Man soll doch die Welt durch die Augen von Kindern sehen. Aber wie, wenn man nach einem langen Tag im Büro heimkommt, sich aufs Sofa wirft und gedanklich schon den nächsten Arbeitstag plant? In Geschichten. Auf der Berlinale gibt es dafür die Sektion „Generation“, oft abwertend verkannt als leichte Kost.

Filme um Schuld und Verantwortung, Leid und Leistungsdruck

So ein Quatsch. Mit Filmen über Identität, Geschlecht, Angst und Revolution lässt die Berlinale-Sektion erkennen, dass Kinder mehr mitbekommen, als wir denken. Und dass unsere Welt durch unschuldigere Augen noch viel dunkler aussieht. Das zeigt gleich zu Beginn des Programms „A fabulosa máquina do tempo“ (Eine fabelhafte Zeitmaschine) von Eliza Capai. Eine Dokumentation über die Mädchen des brasilianischen Hinterlands. „Wenn du eine Zeitmaschine hättest, würdest du in die Zukunft oder in die Vergangenheit reisen?“, fragen sie sich immer wieder. Sie wollen nicht erwachsen werden. Denn wenn man erwachsen ist, schlagen einem die Männer ungefragt auf den Hintern.

Die Kamera begleitet die Mädchen dabei, wie sie die Welt und damit sich selbst kennenlernen. Mit der Frage nach Gott schleicht sich auch die Angst vor dem Tod ins Leben der Mädchen. Und jedes Mal, wenn die Realität keine Antworten mehr auf die vielen Fragen hat, erschaffen sie sich ihre eigene. Dafür verkleiden sie sich, bauen ein kleines Bühnenbild auf und spielen selbst erfundene Szenen. In einer davon schleppt eine Frau ihren arbeitsunfähigen Mann ächzend zum Arzt. Doch das heilende Medikament ist leider zu teuer. Was für ein Ärgernis, dass die Frau nicht arbeiten darf!

A Fabulosa Máquina do Temp
Wenn du eine Zeitmaschine hättest, würdest du in die Zukunft oder in die Vergangenheit reisen?: „A Fabulosa Máquina do Tempo“.© © Eliza Capai | © Eliza Capai

Die Geschlechterfrage und die damit einhergehenden Herausforderungen ziehen sich durchs ganze Programm. So auch in „Chicas Tristes“ (Traurige Mädchen), in dem es um sexuelle Gewalt geht. Die junge Schwimmerin Paula (Darana Alvarez) wird von ihrem Schwarm auf einer Party vergewaltigt. Nur langsam schafft sie es, sich ihrer besten Freundin La Maestra (Rocio Guzman) anzuvertrauen. Es beginnt ein Streit zwischen Schuld und Verantwortung, Leid und Leistungsdruck, Stimme und Schweigen. Der Film zeigt, dass sexuelle Gewalt kein reines Erwachsenenthema ist. Es zum Tabu zu machen, hilft also nur einer Gruppe: den Tätern.

Stillgestanden, salutieren! Marsch. Bloß keine Emotionen zeigen!

Deutschland schickt die Produktion „The Lights, They Fall“ von Saša Vajda ins Rennen. In dem Film geht es um den 16-jährigen Ilay (Mohammed Yassin Ben Majdouba), dessen Mutter seit Längerem im Sterben liegt. In schlafwandlerischen Szenen wechselt der Protagonist von Nebenjob zu Nebenjob. Beiläufig begeht er Diebstähle, blockt seine Freunde reflexartig ab, bis er in einem Therapiegespräch sagt: „Ich bin ein Geist. Sie sehen mich, obwohl ich nicht da bin.“ Ein Gefühl, das junge Männer besonders in diesem Alter wohl häufiger spüren dürften.

Denn die neue Männlichkeitswelle, die mit Donald Trump, Wladimir Putin und Maximilian Krah über die Welt hereinbricht, ist kalt. Stillgestanden, salutieren, Marsch! Wer emotional ist, soll das bitte nicht so raushängen lassen. Für junge Männer bedeutet das, nie einen gesunden Umgang mit den eigenen Gefühlen zu lernen. Besonders, wenn die Mutter nicht mehr ansprechbar ist wie bei Ilay. Auch hier dreht sich also wieder alles um das Thema Geschlecht.

Auch interessant

Es ist schon sonderbar, dass politisch tragende Kräfte immer wieder sagen, man solle doch Kinder mit diesen Themen in Ruhe lassen. Besonders in der Schule gebe es doch Wichtigeres, als über geschlechtliche Selbstfindung zu sprechen. Die Filme der Generation-Sektion zeigen, dass es nicht die Schule ist, die die Themen in die Köpfe von Jugendlichen trägt. Es ist das Leben. Ein kleines Mädchen aus Brasilien kann von allein nicht verstehen, warum es nicht arbeiten darf, aber der große Bruder schon.

Donnerstag

Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost

Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

In „Chicas Tristes“ muss ein Opfer sexueller Gewalt erst einmal ChatGPT fragen, ob das gerade eine Vergewaltigung war. Versagt eine Erwachsenenwelt nicht da, wo Kinder Künstliche Intelligenz brauchen, um die Welt zu verstehen? Geschweige denn das Thema mit der Männlichkeit. Drei von vier Suiziden werden von Männern begangen. Dazu zählen auch Jugendliche. Und wo steht so etwas wie Geschlechterreflexion in Lehrplänen? Der Trend geht eher in die andere Richtung. Bloß nicht darüber reden, das ziemt sich nicht als Mann.

Geschlecht ist aber natürlich nicht das einzige Thema, das den Jugendfilm beschäftigt. In dem dokumentarischen Kurzfilm „Memories of a Window“ erzählen Mehraneh Salimian und Amin Pakparvar von den Versuchen einer Revolution im Iran. Und über deren brutale Unterdrückung durch den islamistischen Machthaber Ali Khamenei. Emotional wird das, wenn ein Soldat eine Filmemacherin bei ihrer Tätigkeit durch ihr Autofenster erschießt. Im Kino sieht das Publikum die nur schwer zu ertragenden Originalaufnahmen. Was für eine Kraft muss ein Land haben, das trotz dieser Erlebnisse immer noch „Tod dem Diktator“ ruft?

Die Sektion Generation bietet bleibende Eindrücke. Mit Spielfilmen, Dokumentationen und zahlreichen Kurzfilmen. Das Programm ist wie immer in Filme für Kleinkinder (Kplus) und Jugendliche (14plus) gestaffelt. Neben Geldpreisen gibt es auch zwei gläserne Bären zu gewinnen. Einen für Kurzfilme, einen für Langfilme. Doch das ist eher nebensächlich. Wichtig ist, endlich den Kindern zuzuhören.