Die Berliner Philharmoniker eröffnen statusgemäß die Saison. Wer noch daran zweifelt, dass sie unter Kirill Petrenko zu einer seit Furtwängler unerreichten Höhe emporgestiegen sind, hat das „Rheingold“ aus Salzburg nicht gehört: Scharfkantig und glitzernd wie ein Kristall, geheimnisvoll wie eine archaische Bronze ist das Orchester in Dimensionen vorgedrungen, die der Konkurrenz unzugänglich sind, auch der ausländischen. Dass Petrenko am heutigen Freitag auch mit Elgar und Tschaikowsky zu Höchstleistungen fähig ist, werden leider wieder nur wenige erleben können, denn das Konzert ist ausverkauft.
Eine philharmonische Phalanx der Gastdirigenten
Das gilt auch für seine Konzerte im Oktober mit Brahms’ 1. Klavierkonzert und dem „Zarathustra“ von Richard Strauss. Die „Römische Trilogie“ von Respighi im November ist hingegen noch buchbar; der Vorverkauf für Petrenkos Konzerte ab Januar beginnt in den nächsten Wochen. Und wer Beethovens „Missa solemnis“ (dreimal ab 28. Januar 2027) versäumt, muss arm sein oder verreist oder Fan der Böhsen Onkelz.
Die philharmonische Phalanx der Gastdirigenten wird angeführt von Altmeister Marek Janowski mit Bruckners Achter (ab 10. Dezember). Es sind auch wieder Zubin Mehta, Simon Rattle, Gustavo Dudamel und Tugan Sokhiev zur Stelle. Vielversprechende Debüts am Pult sind von Markus Poschner zu erwarten, der (ab 18. Februar 2027) Mahler und Schubert mit Hollands genialem Liedkomponisten Alphons Diepenbrock konfrontiert, sowie von Elim Chan, die (ab 10. Juni 2027) das einst als politisch aufrüttelnd empfundene Konzert für Orchester des Polen Witold Lutoslawski anbietet. Brett Dean, der Composer in Residence, bietet natürlich mehr an, ist mit seiner Bratsche und mit dem Taktstock zu erleben. Allein zwei große Orchesterkonzerte sind ihm gewidmet, und als Ritterschlag wird auch Yo-Yo Ma, der größte Cellist unserer Zeit, ein Werk des Australiers aufführen (ab 3. Juni 2027).
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Gibt es in der neuen Saison einen absoluten philharmonischen Höhepunkt? Das ist Geschmacksfrage. Unser Tipp: Hector Berlioz und seine sakrale Trilogie „L’enfance du Christ“, pünktlich zu Weihnachten (ab 17. Dezember) aufgeführt von Maxime Pascal. Er gehört übrigens zum neuen dirigierenden Leitungsteam der Deutschen Oper Berlin, wo er versuchen wird, Olivier Messiaens „Turangalîla“-Symphonie über alle knallbunten Kitschklippen hinwegzusteuern (7. Februar 2027). Auch seine beiden Partner werden in der Bismarckstraße mit Symphoniekonzerten bedacht: Michele Spotti hat sich ebenfalls für Berlioz entschieden („Symphonie fantastique“ am 29. Juni 2027) und Titus Engel für eine Art Trompetenkonzert aus Karlheinz Stockhausens „Donnerstag aus Licht“ (8. September).
Konzerte nicht nur in Konzerthäusern, sondern auch in Kirchen – und Kinos
Aber wir vermuten tatsächlich, dass die isländische Kontrabassistin Bára Gísladóttir, Composer in Residence der Deutschen Oper, diese Darbietungen ein wenig in den Klangschatten stellen wird; das Haus wird nicht nur das Auftragswerk „Good Vibes Only“ uraufführen (22. Januar 2027), sondern auch Auftritte in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und im Kino Delphi Lux organisieren sowie im Berghain, wo Gísladóttir mit dem einstündigen „Silva“ für Kontrabass und Live-Elektronik all jene Besucher in den Wahnsinn treiben will, die sich gewöhnlich noch anderswo aufhalten – genialisch schräg das ganze und fraglos horizonterweiternd.
Die Konzerte der Staatskapelle setzen dagegen auf Altvertrautes. Oder auf Stücke, die nicht vertraut, aber auf jeden Fall alt sind. Christian Thielemann wird sich mit Mendelssohn (ab 13. Januar 2027) und Liszt beschäftigen (ab 13. April) und – wer hätte es gedacht – mit Bruckner und Strauss. Zum Jahreswechsel gibt es durchaus rare Filmmusik von Max Steiner und Gottfried Huppertz. Das Orchester der Komischen Oper lockt mit dem legendären Haydn-Experten Ádám Fischer, der diesmal (am 5. November) Beethoven, Bartók und Brahms vorzieht und GMD James Gaffigan die „Abschiedssymphonie“ Haydns überlässt (24. Juni 2027), der im selben Konzert Mahlers „Lied von der Erde“ anstimmt, nachdem er zuvor (9. April 2027) Benjamin Brittens selten zu hörendes Doppelkonzert und Schostakowitschs ständig zu hörende 15. Symphonie dirigiert.

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Und was machen unsere beiden Radio-Orchester? Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin spielt unter seinem neuen Chef Kazuki Yamada fünf Konzerte, darunter erfreuliche Entdeckungen: die Erstaufführung von Anna Clynes „Woman of the Mountain“ (4. Oktober), die 1. Symphonie von Florence Price (26. März 2027) und eine Ouvertüre von Grażyna Bacewicz (7. Mai 2027). Vielleicht wird man in Berlin irgendwann auch einmal die Symphonien und Violinkonzerte der größten Komponistin aller Epochen hören können. Einstweilen ist Yamada noch mit dem gigantischen „Dream Requiem“ von Rufus Wainwright ausgelastet (25. April 2027). Die aufregendste Performance ist wohl von Barbara Hannigan zu erwarten, die am 14. Januar 2027 Regie führt, singt und dirigiert – auf dem Programm stehen die „Metamorphosen“ von Richard Strauss sowie Poulencs emotionaler Stress-Text „Le voix humaine“.
Zuletzt und doch weit vorn: Vladimir Jurowski mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester. Er stellt zwei der größten Symphoniker der Moderne vor: den Rumänen Anatol Vieru mit dessen 2. Symphonie (13. September) und den Ukrainer Valentin Silvestrov mit dessen 7. Symphonie (30. April 2027), in Berlin gut bekannt und mittlerweile auch hier lebend. Nicht minder verlockend ist Jurowskis Programm mit Werken von Thomas Adès und John Adams (15. November). Der RSB-Chef ist auf dem Sprung, zu Kirill Petrenko aufzuschließen. Nicht erst seine Münchener Uraufführung von Brett Deans „Of One Blood“ hat ihn als ebenso kontrollierten wie kühnen Orchesterleiter gezeigt – wenn wir uns von jemandem wirklich großartige moderne Musik erwarten dürfen, dann von Jurowski. Denn will eine Kultur überleben, ist das Neue so wichtig wie das Alte.





