Die Eröffnung ist seit Jahren bei jedem Konzert gleich: „Meine Damen und Herren“, sagt eine computergenerierte Stimme, „heute Abend die Mensch-Maschine: Kraftwerk“. Von den Maschinisten der aktuellen Besetzung läuft nur Band-Mitgründer Ralf Hütter Gefahr, womöglich im richtigen Leben von Fans erkannt zu werden. Die drei anderen Kraftwerker (Henning Schmitz, Falk Grieffenhagen und Henning Bongartz) kennen viele Besucher in der Uber Eats Music Hall wohl nicht mal dem Namen nach.

Bei Kraftwerk ist der einzelne Musik-Arbeiter austauschbar - nur Ralf Hütter nicht

Es ist auch egal, denn im Kraftwerk-Kosmos ist der einzelne Musik-Arbeiter austauschbar, wie Ralf Hütter zu einer Zeit, als er noch Interviews gegeben hat, einmal erklärte: „Der ganze Ego-Aspekt der Popmusik ist langweilig, das interessiert uns nicht.“ In einem Anflug von Witzigkeit sagte er an anderer Stelle: „Unsere Schlagzeuger schwitzen nicht“.

Ohne erkennbare körperliche Anstrengung stehen Hütter (79) und seine drei Mitstreiter in identischen fluoreszierenden Ganzkörperanzügen hinter ebenfalls identischen Konsolen. Was darin an Keyboards und Tablets, Knöpfen und Reglern verbaut ist, können die Zuschauer nicht sehen.

Ganz gefühllos sind die „Roboter“ aus Düsseldorf dann doch nicht. Beim Abmarsch nach zwei Stunden, als sich die Musiker knapp verbeugen, legt Hütter tatsächlich die Hand aufs Herz. Und als er die einzige Coverversion des Abends ansagt („Merry Christmas, Mr. Lawrence“ von Ryuichi Sakamoto), würdigt er den 2023 verstorbenen Musiker als guten Freund.

„Radioaktivität“ wurde erst spät zu einem Anti-Akw-Statement

Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zum wichtigsten Song im Repertoire der Düsseldorfer Elektro-Pioniere: „Radio-Aktivität“. Als Kraftwerk den Song 1975 veröffentlichten, war der Text technologieoffen. Erst nach dem Reaktorunglück von Tschneronbyl 1986 aktualisierte und schärfte die Gruppe den Text, ein weiteres Mal 2011 nach dem Super-GAU von Fukushima. Sakamoto half damals mit den japanischen Lyrics.

Donnerstag

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Der Kontrast zwischen betörender Kindermelodie und den maximal bedrohlichen Bässen wird noch verstärkt durch die emotionslose Computerstimme, die die einschlägigen Ortsnamen voträgt: Tschernobyl, Harrrisburrg (tatsächlich mit teutonisch rollendem R!), Sellafield.

„Autobahn“ spielen Kraftwerk in einer Kurzfassung - acht Minuten sind genug

Ein weißer VW-Käfer mit dem amtlichen Kennzeichen D-KR 70 auf der Videowand läutet „Autobahn“ ein, den Track, mit dem Kraftwerk ihre Karriere Mite der 70er-Jahre (über den Umweg USA) in Fahrt brachten. Die komplette Schallplattenseite mutet Hütter den etwa 4000 Besuchern aber nicht zu, Kraftwerk spielen eine leichter verdauliche Acht-Minuten-Version.

Kraftwerk, Konzert, Berlin, 09.12.2025
Kraftwerk in Berlin - die Musiker lösen sich beinahe auf in den eindrucksvollen Videoprojektionen. © IMAGO/Berlinfoto | IMAGO

Die visuelle Unterstützung der Songs ist wie immer bei Kraftwerk perfekt. Zu „Spacelab“ wird eine Raumstation projiziert, die auch ohne die 3-D-Brillen früherer Konzertreihen sehr plastisch wirkt. Bei „Computerwelt“ purzeln Nullen und Einsen über die Leinwand, und ein prähistorischer Computerklotz.

1981 war das Kraftwerk-Album „Computerwelt“ seiner Zeit weit voraus

Als das gleichnamige Album im Mai 1981 veröffentlicht wurde, war es seiner Zeit weit voraus, heute entlockt der Text („Interpol und Deutsche Bank/FBI und Scotland Yard/Flensburg und das BKA/haben unsere Daten da“) den meisten Menschen höchstens ein resignatives Lächeln. So isses, kannste nix machen.

Ralf Hütter hat den Kraftwerk-Katalog in den vergangenen 15 Jahren museumsreif und Hochkultur-kompatibel gemacht, mit Konzertreihen im New Yorker MoMA, der Tate Modern und der Neuen Nationalgalerie. Das eigentliche Werk gilt seit dem Album „Tour de France“ von 2003 als abgeschlossen.

Konzert der Gruppe Kraftwerk
Ralf Hütter (79) gründete Kraftwerk 1970 mit Florian Schneider. © FUNKE Foto Services | Jonas Richter

Wobei ja das erste Gebot im Showgeschäft heißt: Sag niemals nie! Und so lassen auch sich Kraftwerk eine kleine Hintertür offen. Im letzten Song vor der Zugabe singt Hütter: „Es wird immer weitergehn/Musik als Träger von Ideen“.