Es begann nicht mit einer Idee, sondern mit einem Scheitern. Dieter Mammel bekam plötzlich nicht mehr das Material, mit dem er seit Jahrzehnten arbeitet. Die gewohnte Leinwand war nicht lieferbar, die vertraute Tuschtechnik nicht anwendbar. Das Zusammenspiel von Wasser, Zufall und Figürlichem funktionierte nicht mehr. Aus diesem Umstand entwickelte sich seine Werkserie „Schnee“ für die Galerie Poll. Bilder von großer Reduktion, entstanden aus einer emotionalen Notwendigkeit, die weit über Fragen der Materialknappheit hinausgeht.

Zeitlich schließt die Ausstellung an Mammels Projekt „Lifeline“ an, in dem er sich über Jahre mit der Fluchtgeschichte seiner eigenen Familie auseinandergesetzt hat. Krieg, Vertreibung und Heimatverlust wurden in Tuschearbeiten verhandelt, in denen der Mensch im Zentrum stand. „Ich bin an die Orte gereist, habe dort recherchiert und wurde mit meiner eigenen Geschichte konfrontiert“, sagt der Maler.
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Nach zwei Jahren Laufzeit in rumänischen, serbischen und deutschen Museen merkte er, dass er emotional an seine Grenzen gestoßen war. Er begann von Bombenhagel und Flucht zu träumen – Ereignissen, die er, geboren 1965 in Reutlingen, selbst nie erlebt hat. Die Konsequenz war radikal: „Ich konnte keine Menschen mehr malen.“ Es sei keine bewusste Verweigerung gewesen, sondern Selbstschutz. Die Landschaft half ihm dabei.

Das Gemälde „Bach“ (2025) zeigt, wie diese Bildsprache aussieht. Ein schmaler Wasserlauf aus Tusche zieht sich durch eine helle Schneedecke, dunkle Baumstämme rahmen das Motiv. Der Bach ist kein dramatisches Naturereignis, sondern eine Bewegung, die sich vorsichtig durch das Bild tastet. Entscheidend ist das Weiß: Mammel malt hier nicht mehr die Schatten mit Tusche, sondern das Licht mit Grundierweiß. Schnee ist dabei kein Motiv, sondern das Resultat der Arbeit mit einer dunklen Leinwand und „der Suche nach Hoffnung als Ausweg aus der Dunkelheit“.

Auf den ersten Blick sind diese Bilder menschenleer. Und doch sind sie nicht menschenlos. In vielen Arbeiten der Ausstellung ist der Mensch nicht verschwunden, sondern zurückgenommen. Er erscheint nicht mehr als Figur, sondern als Spur, als Bewegung, als zeitlicher Abdruck im Raum. In „Fünf vor 12“ (2024) durchzieht eine Folge von Fußspuren die helle Fläche. Sie setzen am Rand des Bildes an, führen ins Offene und folgen dem dunklen Schatten einer einsamen Person.

Die Figur selbst ist nur angedeutet, fast schon nebensächlich. Entscheidend ist nicht, wer dort geht, sondern dass gegangen wird. Der Weg wird zur eigentlichen Bildhandlung. Mammel hat sich hier bewusst von biografischer Zuschreibung gelöst. „Es ist nicht mehr meine Mutter, meine Großmutter, keine bestimmten Personen“, sagt der 61-Jährige über diese neuen Arbeiten. „Es ging um Wege, um Spuren, um das, was man nachvollziehen kann.“

In dieser Konzentration auf Weite, Natur und Zeitlichkeit lassen sich kunsthistorische Bezüge erkennen, ohne dass sie illustrativ eingesetzt würden. Die Reduktion der Figur und Präsenz der Landschaft erinnern an die romantische Tradition eines Caspar David Friedrich, bei dem der Mensch ebenfalls oft klein bleibt gegenüber dem Raum, den er durchquert. Zugleich liegt in der existenziellen Vereinzelung der Figuren und Spuren eine Nähe zu Edvard Munch, dessen Landschaften weniger Naturbeschreibung als seelische Zustände sind. Mammel greift diese Haltungen auf, ohne sie zu zitieren: Die Landschaft wird zum Träger innerer Auseinandersetzung. „In fast allen meiner Arbeiten ist eine tiefe Melancholie und Romantik enthalten“, beschreibt er es selbst.
Galerie Poll, Gipsstraße 3, Mitte, Geöffnet Di.–Sa. von 12–18 Uhr. Bis 28. Februar.


