Wer den Namen Lucile Hadžihalilović bislang nicht kannte, begegnet mit „Herz aus Eis“ einer Regisseurin, die Kino nicht als bloßes Erzählmedium versteht, sondern als Erfahrungsraum. Die französische Filmemacherin, deren Arbeiten lange eher ein Geheimtipp für Festivals waren, wurde mit diesem Film einem breiteren Publikum bekannt.
Ein verwaistes Mädchen und ein verwöhnter Filmstar
„Herz aus Eis“ lief im Februar im Wettbewerb der Berlinale und wurde dort mit dem Silbernen Bären für die beste künstlerische Leistung ausgezeichnet. Ende November würdigte die Französische Filmwoche die 64-Jährige mit einer Werkschau ihrer vier Langfilme. Nun kommt ihr neuer Film ins Kino.
Nach dem Tod ihrer Mutter lebt die 16-jährige Jeanne (Clara Pacini) in einem abgelegenen Kinderheim hoch in den Savoyer Alpen. Sie ist still, aufmerksam, früh erwachsen geworden. Abends liest sie den jüngeren Kindern immer wieder Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ vor, eine Geschichte von eisiger Schönheit und bedingungsloser Hingabe, die für Jeanne weit mehr ist als bloße Fantasie. Als sie eines Tages aus dem Heim flieht, scheint sie dieser Geschichte regelrecht entgegenzugehen.
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In einer winterlichen Kleinstadt beobachtet Jeanne an einer Eisbahn eine junge Frau, die mit müheloser Eleganz über das Eis gleitet. Als diese ihre Handtasche verliert, nimmt Jeanne sie an sich. Und mit ihr eine neue Identität. Fortan nennt sie sich Bianca. Doch auch mit neuem Namen bleibt sie heimatlos. In der Nacht sucht sie Schutz in einem scheinbar verlassenen Gebäude.
Ein Filmstudio als Zwischenreich aus Kulissen, Miniaturen und Projektionen, in
Am Morgen erlebt sie etwas, das wie ein Wunder erscheint: Schnee fällt von der Decke, Licht glitzert, und vor ihren Augen erscheint eine schwebende Gestalt in funkelndem Weiß – die Schneekönigin. Erst ein scharfes „Cut!“ entzaubert den Moment. Jeanne ist auf einem Filmset gelandet, auf dem gerade eine Adaption von Andersens Märchen gedreht wird.

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Hadžihalilović verschränkt in „Herz aus Eis“ Realität und Fiktion so eng, dass das Kino selbst zur Märchenwelt wird. Das Filmstudio wird zu einem Zwischenreich aus Kulissen, Miniaturen und Projektionen, in dem Jeanne Zuflucht findet und zugleich in eine neue Abhängigkeit gerät. Als Statistin eingeschleust, begegnet sie der Hauptdarstellerin Cristina de Berg (Marion Cotillard), einer berühmten, gefürchteten Filmdiva, die die Schneekönigin verkörpert. Cristina ist kühl, launenhaft, von auratischer Schönheit. Und entdeckt das Mädchen sofort.
Zwischen der Frau und dem Mädchen entwickelt sich schnell eine gefährlich intensive Beziehung. Für Jeanne wird Cristina Projektionsfläche für Muttersehnsucht, Bewunderung und erotisches Begehren. Für Cristina wiederum scheint Jeanne Spiegel der eigenen Vergangenheit und Objekt, an dem sich Macht erproben lässt. Had- žihalilović erzählt diese Dynamik über Blicke, Gesten und Rituale: gemeinsames Sitzen im Vorführraum, das Annehmen von Haltungen, das beredte Schweigen zwischen zwei Sätzen. Je länger Jeanne bleibt, desto ununterscheidbarer werden Märchen, Filmrolle und Realität.
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Formal ist „Herz aus Eis“ ein betörend schöner Film. Die Kamera taucht Landschaften und Innenräume in frostige Blau- und Weißtöne, unterbrochen von schneidend klaren Farbakzenten. Die Musik verstärkt den tranceartigen Zustand, in den der Film sein Publikum versetzt. Marion Cotillard spielt die Cristina als majestätische, beinah unnahbare Erscheinung, eine Paraderolle für die französische Kino-Ikone, die damit mit ihrem eigenen Image der exaltierten Diva spielt. Clara Pacini als Jeanne ist wiederum eine bemerkenswerte Entdeckung, die in ihrer Rolle mit stiller Intensität überzeugt.
Dass der Regisseur des Films im Film von Gaspar Noé gespielt wird, der nicht nur ein berühmt-berüchtigter Filmemacher („Irreverisibel“) ist, sondern auch Hadžihalilovićs Lebenspartner, fügt eine weitere selbstreferenzielle Note hinzu. In einer Nebenrolle ist zudem August Diehl als Cristinas mysteriöser Begleiter Max zu sehen.
Ein Märchen aufs Erwachsenwerden - und eine Reflexion über das Kino
Zugleich fordert der Film einiges an Geduld. Die Handlung entfaltet sich langsam, Konflikte werden angedeutet, nicht ausgespielt. Klassisches Erzählkino sollte man nicht erwarten, die kühl-distanzierte Inszenierung interessiert sich weniger für eine Geschichte mit Auflösung denn für eine immersive Erfahrung, ein Verlieren in den Bildern.
„Herz aus Eis“ ist damit nicht nur ein Märchen über das Erwachsenwerden, sondern auch eine eigenwillige und hypnotische Reflexion über das Kino selbst und seine Fähigkeit zu verführen. Wenn man sich denn darauf einlassen möchte.
Fantasydrama, Frankreich 2025, 117 min., von Lucile Hadžihalilović, mit Clara Pacini, Marion Cotillard, August Diehl, Gaspar Noé.




