„Die Leute standen bis auf die Straße“, frohlockt Gabriella Valaczkay. Die Wahl-Berlinerin und gebürtige Ungarin ist gerade frisch aus Budapest zurückgekehrt. Für die Allgemeinheit war es eine große Woche in der ungarischen Hauptstadt. Die Abwahl des 16 Jahre amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán ließ Europafreunde auf dem ganzen Kontinent jubeln. Aber auch für Valaczkay persönlich und ihre Herzensangelegenheit war es eine große Woche.

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Die Journalistin beschäftigt sich seit 13 Jahren mit Antisemitismus und ist heute in der historisch-politischen Bildungsarbeit tätig. Gerade hat sie ihr Projekt „Mein Berlin – Ein Ort mit Gedächtnis?“ auch in Budapest vorgestellt. Und die Menschen rannten ihr die Türen ein. „Es war so ein Erfolg, es gab ganz viel Interesse“, jubelt Valaczkay. „Megaviel Zugewandtheit, megaviel Aufmerksamkeit.“
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Einblick in das Leben von Juden – ohne ein einziges Gesicht zu zeigen
Kern des Projektes ist ein Dokumentarfilm, den Valaczkay gemeinsam mit Autorin und Regisseurin Julia Csabai vergangenes Jahr gedreht hat. Er begleitet sechs Jüdinnen und Juden in Berlin in ihrem Leben mit all den Zumutungen und Anfeindungen nach dem 7. Oktober 2023. Begleitend gibt es eine Fotoausstellung ihres Ehemannes Krisztián Bócsi, eines professionellen Foto- und Videografen.

Beide Formen zeigen die Hürden des Lebens von Juden in der Zeit nach dem 7. Oktober und steigen tief in innermenschliche Gefühlswelten hinab, ohne ein einziges Mal ein Gesicht eines Protagonisten zu zeigen. „Das war einerseits eine Schutzmaßnahme für die Protagonisten“, sagt Valaczkay, „aber andererseits auch eine konzeptuelle Sache, damit die Leute sich von selbst fragen, warum wir die Menschen eigentlich inkognito zeigen.“
Suche nach Ausstellungsort verlief schwierig
Im vergangenen November wurden Film und Ausstellung für einen Abend in der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gezeigt, nun erhalten sie eine längere Residenz bei der Landeszentrale für politische Bildung. „Wir haben für die Ausstellung einen Ort gesucht und berlinweit keinen dauerhaften gefunden. Ich will jetzt nichts suggerieren, aber das sagt natürlich auch schon einiges aus“, meint Valaczkay.
Erst die Landeszentrale für politische Bildung nahm schließlich das Konzept an und bat um ein begleitendes pädagogisches Angebot. Also hat Valaczkay einen Workshop konzipiert, der einen künstlerisch-assoziativen Zugang mit Ansätzen der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit verbindet.
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Multiplikatoren besonders gern im Workshop gesehen
„Es beginnt erst mal voll assoziativ, künstlerisch, frei, metaphorisch“, sagt Valaczkay. Einzelne Elemente, Zitate und Bilder aus Film und Ausstellung werden aus dem Kontext losgelöst präsentiert, um spätere kognitive Prozesse der Teilnehmenden zum Thema anzuregen. Kombiniert mit wissenschaftlichem Input zum Wesen von Antisemitismus und seinem strukturellen Charakter erleben die Teilnehmenden zunächst einen selbstreflexiven Prozess und richten den Blick dann auf die Berliner Stadtgesellschaft.
„Grundsätzlich ist jeder herzlich willkommen“, sagt Valaczkay. „Aber wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn einige Multiplikatoren dabei sind, die dieses Wissen und die Erfahrung weitertragen.“ Denn das Projekt soll dazu beitragen, das Bewusstsein für den Umgang mit Antisemitismus in der Gesellschaft zu schärfen, nachdem es in dieser Zeit multipler Krisen wieder in den Hintergrund gerückt ist.
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„Es kann nicht sein, dass 80 Jahre nach Kriegsende Menschen keine Ahnung haben“
Der Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 ist zweieinhalb Jahre her. Der Antisemitismus grassiert heute noch bedrohlicher als unmittelbar nach jenem Tag, wie Zahlen einer Berliner Beratungsstelle belegen. Nur bekommt das eben kaum jemand mit. „Wir wollen eine Aufmerksamkeit dafür schaffen, wie Antisemitismus wirkt, ohne dass jeden Tag darüber berichtet wird“, sagt Valaczkay. Denn: „Es kann nicht sein, dass in diesem Land 80 Jahre nach Kriegsende Menschen gar keine Ahnung davon haben, dass Antisemitismus immer noch ziemlich präsent ist in der deutschen Gesellschaft. Es ist nichts Historisches, Abstraktes – sondern für Jüdinnen und Juden etwas Alltägliches.“
In Budapest ist das vergangene Woche schon einmal angekommen. Die Resonanz auf Valaczkays Projekt war hervorragend, natürlich auch beflügelt von der Wahl.
„Mein Berlin – Ein Ort mit Gedächtnis?“, Film- und Fotoausstellung. 16. April bis 30. Mai im Besuchszentrum Ostkreuz der Landeszentrale für politische Bildung. Revaler Straße 29, 10245 Berlin. Ergänzende kostenfreie Workshops am 27. April und 28. Mai. Anmeldung auf der Website der Landeszentrale für politische Bildung.







