Alles beginnt mit einem Ende: Da verbeugt sich das Ensemble von (La)Horde, seinem Publikum den Rücken zudrehend, vor der Projektion eines Publikums an der Bühnenrückwand. Nach einigen Augenblicken erst merkt man: Dieses Publikum sind wir. Beim Einlass in den Saal der Berliner Festspiele wurden wir gefilmt, und jetzt werden wir einander vorgeführt, während die zwölf Tänzerinnen und Tänzer des Ballet national de Marseille sich verneigen und den zugespielten Applaus entgegennehmen. Wo wird das noch hinführen, wenn am Anfang schon alles vorbei ist? Ins Apokalyptische, das deuten zuckende Bewegungen und flackerndes Licht an. Nicht umsonst steckt die Sintflut im Titel „Après moi, le déluge”.
Ein erstklassiges Ensemble, das verschiedenste Tanzgenres trainiert
(La)Horde ist eine hyperzeitgenössische, experimentelle Kompanie, die künstlerisch von Marine Brutti, Jonathan Debrouwer und Arthur Harel geleitet wird. Ihr Anliegen ist nicht behagliche Ballettästhetik, auch wenn sie als Nationalballett firmieren. Vielmehr mixt das erstklassig trainierte Ensemble in gemeinsamer Kreation die verschiedensten topaktuellen Tanzgenres.
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„Après moi, le déluge“ ist massiv vom Urban Dance geprägt. In den hochenergetischen choreografischen Sequenzen sieht man Moves aus Breaking oder Jumpstyle. Und wie schon öfter bei dieser Ausgabe von Tanz im August erlebt man hier eine Kompanie beim Fitness-Test: Sicher eine Viertelstunde lang läuft der hochtourige Track, den Komponist Pierre Aviat auf Grundlage des Songs „Chop Suey!“ der Metal-Rock-Band System of a Down abgemischt hat. Und durchgehend jumpt die Horde raumgreifend über die Bühne.
Das Konzept von (La)Horde ist gewagt, überzeugt aber nicht ganz
Erzählen (La)Horde mit ihrem neuen Stück, zu Deutsch „Nach mir die Sintflut”, etwas Eindeutiges? Ja: Tanz stählt. Gerade die auf der Straße getanzten Stile haben ja immer auch damit zu tun, sich gemeinsam zu wappnen gegen die Zumutungen der Gegenwart. Weniger sichtbar als dieser kämpferische Aspekt ist der im Programmtext formulierte Anspruch, künstlerisch mit Fürsorge umzugehen. Aufeinander geachtet wird wohl hinter den Kulissen, wie das Engagement einer Intimitätskoordination vermuten lässt. Aber in den theatralen Szenen, die auf ein effektvolles Aufbrechen des Bühnenbodens folgen?
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Kannibalismus ist schließlich kein fürsorglicher Akt. Drei Ensemblemitglieder, die mit Latexmasken wie Greise wirken, laben sich hier am Körper einer jungen Tänzerin, die leblos am Rand eines nebelverhangenen Wasserbeckens hängt. Ein Kommentar auf den Anti-Aging-Wahn? Zwei Grazien in Bademänteln und mit langen kupferfarbenen Locken, die an Botticellis Venus und Darstellungen der Erzengel erinnern, erwecken die Tote wieder zum Leben, die Alten haben das Nachsehen. Kein Jungbrunnen, nirgends.

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Gewagt, aber nicht ganz überzeugend ist das Konzept von (La)Horde. Auch wenn die schlussendliche Tierwerdung einiger Ensemblemitglieder – mit Schweif, Faultierschnauze oder Elefantenbein – lieblich anzusehen ist. Nun muss Verständlichkeit nicht das Ziel der Kunst sein. Aber wird eine Produktion allzu hermetisch, ist sie kaum mehr anschlussfähig.






