Große Kunst in Berlin! Mit belegter Stimme kündigt Manuel Bittorf alias Betterov am Sonntagabend im Huxleys Neue Welt den letzten Song seiner Tour an: „Dussmann“. Vor fünf Jahren erschienen versetzt der Hit den ganzen Saal auch heute noch in eine melancholisch-euphorische Stimmung. „Vielleicht ist es egal, wie weit man weg läuft. Man landet am Ende immer da, wo man hergekommen ist“, verkündet Betterov in einer ruhigen Minute.

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Es ist das Motto des Albums „Große Kunst“, mit dem Betterov im November letzten Jahres Feuilletons in Aufregung gebracht hat. Auf 17 Songs erzählt er alles rund um die Fluchtgeschichte seines Vaters aus der DDR nach Westdeutschland. Warum ihn das so beschäftigt? Die Jahre unter sowjetischer Besatzung stecken den Menschen noch immer in den Knochen und die von Helmut Kohl versprochenen blühenden Landschaften scheinen heute ferner denn je.
An der Berliner Mauer hat er seine Release-Show gespielt, auf der Tour sind die Grundrisse im Hintergrund zu erahnen. Nachdem die Vorband Cordoba78 den Saal eingeheizt hat, startet Betterov mitten im Album mit dem gleichnamigen Song: „Große Kunst.“ Eine Geschichte über das triste Aufwachsen in Ostdeutschland. Mit begnadeter Stimme wirft sich Manuel Bittorf in eine Szene zwischen Schulmobber und Opfer: „Du interessierst dich doch für Goethe, hier kommt meine Faust.“
Kein Phrasendreschen, sondern Einordnung
Doch kitschiges Phrasendreschen Fehlanzeige. Statt bei traurigen Geschichten aus der Vergangenheit zu bleiben, ordnet Betterov sie ein: „Ich kann ihm gar nicht böse sein, weil ich mittlerweile weiß. Bei uns gab es keine große Kunst.“
Zwischen Gitarren Breakdowns und zarten Geigentönen balanciert der Künstler mit kratziger Stimme auf der Bühne umher. Gitarrist, Bassist und Schlagzeugerin legen sich im flimmernden Scheinwerferlicht mächtig ins Zeug. Keine Perfektion, dafür Emotionen.
Und diese gipfeln in den Songs 17. Juli 1989 und 18. Juli 1989. Zweigeteilt erzählt Betterov hier, wie seine Eltern ihre Flucht aus der DDR planten. Und, warum ihn diese Geschichte bis heute nicht los lässt. In einer kurzen Pause hält er inne: „Mein Vater hatte 800 Ostmark in die Jacke eingenäht, die er in der BRD in 58 Westmark tauschte. Davon kaufte er sich eine Jeans und ein Bierfass. Das alles ist fünf Sekunden her und in fünf Sekunden wiederhergestellt. Also lasst uns unsere Freiheit bewahren!“
Am Ende hat Manuel Bittorf Tränen in den Augen
Betterovs Sound vereint Generationen. Ein Familienvater fängt bei „In meinem Zimmer spielen sich Dramen ab“ an, zu springen und seine Tochter singt ihre Hände hebend „Schlaf gut“ mit. Kurz vor der Zugabe beginnt der Boden des Huxleys Neue Welt zu beben, die Arme schmerzen vom Applaus und ein Blick auf die Uhr verrät, dass seit Konzertbeginn fast drei Stunden vergangen sind.
Dann wird es emotional: Kurz vor „Dussmann“ steigen Manuel Bittorf Tränen in die Augen und in einem Gitarrenriff sinkt er am Ende des Songs in die Knie. Arm in
Arm mit seinen Bandkollegen verbeugt er sich immer noch gerührt vor dem begeisterten Publikum. Mit Betterov sehen wir einen frisch geborenen Stern am Himmel des deutschen Indies. Es bleibt nur zu warten, welche Geschichte er auf seinem nächsten Album zu erzählen hat.




