Am Ende vergisst Valeska Grisebach fast ihren Preis. Es ist kurz vor Mitternacht im Pressekonferenzraum des Festivalpalais, wo die Preisträger ihre Interviews im Akkord geben. Zwei Stunden zuvor hatte am Samstagabend die Berliner Regisseurin im Lumière-Saal überraschend den Preis der Jury für „Das geträumte Abenteuer“ erhalten, nun sitzt sie noch immer strahlend vor den internationalen Journalisten. Die kleine rote Schatulle mit der Palme steht vor ihr auf dem Tisch. Als sie nach der Pressekonferenz aufsteht, lässt sie sie einfach liegen. Der Moderator springt auf, trägt ihr den Preis hinterher, Grisebach lacht verlegen.

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Ein schöner Moment, in dem sich Überraschung, Erleichterung und echtes Glück kurz decken. Und ein besonderer Moment für den deutschen Film. Vor einem Jahr erst hatte die Berlinerin Mascha Schilinski für „In die Sonne schauen“ den Jury-Preis gewonnen, damals allerdings geteilt mit Oliver Laxe für „Sirat“. Diesmal gehört die Aufmerksamkeit ganz Grisebach und ihrem Film. Und vielleicht steckt darin auch eine späte Genugtuung für die Berliner Produktionsfirma Komplizenfilm um Maren Ade. Ade selbst war vor genau zehn Jahren mit „Toni Erdmann“ als große Favoritin nach Cannes gekommen und trotz euphorischer Kritiken leer ausgegangen. Bis heute eine der eklatantesten Fehlentscheidungen der jüngeren Festivalgeschichte. Nun also ein großer Preis für eine Regisseurin aus demselben Umfeld, die ähnlich unbeirrt ihr eigenes Kino verfolgt.
Ausgezeichnet wurde fast ausschließlich Autorenkino aus Europa
„Das geträumte Abenteuer“ war einer der späten Höhepunkte dieses Wettbewerbs. Grisebach erzählt darin von einer Archäologin in der bulgarischen Grenzstadt Svilengrad, irgendwo zwischen Schmuggelrouten, Transitverkehr und den Nachwirkungen der Nachwendezeit. Aus einer scheinbar beiläufigen Begegnung entwickelt sich langsam ein Film, der Kriminalgeschichte, Grenzwestern und präzise Milieubeobachtung ineinander verschiebt. Menschen verschwinden plötzlich, alte Rechnungen tauchen wieder auf, Gespräche beim Rakı kippen unmerklich in Bedrohung. Gleichzeitig bleibt Grisebachs Blick immer nah bei den Figuren, ihren Gesten, Pausen und kleinen Verschiebungen von Macht und Nähe. Gerade daraus bezieht der Film seine Spannung.

Grisebach wirkt in der Pressekonferenz überrascht über die Wucht der Reaktionen. „Ich glaube, ich werde diese Auszeichnung mehr genießen, je mehr Zeit vergeht“, sagt sie lächelnd. Dabei spricht sie weniger über sich selbst als über die vielen Menschen, mit denen der Film entstanden sei. „Ich träume davon, mit dem Preis nach Bulgarien zu reisen und dort noch einmal zu feiern.“ Schon bei der Gala hatte sie spontan ihre Laiendarstellerin Jana Radewa mit auf die Bühne geholt.
Ein Film über die Nachwendezeit und ein Europa voller blinder Flecken
Der Film sei aus Gesprächen über die Nachwendezeit in Osteuropa entstanden, über ein Europa voller blinder Flecken und unterschiedlicher Erfahrungen. Besonders interessiert habe sie die Vorstellung einer Gesellschaft im permanenten Kampfmodus. „Dabei gibt es so viel Empathie zwischen Menschen“, sagt Grisebach. Genau daraus bezieht auch ihr Film seine stille Kraft.

Mit ihren Preisentscheidungen setzte die Jury um Präsident Park Chan-wook schließlich ein deutliches Zeichen: Ausgezeichnet wurde fast ausschließlich europäisches Autorenkino über Gegenwart und Geschichte des Kontinents – über Krieg, Erinnerung, Identität und gesellschaftliche Bruchlinien. Die Goldene Palme ging an Cristian Mungius „Fjord“, ein Familiendrama über kulturelle Konflikte, Religiosität und staatliche Macht, das die Croisette tagelang gespalten hatte. Mungiu gewinnt damit bereits zum zweiten Mal nach „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ die wichtigste Auszeichnung des Festivals und steigt in jenen kleinen Kreis von Regisseuren auf, die zweimal Palmengold erhielten.
Ein russischer Preisträger mit einer Mahnung an Wladimir Putin
Der Grand Prix der Jury ging an einen der großen Favoriten des Wettbewerbs: Andrey Swjaginzews „Minotaur“, eine frostige Russland-Parabel über Krieg, Opportunismus und moralischen Zerfall. Der russische Regisseur, seit Jahren im Exil, erzählte darin von einem Unternehmer, der Arbeiter für den Fronteinsatz in der Ukraine mobilisieren soll, während seine eigene Welt langsam kollabiert. Bei der Preisverleihung sprach Swjaginzew von einem Film „über die langsame Gewöhnung an Gewalt“ und nutzte den Moment für einen direkten Appell an Wladimir Putin, das Blutvergießen zu beenden.

Gleichzeitig verteilte die Jury die Preise fast nach dem Gießkannenprinzip. Mehrere Auszeichnungen wurden ex aequo vergeben, darunter die Darstellerpreise und der Regiepreis – traditionell selten eine ideale Lösung, weil sie Aufmerksamkeit teilt und Entscheidungen verwässert. Immerhin ergaben die gemeinsamen Schauspielpreise noch inhaltlich Sinn. Virginie Efira und Tao Okamoto wurden für ihr fein austariertes Spiel in Ryusuke Hamaguchis dreistündigem Drama „Soudain“ ausgezeichnet, dessen ruhige Beobachtung von Fürsorge und Einsamkeit zu den stillen Höhepunkten des Festivals gehörte. Emmanuel Macchia und Valentin Campagne erhielten gemeinsam den Preis für die beste männliche Darstellerleistung in Lukas Dhonts Kriegsdrama „Coward“.
Die deutschen Preisträgerfilme kommen schon bald ins Kino
Deutlich chaotischer verlief die doppelte Vergabe des Regiepreises an Pawel Pawlikowski für „Vaterland“ und Javier Ambrossi sowie Javier Calvo für „La Bola Negra“. Während die spanischen Regisseure minutenlang redeten, stand Pawlikowski etwas verloren daneben und durfte den Preis später noch einmal allein für die Fotografen hochhalten. „Das hier jedenfalls ist keine gute Regie“, bemerkte er trocken auf der Bühne. Sein Film über die Rückkehr Thomas Manns nach Deutschland 1949 zählt dennoch zu den nachhaltigsten Arbeiten dieses Wettbewerbs. „Vaterland“ wird bereits nächsten Monat das Filmfest München eröffnen, Grisebachs „Das geträumte Abenteuer“ startet Ende August im Kino.
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So endet ein Cannes-Jahrgang ohne ein alles überragendes Meisterwerk, aber mit erstaunlich vielen starken Filmen und klaren thematischen Linien. Hollywood spielte kaum eine Rolle. Stattdessen dominierte ein Kino, das sich mit Europas Vergangenheit, seinen Grenzen und seinen gegenwärtigen Krisen beschäftigte. Über viele dieser Filme wird noch lange zu sprechen sein.
Zum Abschluss verlieh das Festival schließlich noch die Ehrenpalme an Barbra Streisand, die ihre Reise nach Cannes wegen einer Knieoperation kurzfristig absagen musste. Isabelle Huppert würdigte sie in ihrer Laudatio als Künstlerin, die sich immer geweigert habe, andere für sich entscheiden zu lassen. Streisand selbst wurde per Video zugeschaltet und erinnerte daran, dass Kino Menschen verbinden könne, „indem es Herzen und Gedanken öffnet“. Vielleicht ein pathetischer Schlusssatz. Aber nach diesem ungewöhnlich ernsten, politischen Cannes-Festival wirkte selbst das erstaunlich passend.





