Wandernd erschließt sich Jan Schüler die Landschaften entlang der Elbe, durch Dresden bis hin zur Ostsee, und begegnet ihnen mit einem Blick, der Schönheit und Vergänglichkeit zugleich erfasst. Seine bis zu 30 Kilometer langen Tagesstrecken sind dabei mehr als bloße Annäherungen an landschaftliche Motive. Sie sind geprägt von einer selbst gewählten Einsamkeit sowie von der stetigen Reflexion über die Endlichkeit des Lebens. In dieser Haltung knüpft er an die Bildtradition der deutschen Romantik an und findet zugleich zu einer eigenen Bildsprache. Die Ausstellung „Von Zeit und Fluss“ in der Galerie Poll gibt einen Einblick in dieses künstlerische Unterwegssein und führt in eine Praxis ein, die über die Landschaftsmalerei hinausgeht.

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In dem Gemälde „Hessische Landschaft bei Nordeck“ (2023) entfaltet sich eine weite, idyllische Szenerie: Hügel ziehen sich in geschwungenen Linien in die Ferne, während im Vordergrund eine Straße und geometrisch gefasste Felder den Raum gliedern. Die Farbigkeit wechselt von warmen Gelb- und Brauntönen zu kühleren, bläulich-grünen Nuancen. Üppige Baumkronen, ein Haus mit rotem Dach und eine abgestellte Futterkarre strukturieren die Landschaft, ohne sie zu beleben. Auffällig ist ein Straßenschild, dessen Symbol an eine Träne erinnert. Charakteristisch für Schülers Malerei sind die glatten Oberflächen und die klar voneinander abgegrenzten Farbflächen, in denen gegenständliche Details verschwinden und sich zu einer reduzierten Bildsprache formatieren. Wie Galeristin Nana Poll im Gespräch hervorhebt, ist dieses Vorgehen eng mit dem Wandern Schülers verbunden. Der 63-jährige Maler erkundet die Landschaft zu Fuß, fotografiert Motive und entwickelt daraus im Atelier seine reduzierten Kompositionen.

Jan Schüler
Hessische Landschaft bei Nordeck, 2023. © Jan Schüler/VG Bild-Kunst, Bonn 2026. | ©courtesy Galerie Poll, Berlin

Auf diesen Wanderungen sucht Schüler gezielt nach Orten, die er aus den Gemälden der deutschen Romantik kennt, insbesondere aus dem Werk von Caspar David Friedrich. Ein Zeugnis dieser Spurensuche ist Schülers Darstellung der Klosterruine Eldena. Während Friedrichs Studien zu dem Kloster die Ruine als ein fein ausgearbeitetes Spiel von Vegetation, Licht und Detailreichtum zeigen, reduziert Schüler das Motiv erneut auf seine wesentlichen Formen. In seiner Version erscheint die Ruine in einem kupferroten Ton, klar abgegrenzt vor einer flächig gefassten Landschaft in Grüntönen, Dünen und leuchtend blauem Meer. Die präzise Schattensetzung entlang der Tore der Ruine verleiht der statischen Bildkomposition dabei eine überraschende Tiefenwirkung.

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Klosterruine Eldena an der Ostsee, 2024. © Jan Schüler/VG Bild-Kunst, Bonn 2026. | © courtesy Galerie Poll, Berlin

Hinter dieser nahezu perfekten Abstraktion verbirgt sich jedoch eine Melancholie. Wie Caspar David Friedrich verbindet auch Jan Schüler die Darstellung von Natur mit Fragen nach Vergänglichkeit und Tod. Dies formuliert er selbst eindrücklich: „Meine Bilder haben alle mit Abschiednahme und dieser Sehnsucht nach Verschmelzung und Auflösung zu tun.“ In diesem Bedeutungszusammenhang lässt sich auch das unscheinbare Detail der Träne im Straßenschild des Gemäldes „Hessische Landschaft bei Nordeck“ lesen. Ähnlich verhält es sich mit der Motivwahl der Klosterruine Eldena, deren architektonische Fragmente auf Vergänglichkeit und Verfall verweisen. Auch in „Schlüttsiel an der Nordsee (Jens Olsson)“ (2023) verdichtet sich diese Thematik. Zu sehen ist ein leerer Schiffsanleger, der von ruhiger See umgeben ist. Ein umgestürzter Anker liegt im Vordergrund, während eine wehende Fahne den ansonsten bewegungslosen Raum markiert. Dieses Werk sowie „Die letzte Fahrt“ (2025) stehen im Zusammenhang mit dem Tod eines langjährigen Freundes Schülers und dessen Seebestattung. Die auf seinen Wanderungen besuchten Orte werden hier endgültig zur Auseinandersetzung mit der (eigenen) Endlichkeit und zu Erinnerungsorten des Verlusts.

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Schlüttsiel an der Nordsee (Jens Olsson), 2023. © Jan Schüler/VG Bild-Kunst, Bonn 2026. | ©courtesy Galerie Poll, Berlin


Galerie Poll, Gipsstraße 3, Mitte, Di. – Sa., 12–18 Uhr. Bis 6. Juni.