch nach den Interview-Sequenzen bleiben fast alle Fragen offen: Warum haben sich Liam und Noel eigentlich 2009 vor einem Konzert in Paris backstage auf die Fresse gehauen? Welcher Bruder gab, nach 15 Jahren eisigen Schweigens, den Anstoß zur Versöhnung? Wie ist diese Begegnung verlaufen? „It was all forgiven without saying a word“, heißt es dazu im Doppel-Interview nebulös. „The music brought us back together.“ Und sonst? Sehr viel „fucking dies“ und „fucking das“ im derben Sound des englischen Nordwestens, und sehr wenig Erkenntnisgewinn.
41 ausverkaufte Stadionkonzerte haben Oasis zwischen Juli und November 2025 gegeben, und damit die Frage beantwortet, die der skeptische Noel selbst in einer der ersten Sequenzen des Films stellt: „Will it fall apart again?“ Würden die Animositäten zwischen den Brüdern wieder aufbrechen, würde die Tour im Tumult enden? Bekanntlich nein.
Nur einmal wirken Liam und Noel im Film emotional angefasst
„Don’t Look Back in Anger“ begleitet die Band vom Probenraum über die erste Nacht in Cardiff bis zu den Shows in Dublin, Seoul, Buenos Aires und São Paulo. Kurz vor dem letzten Konzert der Tour erfahren Liam und Noel dort vom Tod des Stones-Roses-Bassisten Gary Mounfield, ein einziges Mal erscheinen die Brüder emotional angefasst. Die Stone Roses, wie Oasis aus Manchester, waren in den späten 1980er-Jahren die Vorhut des Britpop, die Gallagher-Brüder verdanken der Band viel. Liam widmet seinem Freund Gary an dem Abend in Brasilien „Live Forever“, eine der größten Oasis-Hymnen überhaupt. Dies ist der stärkste Gänsehaut-Moment im Film.

Viele Oasis-Fans weinen im Stadion vor Ergriffenheit
Die Doku fasziniert durch das Wechselspiel zwischen Konzert-Sequenzen (konzentriert, druckvoll, kein müdes Revival) und Fan-Reaktionen in Nahaufnahme. Aus den Menschenmengen in den Stadien zoomen die Macher der Doku sehr dicht an einzelne Zuschauer (oder Pärchen) aller Altersklassen ran. Sie strahlen glückselig, schmettern die Oasis-Songtexte und sind meist derart ergriffen, dass ihnen die Tränen kommen. Dazu kommen Fan-O-Töne, die die Reunion mit der „Wiedergeburt von Jesus Christus“ vergleichen. Oder den zwischenzeitlichen Split der Band mit dem Tod eines leiblichen Kindes.
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Um diesen nicht wirklich subtilen Subtext der Doku (die Oasis-Reunion als religiöse Grenzerfahrung) zu betonen, tritt sogar ein Priester aus Cardiff auf, der kurz nach dem ersten Konzert über eine biblische Fachfrage („Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?“) predigt, und explizit auf Oasis abhebt. Den Weg der Zuschauer zum Stadion adelt er als „Pilgerfahrt“. Die Fans seien nicht alleine der Musik wegen gekommen, sondern um die Versöhnung von Noel und Liam zu erleben. Gehet hin in Frieden!
„Don’t Look Back in Anger“ läuft ab Donnerstag im Kino und ab Ende November bei Disney+.





